Luftrettung
Regierungsrätin Hochuli: «Die Rega-Zeiten sind nicht vorbei»

Der Streit um die Luftrettung im Aargau ist noch nicht ausgestanden. Jetzt beantwortet im Interview mit der az erstmals Regierungsrätin Susanne Hochuli Fragen zum Thema. Sie verteidigt den TCS-Heli und wartet auf nationale Standards für alle Anbieter

Thomas Röthlin
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Rega-Heli und Susanne Hochuli

Rega-Heli und Susanne Hochuli

Key/Emanuel Freudiger

Der Streit um die Luftrettung im Aargau ist noch nicht ausgestanden. Zwar bekräftigte das Gesundheitsdepartement im Sommer seinen Entscheid, dass bei Notfällen statt der Rettungsflugwacht (Rega) der näher stationierte TCS-Helikopter der Alpine Air Ambulance (AAA) aufgeboten wird.

Konkurrenz hat die Rega aber auch in anderen Kantonen, sodass die Gesundheitsdirektorenkonferenz nun nach einer national einheitlichen Regelung strebt.

Unzufrieden mit der Situation im Aargau sind auch Ärzte des Kantonsspitals Aarau.

Die Antwort auf einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss dürfte nächste Woche im Grossen Rat zu reden geben.

Jetzt beantwortet Regierungsrätin Susanne Hochuli erstmals persönlich Fragen zu einem emotionalen Thema, das sie selber ganz sachlich sieht.

Frau Hochuli, diesen Frühling und Sommer erhitzte der Rega/TCS-Streit die Gemüter. Damals lehnten Sie Interviewanfragen ab. Warum haben Sie so lang geschwiegen?

Susanne Hochuli: Weil ich nicht das Gefühl hatte, zu den Schlagzeilen in den Medien etwas beitragen zu müssen. Dazu biete ich als Regierungsrätin keine Hand. Das Thema war emotional aufgeladen, dabei kann man es sachlich angehen. Seien wir doch ehrlich: Wenn ein Helikopter keinen Rotor hätte, sondern vier Räder, dann wäre gar nie so intensiv darüber diskutiert worden.

Sie sprechen die Faszination der Luftrettung an. War die Debatte vom Unfalltod eines Kindes überschattet, der alles auslöste?

Nein, denn am Anfang stand ja nicht dieses tragische Ereignis. Die AAA hatte schon vorher angefragt, ob sie im Aargau fliegen dürfte. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Grossrat Martin Brügger sagte diese Woche auf «tagesanzeiger.ch», der Entscheid sei «zu kurz auf den tragischen Unfalltod» erfolgt. Die Regierung habe überstürzt gehandelt.

Davon kann keine Rede sein. Ich kann diese Argumentation, die mit der Sache nichts zu tun hat, nicht nachvollziehen. Offenbar lässt sich das Thema politisch gut bewirtschaften.

Waren Sie blauäugig, auf eine Einigung der beiden Konkurrenten zu hoffen?

Wir haben die beiden Parteien an einen Tisch gebracht und versucht, eine gemeinsame Lösung zu finden. Oft genug ertönt der Ruf, die Politik solle sich aus solchen Dingen raushalten. Unseren Entscheid, welcher Anbieter wann aufgeboten wird, brauchte es allerdings, schliesslich ist die kantonale Einsatzleitstelle ganz direkt betroffen. Uns war auch immer klar, dass es kein aargauisches, sondern ein gesamtschweizerisches Thema ist.

Deshalb hat sich die Gesundheitsdirektorenkonferenz des Luftrettungsstreits angenommen. Sie hat im Oktober beschlossen, für die Anbieter einheitliche Regeln auszuarbeiten, zum Beispiel über die Einsatzzuteilungen. Was heisst das konkret?

Wenn ich das schon wüsste, dann bräuchte es die Arbeitsgruppe nicht, die jetzt eingesetzt wurde. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Regeln weder zu neuen Normen noch zu Kosten für die öffentliche Hand führen sollen.

