Die Zahlen im Jahresbericht 2017 sind alarmierend. So alarmierend, dass die Revisionsstelle in ihrem Bericht auf Massnahmen hinweist, die bei Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung der Stiftung zu beachten wären. Das Frauenhaus hat das letzte Jahr mit einem Defizit von 724'673 Franken abgeschlossen. Das sind verglichen mit dem Vorjahr fast eine halbe Million Franken mehr. Und bereits 2016 war die finanzielle Lage mit einem Minus von rund 260'000 Franken kritisch. Das Jahr 2017 sei wohl das «bislang schwierigste Jahr» in der Geschichte des Frauenhauses gewesen, heisst es im Jahresbericht der Stiftung Frauenhaus Aargau-Solothurn.

Das Frauenhaus ist eine Einrichtung gemäss Betreuungsgesetz. Laut diesem Gesetz muss der Kanton die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen sicherstellen. Zu diesen Menschen gehören auch die Frauen und allenfalls ihre Kinder, die im Frauenhaus Schutz vor ihren gewalttätigen Männern und Vätern suchen. Der Kanton Aargau, genauer die Abteilung Sonderschulung, Heime und Werkstätten des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS), schliesst mit den Betreuungseinrichtungen Leistungsverträge ab. Darin werden auch die Pauschalen festgelegt, die das Frauenhaus pro Frau und Tag erhält.

Der Nachteil solcher Tagespauschalen liegt auf der Hand: Ist das Frauenhaus voll, ist die Finanzierung gesichert. Sind die Betten leer, bleibt auch die Kasse leer. Trotzdem müssen Fixkosten wie Lohn und Miete bezahlt werden. Das Rekord-Defizit widerspiegle die «sehr tiefe Auslastung im Jahr 2017», sagt BKS-Sprecherin Simone Strub.

Schliessen kommt nicht infrage

«Die Zahlen zeigen, dass wir nicht dort sind, wo wir sein wollen und sein müssten», sagt auch Carmen Sidler. Sie ist seit Mitte April Geschäftsführerin der Stiftung und damit verantwortlich, dass die beiden Betriebe – das Frauenhaus und die sozialpädagogische Wohngruppe Chleematt – laufen. Keine einfache Aufgabe.

Das Frauenhaus wegen des Rekord-Defizits zu schliessen, ist aber weder für Carmen Sidler noch für Stiftungsratspräsidentin Monika Küng eine Option. Seit Anfang Jahr sei das Frauenhaus voll belegt, sagt Küng, die für die Grünen im Grossen Rat sitzt. «Das zeigt, dass es das Frauenhaus Aargau-Solothurn braucht. Wir können Frauen in Notsituationen nicht im Stich lassen.» Häusliche Gewalt verursache grundsätzlich nur Kosten. Mit einem Frauenhaus grosse Gewinne einzufahren, sei deshalb unrealistisch. Trotzdem müssten die Finanzen der Stiftung «längerfristig» wieder ins Lot kommen.

Im Moment werde «analysiert, wo der Betrieb steht, wo er hinsoll und wie der Weg dorthin aussieht», sagt Carmen Sidler. Konkret soll das Team im laufenden Jahr stabilisiert und Vertrauen geschaffen werden. 2019 wollen die Verantwortlichen wieder ein verlässlicher Vertragspartner sein und Notfallplätze für Jugendliche ausbauen. Dabei sind die Verantwortlichen auch in Kontakt mit den Kantonen Aargau und Solothurn.

Sockelbeiträge «nicht möglich»

Sockelbeiträge, die unabhängig von der Belegung der Betten fliessen, wären eine Lösung für das Finanzproblem und würden für Planungssicherheit trotz schwankender Auslastung sorgen. SP-Nationalrätin Yvonne Feri sagte bereits vor einem Jahr gegenüber der AZ, dass sie ein solches Modell, das einige Kanton kennen, auch für den Aargau begrüssen würde.

