Was sie am Dienstag im Grossen Rat erlebte, beschäftigt Renate Gautschy noch heute. «Ich bin sehr erschrocken», sagt die FDP-Grossrätin und Präsidentin der Gemeindeammänner-Vereinigung und meint den Moment, als ihre Parteikollegin Sabina Freiermuth eine Fraktionserklärung von FDP, Grünen und CVP zu Regierungsrätin Franziska Roth verlas. Gautschy sagt dazu: «Das war unter jedem Titel ein wortgewaltiger öffentlicher Angriff.»

Roth wurden in der Erklärung die Leviten gelesen: Sie äussere sich gegenüber Grossräten respektlos, es fehle an Wertschätzung und Vertrauen, und die Kommunikation zwischen Regierungsrätin und den Kommissionen lasse zu wünschen übrig, sagte FDP-Fraktionspräsidentin Freiermuth beim Verlesen der Erklärung. «Vieles war zu tiefst verletzend», gibt Gautschy zu bedenken. Sie, die selber in der FDP und damit auch Mitglied der Fraktion ist, habe kaum glauben können, was sie hörte.

«Ich wusste um die Fraktionserklärung und auch um die Kritik an Regierungsrätin Roth. Aber diesen Wortlaut habe ich nicht erwartet.» Wegen einer längeren Abwesenheit habe sie sich im Vorfeld nicht mit dem Inhalt beschäftigen können, jedoch am Morgen darauf hingewiesen, dass der Umgang «anständig» sein müsse. Man habe ihr das auch so zugesichert, sagt Gautschy.

Quereinstieg als Problem?

Als Präsidentin der Gemeindeammännervereinigung arbeitet Renate Gautschy eng mit Gesundheits- und Sozialdirektorin Roth zusammen. «Die Zusammenarbeit ist gut», sagt sie. Dass es auch Anlass für Kritik gebe, sei ihr zwar bewusst, sagt die Grossrätin, aber: «Ich wünschte mir, dass diese persönlich angebracht wird und nicht zu einer öffentlichen Ausschlachtung verkommt.»

Für Gautschy ist klar, dass die massive Kritik an Regierungsrätin Franziska Roth ausser acht lasse, dass diese erst seit zwei Jahren im Amt ist und dieses erst noch als Quereinsteigerin angetreten hat. «Es braucht eine gewisse Lehrzeit, um in eine solche Funktion hineinzufinden», sagt die FDP-Grossrätin. Das sei nicht zuletzt dem Milizsystem für die meisten politischen Ämter in der Schweiz geschuldet. «Hat dieses System noch Zukunft, wenn erwartet wird, dass jeder und jede sofort Profi werden kann?», fragt Gautschy. Gerade die Gemeinden seien aber auf Personen angewiesen, die neben ihrem Broterwerb auch noch politisch tätig sind.

In der Regel wird jemand erst mit der Annahme eines kantonalen Exekutivamts vollberuflich Politikerin, zuvor kommt oft eine Ochsentour: Vom Gemeinderat in den Grossen Rat, vielleicht in den Nationalrat, erst dann kommt der Regierungsrat. Bei Franziska Roth war das anders. Doch: «Die Wählerinnen und Wähler haben sie im Wissen darum, dass sie eine andere Karriere gemacht hat, mit einem Glanzresultat gewählt», gibt Gautschy zu bedenken. Bevor sich Roth in den Regierungsrat hat wählen lassen, war sie Gerichtspräsidentin, hat aber weder in Gross- noch Nationalrat gesessen.

«In einem solchen Fall braucht es von allen Seiten ein konstruktives Miteinander», findet Renate Gautschy. Auch Kritik könne dabei unterstützend wirken, «so, wie sie Franziska Roth entgegengebracht wird, ist es aber überhaupt nicht konstruktiv.»

Die Frauen und das DGS

Neben der Herausforderung, Quereinsteigerin zu sein, sieht Renate Gautschy bei Franziska Roth noch zwei weitere Aspekte, die zu übermässiger Kritik führen könnten: Sie ist eine Frau und führt das Departement Gesundheit und Soziales (DGS).

Das ist tatsächlich eine Konstante, denn auch Susanne Hochuli (Grüne) wurde in dieser Funktion scharf kritisiert, die freisinnige Stéphanie Mörikofer einst sogar abgewählt. Auch sie war DGS-Vorsteherin. «Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass es Frauen nicht unbedingt schwieriger haben als Männer. Aufgrund des Ereignisses vom Dienstag und der Tatsache, dass Franziska Roth bereits die dritte Frau ist, die in dieser Funktion dermassen scharf kritisiert wird, sehe ich das heute anders», sagt Gautschy. Eine Frau Regierungsrätin scheine im DGS einen schweren Stand zu haben.

Keine Kritik in der Sache

Susanne Hochuli wurde vor allem vom politischen Gegner kritisiert – auch von Gautschy – dies bei sachpolitischen Fragen wie Asylunterkünften. Franziska Roths Politik hingegen spielt bei der Kritik an ihr kaum eine Rolle, es geht viel mehr um die Zusammenarbeit. Das macht die Lage für Gautschy aber sogar noch schlimmer, wie sie sagt: «Charaktere unterscheiden sich, deshalb arbeiten Politiker auch unterschiedlich. Das muss nicht öffentlich kritisiert werden». Auch hier findet Gautschy, dass das persönliche Gespräch und mehr Unterstützung in den ersten vier «Lehrjahren» zielführender wären.