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Religionsexperte: «Die Freimaurerei hat an Bedeutung verloren»

Bei den Tempelritualen tragen Freimaurer diverse Anhänger.

Bei den Tempelritualen tragen Freimaurer diverse Anhänger.

Die Freimaurer werden in der Öffentlichkeit relativ oft mit politischer Unterwanderung in Verbindung gebracht. Religionsexperte Georg Otto Schmid ordnet den Verein ein.

Herr Schmid, woher stammt die allgemein verbreitete Wahrnehmung, dass die Freimaurer ein geheimer Bund sind, dessen Mitglieder wichtige Posten unterwandern?


Georg Otto Schmid: Als Bewegung, welche im 18. Jahrhundert für eine liberale Gesellschaft eintrat, war die Freimaurerei Verfolgungen vonseiten absolutistischer Regimes ausgesetzt. Deshalb organisierte sie sich verdeckt. Nachdem sich der liberale Staat durchgesetzt hatte, wirkte die klandestine Vorgehensweise konspirativ und verdächtig. Deshalb agiert die Freimaurerei seit ein paar Jahrzehnten offener.

Was sagt man den Freimaurern sonst noch nach?

Die Freimaurer kommen nebst den Illuminati, dem Weltjudentum, den Bilderbergern, den Reptilianern und Ausserirdischen in Verschwörungstheorien als vermeintliche Herrscher der Welt vor.

Sind diese Annahmen über die Freimaurer reine Vorurteile und Missverständnisse?

In der Schweiz war ein Grossteil der Radikalen Bewegung des 19. Jahrhunderts, die den Bundesstaat von 1848 geschaffen und jahrzehntelang dominiert hat, in der Freimaurerei aktiv. Der erste Bundespräsident der Schweiz, Jonas Furrer, zählte bekanntermassen zu den Freimaurern. Vermutlich war er nicht der einzige Maurer im ersten Bundesrat. Es gab eine Zeit, in welcher Freimaurer in der Schweiz politisch bedeutsam, möglicherweise sogar dominant waren. Heute ist ihre Mitgliederzahl und damit ihr Einfluss weit geringer.

Solche Vereine werden schnell einmal als Sekte bezeichnet und als gefährlich wahrgenommen. Wo liegen die wesentlichen Unterschiede?

Sekten sind nach den gängigen Definitionen autoritäre und hierarchische Gemeinschaften mit bedingungsloser Unterwerfung der Mitglieder unter den Willen der Führung, radikaler Abschottung gegenüber dem Rest der Gesellschaft und rigider Kontrolle der Anhängerschaft. All dies kommt bei den Freimaurern nicht vor.

Wie hat sich die Bedeutung der Freimaurer über die Jahre hinweg verändert?

Die Freimaurerei hat ziemlich stark an Bedeutung verloren, was einerseits an ihrem Erfolg liegt – das Ziel eines liberalen Staates ist in der Schweiz 1848 erreicht worden –, zum anderen an der Konkurrenz durch Service Clubs wie etwa «Rotary», «Lions» und «Kiwanis». Wenn man sich heute mit Vertretern anderer Branchen treffen, Beziehungen knüpfen und sich für gemeinnützige und soziale Zwecke engagieren will, kann man das in den Service Clubs tun, ohne die eigenartigen Rituale der Freimaurerei absolvieren zu müssen. Deshalb leidet die Freimaurerei in der Schweiz an Mitgliederschwund und Überalterung.

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