Grosses Interview

Regierungsratswahlen: Warum sich Maya Bally für qualifizierter hält als SVP-Konkurrentin Roth

Maya Bally würde als Gesundheitsdirektorin das Tabuthema Spitalkapazitäten auf die Traktandenliste setzen.

Maya Bally würde als Gesundheitsdirektorin das Tabuthema Spitalkapazitäten auf die Traktandenliste setzen.

Mit kaum fünf Prozent Wähleranteil sei der Anspruch der BDP auf Regierungsverantwortung nicht anmassend, findet Kandidatin Maya Bally. Sie bietet sich als bürgerliche Alternative aus der Mitte zur dort umstrittenen SVP-Kandidatin Franziska Roth an.

Die BDP gibt es erst seit Ende 2008, wo hatten Sie eigentlich vorher Ihre politische Heimat?

Maya Bally: Ich war zwar schon immer ein politischer Mensch, aber nicht Mitglied einer Partei, ich wurde 2006 als Parteilose zur Schulpflegepräsidentin in Hendschiken gewählt. Als Wählerin sprachen mich am ehesten FDP und CVP an. Als ich mich dafür zu interessieren begann, selber aktiver in die Politik einzusteigen, habe ich die Mitteparteien während gut drei Jahren genauer beobachtet. Die BDP entsprach mir am besten. Ein Vorteil ist natürlich auch, dass man bei einer so jungen Partei noch selber viel aktiv mitgestalten kann.

Was hat Sie denn als Spätberufene in die Politik gebracht, bei ihrer Wahl in den Grossrat waren sie ja immerhin schon 51?

Bis 2005 war ich beruflich wirklich sehr stark engagiert und gefordert, die letzten Jahre davor in einem 130-Prozent-Management-Job. Da lag neben der Familie nichts anderes mehr drin. Dann fand ich, es sei Zeit kürzer zu treten und etwas anderes zu machen. Ich engagierte mich in der Schulpflege, später im Vorstand der Schulpflegepräsidenten (VASP) und in der kantonalen Schlichtungskommission für Personalfragen. Die Arbeit in diesen Gremien gefiel mir. Als dann die Grossratswahlen 2012 anstanden, galt es zu überlegen: Soll ich wieder vermehrt Mandate in der Privatwirtschaft annehmen oder versuchen, noch stärker in der Politik Fuss zu fassen? Ich habe mich für das Zweite entschieden und es hat auf Anhieb geklappt

Eben als Vertreterin der BDP. Was bietet mir als Wähler die Partei, was ich nicht auch bei der FDP oder CVP finden würde?

Es mögen Nuancen sein, die die Parteien unterscheiden, zugegeben. Aber sie sind eben für die Parteimitglieder und Wähler doch wichtig. Gingen die Mitteparteien in einer Partei auf, wären die Flügelkämpfe in einer solchen noch grösser. Was mir bei den anderen bürgerlichen Parteien auffällt, ist eine manchmal allzu einseitige Fokussierung auf die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist essentiell, keine Frage, aber daneben dürfen der Mensch, die soziale Verantwortung und die Umwelt nicht vergessen gehen.

Regierungswahlen sind zwar Persönlichkeitswahlen, aber dennoch scheint der Regierungsanspruch für eine Fünfprozentpartei doch etwas vermessen. Sind Sie nicht in der falschen Partei, um ernsthaft eine bürgerliche Alternative zur SVP-Kandidatin zu bieten?

Erstens: Wenn die Regierung strikt nach Parteienproporz zusammengesetzt sein soll, dann müsste sie auch im Proporzverfahren gewählt werden. Zweitens wird von allen Seiten betont: Selbstverständlich bringen Regierungsmitglieder eine Grundhaltung mit, aber in der Exekutive steht die Sachpolitik ganz klar vor dem Parteibuch. Als Mittepolitikerin habe ich eine Basis bei mehreren Fraktionen. Es geht bei Majorzwahlen um die Erfahrung der einzelnen Kandidierenden und nicht um Parteisoldaten.

Sie sagten, sie seien auch von ausserhalb der eigenen Partei zur Kandidatur gedrängt worden. Von wem?

Also dazu gedrängt wurde ich nicht, aber ermuntert. Und das hat mir im Entscheidungsprozess natürlich schon geholfen. Von wem? Ich kann dazu nur sagen, dass es natürlich Menschen waren, die mich bereits aus verschiedenen Funktionen kennen und wissen wie ich denke und agiere. Und zwar Mitglieder sowohl von FDP, CVP wie auch SVP, aber auch glp.

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Aber keine bekannten Persönlichkeiten aus den Parteikadern?

Nicht aus den Parteileitungen, aber bekannte Persönlichkeiten hat es schon darunter.

Alt Ständerätin Christine Egerszegi unterstützt sie zum Beispiel, also hauptsächlich Freisinnige?

Wie gesagt, aus verschiedenen Lagern. Selbstverständlich hat es mich riesig gefreut und ich bin dankbar, dass Christine Egerszegi spontan zusagte, im Unterstützungskomitee mitzumachen.

Sie nehmen unbescheiden für sich in Anspruch, besser für das Amt geeignet zu sein als SVP-Kandidatin Franziska Roth. Warum?

