Bezirksgericht Zofingen

Rentner muss wegen erfundenem Überfall ins Gefängnis

Der Angeklagte behauptete, dass er von zwei maskierten Männern in seiner Wohnung ausgeraubt worden sei. Das Gericht schenkte dem 74-jährigen Mann aber keinen Glauben. symbolbild Shutterstock

Der Angeklagte behauptete, dass er von zwei maskierten Männern in seiner Wohnung ausgeraubt worden sei. Das Gericht schenkte dem 74-jährigen Mann aber keinen Glauben. symbolbild Shutterstock

Ein 74-jähriger Deutscher musste sich wegen Irreführung der Rechtspflege verantworten. Das Bezirksgericht Zofingen kaufte ihm die Geschichte vom bewaffneten Raubüberfall in seinem Haus nicht ab.

«Wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich in meinem Zuhause beraubt worden war? Sauwohl», gab der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Zofingen ironisch zu Protokoll. «Natürlich fühlte ich mich schlecht und hatte eine Heidenangst», ergänzte er dann ohne ironischen Unterton. Der 74-jährige angeblich Geschädigte wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Irreführung der Rechtspflege, Betrugs, versuchten Betrugs und Urkundenfälschung angeklagt. Aufgrund von Erkrankungen der Verteidigerin und des beschuldigten Rentners musste die Verhandlung dreimal verschoben werden und fand nun fünf Jahre nach dem angeblichen Raubüberfall statt.

Die Frage nach der Pistole

«Ich habe mit meinem Nachbarn Champagner getrunken, bin dann nach Hause gegangen und dachte mir, dass ich noch ein Brot backen könnte», beschrieb der Beschuldigte die Tatnacht. «Plötzlich hat es an der Schiebetüre bei der Küche geklopft und ich habe sie mit der freien Hand geöffnet», so der Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft. Dies habe er getan, weil nur Freunde und Bekannte diesen Eingang kannten. «Dann stürmten zwei maskierte Männer in meine Wohnung und stiessen mich so auf den Boden, dass ich auf der anderen Seite der Küche auf der Erde liegen blieb.»

Die beiden Männer hätten Geld, Schmuck und den Safe-Code gewollt. «Ich habe aber geschwiegen.» Da sei der eine Mann in sein Schlafzimmer gegangen, habe dort herumgewühlt und den Knüppel geholt, den sich der 74-jährige zum Schutz zugelegt habe. «Er schlug mir damit aufs Bein, danach sah ich den Lauf einer Pistole auf mich gerichtet und hatte Angst.»

Wie er sich dann erklären könne, dass im Zimmer ein Chaos herrschte und alle Schubladen offen waren, ausser die Nachttischschublade, in welcher sein Revolver lag, fragte Gerichtspräsident Christian Sigg nach. «Da haben sie vielleicht nicht reingeschaut», so der Beschuldigte.

Dann habe einer der Männer fünf oder sechs Teller genommen und zur Drohung in den Mülleimer geworfen. «Danach konnte ich mich am Küchentresen hochziehen und ging mit ihnen in den Keller zum Safe», erklärte der Beschuldigte. Weil er dreimal den falschen Code eingegeben hatte, musste er den Notschlüssel suchen. «Den habe ich im Werkzeugschrank nebenan in einer Klemmleiste gefunden.» Jeglichen Schmuck, der im Safe war, hätten die beiden «Räuber» in einer Plastiktasche mitgenommen. «Sie sagten mir noch, dass ich die Polizei nicht rufen soll, weil sie sonst wiederkämen.»

Der Beschuldigte wurde auch auf die Urkundenfälschung angesprochen. Dabei ging es darum, dass der Beschuldigte aufgrund von Arbeiten an seinem Wasserbecken eigenhändig eine Rechnung auf einem offiziellen Formular eines Unternehmens ausstellte und diese an seine Versicherung schickte. Von der Tatsache, dass es sich dabei um Urkundenfälschung handelte, habe der 74-Jährige nicht gewusst. «Ich dachte, dass ich meiner Versicherung eine Rechnung aushändigen muss, damit ich mein Geld erhalte», so der ältere Mann. Auch dass er zu viel Geld für die eigenhändig ausgeführten Arbeiten verlangte, negierte der Beschuldigte.

Während die Verteidigung mithilfe von Zeugenaussagen und Schmuckzertifikaten versuchte, die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten zu beweisen, sprach die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer eine weitere Ungereimtheit des Falles an. So habe die Spurensicherung im ganzen Haus nur die Fuss- und DNA-Spuren des Beschuldigten gefunden.

Unglaubwürdiges Lügenhaus

Weil bereits bei der ersten Einvernahme immer wieder Fragen aufgetaucht sind und der Beschuldigte mit neuen Details und anderen Erklärungen diese zu beantworten versucht hat, beurteilte das Gesamtgericht die Darstellung des Raubüberfalls als unglaubwürdig. Es gehe nicht darum, ob er den Schmuck wirklich besessen habe, aber die Schilderungen des Beschuldigten hätten teilweise grobe Unstimmigkeiten hervorgerufen. «Ein Beispiel dafür ist die Pistole, von welcher der Beschuldigte bisher in keiner Einvernahme erzählt hat. Und an so etwas würde sich eine Person noch erinnern», sagt Gerichtspräsident Christian Sigg.

Ähnlich sehe es beim zweiten Anklagepunkt aus. Die ausgestellte Rechnung sei eine Urkundenfälschung. Ebenso sei die Bereicherungsabsicht, welche der Beschuldigte selber zugegeben habe, für einen Betrug gegeben.

Deshalb sprach das Bezirksgericht den 74-Jährigen in allen Anklagepunkten schuldig und verurteilte ihn zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren, wobei sechs Monate unbedingt vollzogen werden. 94 Tage der Untersuchungshaft werden angerechnet. Ebenso wurde die Zivilklage gutgeheissen, womit er der betrogenen Versicherung rund 13 500 Franken, sowie die Parteientschädigung zahlen muss. Dem Beschuldigten werden die Verfahrens- und Verteidigungskosten auferlegt und seine beschlagnahmten Gegenstände wieder ausgehändigt.

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