Simone Strub vom BKS sagt jedoch, eine Finanzierung über einen Sockelbeitrag sei «nicht möglich». Das gelte für das Frauenhaus und alle anderen Einrichtungen mit Leistungsvertrag nach Betreuungsgesetz. Ausserdem habe sich die bisherige Finanzierung seit 2008 bewährt. «Die Finanzierung durch Pauschalen ermöglicht dem Frauenhaus einen grossen unternehmerischen Handlungsspielraum, da die verfügbaren Mittel im Sinne eines Globalbudgets eingesetzt werden können», sagt Strub. Das Defizit der Stiftung gefährde denn auch die Leistungsvereinbarung nicht, sagt Strub. «Der Bedarf für die 15 Plätze im Frauenhaus ist ausgewiesen.» Das zeige auch die gesamtschweizerische Situation.

Zu wenig Plätze für Frauen in Not

Wegen Platz- und Geldmangels mussten Frauenhäuser letztes Jahr jedes vierte Gewaltopfer abweisen. Das berichtete kürzlich der «Sonntagsblick» und berief sich dabei auf unveröffentlichte Zahlen der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser. Demnach fanden 612 Hilfe suchende Frauen und ebenso viele Kinder bei der von ihnen angefragten Institution keinen Platz. Einige von ihnen konnten an ausserkantonale Frauenhäuser vermittelt werden, schreibt der «Sonntagsblick». Andere seien in einer Pension gelandet oder hätten eine Lösung im privaten Umfeld finden müssen. Susan Peter, die Präsidentin der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser, sprach von einem «unhaltbaren Zustand». Es brauche dringend «mehr Plätze und mehr Personal». Frauenhäuser seien chronisch unterfinanziert. Viele seien noch immer auf Spendengelder angewiesen.

Zu diesen Häusern gehört das Frauenhaus Aargau-Solothurn. Doch auch die Spendenbeiträge haben letztes Jahr im Vergleich zum Vorjahr um knapp 40'000 Franken abgenommen. Stiftungsratspräsidentin Monika Küng führt das auch auf die negativen Schlagzeilen zurück, die das Frauenhaus zuletzt machte. Vor einem Jahr kritisierten Mitarbeiterinnen in der AZ die Arbeitsbedingungen im Frauenhaus. Arbeitspläne würden zu kurzfristig verschickt, vakante Stellen nicht ausgeschrieben, sodass Angestellte überarbeitet seien, worunter am Schluss die betreuten Frauen leiden würden. Kurzfristig wurde sogar ein Aufnahmestopp verhängt. Einige Mitarbeiterinnen reichten damals die Kündigung ein, anderen wurde gekündigt. Auch die erste Geschäftsführerin hat nach eineinhalb Jahren gekündigt. Das kantonale Arbeitsinspektorat hatte damals eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen eingeleitet. Diese ist noch nicht abgeschlossen.

Zu den zentralen Aufgaben der neuen Geschäftsführerin und des Stiftungsrats gehört deshalb auch, das Vertrauen wieder aufzubauen. Das Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen, zu den Vertragspartnern beider Kantone, zu möglichen Spendern und allen weiteren Partnern. Geschäftsführerin Carmen Sidler ist sich bewusst, dass die Mitarbeiterinnen in den vergangenen Monaten viel mitmachen mussten. «Es ist wichtig, dass sie in absehbarer Zeit eine sichtbare Entlastung spüren.» Sidler ist zuversichtlich, dass das gelingt.

Männer im Stiftungsrat

Auch der Stiftungsrat wird sich für die Zukunft neu aufstellen. Es soll von heute 7 auf bis zu 15 Personen vergrössert werden. «Unser Ziel ist eine breitere Abstützung in der Gesellschaft, um so auch mehr Spendengelder beschaffen zu können», sagt Monika Küng. Weil häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, sollen laut Küng neu auch Männer im Stiftungsrat aufgenommen werden. «Im Sinne der Gleichberechtigung sollen sich Frauen und Männer gemeinsam dafür einsetzen, das Leid der Opfer zu lindern und sie vor Gewalt zu schützen», sagt Küng. Eine fünfköpfige Kerngruppe werde zudem effizienter mit der Geschäftsführung zusammenarbeiten. Geplant seien monatliche Arbeitstreffen. Der «grosse Stiftungsrat» werde sich künftig viermal jährlich treffen und sich vor allem der Vernetzung der Stiftung widmen und das Thema häusliche Gewalt bekannter machen.