Lassen Sie mich das präzisieren. Ich bringe einen Rucksack mit, der gut für das Amt geeignet ist. Ich verfüge über Erfahrung sowohl in Politik wie Wirtschaft, und zwar auch Führungserfahrung. Als Projektmanagerin muss man mit Zielvorgaben, Budgets und personellen Ressourcen umgehen können, das hat viel Gemeinsamkeiten mit den Aufgaben eines Regierungsrats. Als Fraktionschefin und Schulpflegepräsidentin bin ich vertraut mit den politischen Mechanismen im Kanton Aargau. Das meine ich, wenn ich sage, im direkten Vergleich mit Frau Roth ist mein Rucksack für das Regierungsamt besser gefüllt.

Die Wahl dürfte in einem zweiten Wahlgang entschieden werden. Unter welchen Voraussetzungen werden sie dann noch dabei sein?

Eine Voraussetzung ist natürlich ein gutes Resultat im ersten Wahlgang. Dann kommt es auf die Konstellation an: Tauchen plötzlich neue Kandidaturen auf? Sollten nur die Kandidatinnen von SVP und SP erneut antreten, dann rechne ich mir als Kandidatin der Mitte gute Chancen aus.

Was heisst ein gutes Resultat?

Ich dürfte zu Franziska Roth und Yvonne Feri nicht deutlich abfallen. Ein gutes Resultat wären wohl über 30 000 Stimmen.

Zentrales Thema im Kanton ist die Spardebatte, was halten Sie von den neuen Sparplänen?

Sie gehen grundsätzlich in die richtige Richtung. Ziel ist den Finanzhaushalt wieder nachhaltig ins Gleichgewicht zu bringen, damit wir nicht jedes Jahr ein neues Sparpaket mit unzähligen Einzelmassnahmen schnüren müssen. Diese Übung machen wir jetzt zum dritten Mal. Ich frage mich, ob das sinnvoll ist oder ob man nicht für ein Jahr ein marginales Defizit in Kauf nehmen könnte, bis grundsätzliche Klarheit herrscht, welche Leistungen der Kanton weiter erbringen muss und auf welche verzichtet werden soll.

Greifen wir ein paar Punkte heraus. Die Regierung verlangt von den Kantonsspitälern tiefere Tarife und gleichzeitig höhere Dividenden. Ist das realistisch?

Das zeigt das Dilemma, in dem der Kanton durch seine Mehrfachrolle in der Spitalfinanzierung steckt. Es ist ein Widerspruch in sich, der kaum aufgehen kann.

Es gibt Stimmen, die eine Befreiung aus dem Dilemma durch die Privatisierung der Spitäler verlangen.

Das könnte ein gangbarer Weg sein. Das müssen wir tabulos diskutieren wie überhaupt im Hinblick auf die angesprochene nachhaltige Haushaltsanierung die heissen Eisen im Gesundheitswesen. Wir haben eine hohe Dichte in der Spitalversorgung. Können und wollen wir sie aufrecht erhalten? Wenn ja, müssen wir auch B sagen, dann kostet es. Das muss ausdiskutiert werden und den Entscheid sollten am Schluss die Stimmbürger fällen.

Auch besonders heikel: das Bildungswesen. Lektionen wie vorgeschlagen abbauen?

Ganz klar Nein. Wir wollen 2021 einen neuen Lehrplan einführen und liegen mit der Stundentafel-Dotation schon heute tiefer als es im Lehrplan 21 vorgesehen ist. Wenn wir jetzt die Lektionen weiter runterfahren, um sie dann mit dem neuen Lehrplan gleich wieder hochzufahren, wäre das ein Witz.

Es sind auch Mehreinnahmen vorgesehen. Einverstanden mit der Steuererhöhung?

Das wäre die ultima ratio. Die Steuerfusserhöhung um ein Prozent würde im 2018 rund 17 Millionen einbringen. 17 Millionen auf ein Budget von fünf Milliarden, müssen wir das wirklich jetzt entscheiden? Ich möchte zuerst die neue aufgaben- und finanzpolitische Gesamtsicht für die nachhaltige Sanierungsstrategie kennen. Dann werden wir sehen, ob eine Steuererhöhung wirklich unumgänglich ist.

Und die Frage der Fragen zum Sparen: Sollen die 100-Jährigen keinen Blumenstrauss mehr bekommen?

Doch, den sollen sie bekommen. Das kann es nun wirklich nicht sein. Wenn sich der Kanton diese 3000 Franken wirklich nicht mehr leisten kann, helfe ich dabei, einen Sponsor dafür zu suchen.

Mehr einschenken würde der Vorschlag der Freisinnigen, unter dem Motto keine Millionen aus dem Aargau für Zürcher Kunst den Kulturlastenausgleich aufzukündigen. Eine gute Idee?

Da bin ich mir gar nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Es profitieren ja tatsächlich auch viele Aargauer von den Kulturangeboten in Zürich. Und der Aargau erhält Beiträge aus dem Finanzausgleich, wo der Kanton Zürich zu den grossen Zahlern gehört. Ein Austritt aus dem Kulturlastenausgleich wäre da nicht sehr förderlich, über gewisse Kürzungen, wie wir sie bei eigenen Kulturinstitutionen auch vornehmen mussten, könnte man wahrscheinlich diskutieren.

Eine Departementsrochade ist nicht zu erwarten, wäre das Departement Gesundheit und Soziales Ihr Wunschdepartement?

Am nächsten würde mir natürlich die Bildung liegen, aber selbstverständlich würde ich mich auch gerne den Herausforderungen im Departement Gesundheit und Soziales stellen - auch wenn das mit dem Asyldossier bekanntermassen Schleudersitzpotenzial hat.

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