Das tönt nach unverbindlichen Regeln, also nach einem Papiertiger.

Solche unverbindlichen Regeln gibt es auch für die terrestrische Rettung, also für die Ambulanzen. Und dort hält man sich freiwillig daran, auch im Kanton Aargau. Das funktioniert. Wo es keine Gesetze braucht, lassen wir es besser bleiben.

Hier geht es aber um die Luftrettung.

Wenn sich der Kanton Aargau am Boden an die Regelungen des Interverbands für Rettungswesen hält, dann gehe ich davon aus, dass er das auch in der Luft tun wird. Es spielt doch keine Rolle, ob ich von einem Krankenwagen oder von einem Rettungshelikopter gerettet werde. Hauptsache, der Patient ist optimal versorgt.

Gibt es ohne gesetzlichen Leistungsauftrag nicht einfach eine Mengenausweitung? Ende August zählte man im Aargau bereits gleich viele Luftrettungsflüge wie im ganzen Jahr zuvor.

Die Luftrettungen haben tatsächlich zugenommen. Wenn Sie die Situation aber vor dem Markteintritt der AAA mit ähnlichen Kantonen vergleichen, war der Aargau damals auf einem sehr tiefen Niveau. Wir gehen davon aus, dass von den Sanitätern vor Ort und der Einsatzleitstelle immer jenes Rettungsmittel eingesetzt wird, das effizient ist und dem Patientenwohl dient. Wir haben auch festgestellt, dass Verlegungen zwischen Spitälern vermehrt in der Luft stattfinden. Diese Entwicklung beobachten wir wachsam.

Warum?

Weil es wichtig ist, neue Entwicklungen zu analysieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Es ist ja auch interessant herauszufinden, ob mehr Luftrettungen stattfinden, weil an Bord ein Notarzt ist. In den Ambulanzen ist das ja nicht so.

Andererseits sagen Sie, die Luftrettung sei Privatsache: ein freier Markt mit Konkurrenten, ohne Gesetz, bezahlt von den Versicherungen und den Anbietern selbst.

Die Politik interessiert sich nicht nur für die Themen, die schon gesetzlich geregelt sind. Es gibt doch viele Entwicklungen im Gesundheitsbereich, die wir verfolgen müssen. Auch die bodengebundene Rettung mit ihren vielen Anbietern ist historisch gewachsen. Und heute haben wir hier eine Regelung, die funktioniert.

Der geltende Modus im Aargau bereitet den weiterbehandelnden Ärzten am Kantonsspital offenbar Kopfzerbrechen, wie einige von ihnen durchblicken lassen. Was sagen Sie dazu?

Uns liegt ein Brief vor, in dem die Ärzte verschiedene Punkte ansprechen. Wahrscheinlich haben sie sich einfach noch nicht daran gewöhnt, dass es jetzt neben dem roten einen gelben Heli gibt, der das Kantonsspital anfliegt. Im Ernst: Es gibt Veränderungen gegenüber immer Widerstand. Das ist bei den Ärzten nicht anders.

Die Ärzte fühlen sich übergangen. Was antworten Sie ihnen?

Wir haben den Brief zur Kenntnis genommen. Es kann jedoch nicht sein, dass die Spitalärzte die Regeln definieren. Genauso wenig, wie es die Rega kann. Es gibt Behörden, die dafür vorgesehen sind. Weshalb dies bei der Luftrettung anders sein soll, ist mir schleierhaft.

Das Unbehagen des Kantonsspitals Aarau kommt in der Antwort auf einen grossrätlichen Vorstoss sehr verklausuliert zum Ausdruck. Die sechs Politikerinnen und Politiker werden sich damit nicht zufriedengeben.

Der erwähnte Brief ist die offizielle Stellungnahme des Kantonsspitals zu diesem Vorstoss. Nicht mehr und nicht weniger. Warten wir doch jetzt ab, bis die Arbeitsgruppe der Gesundheitsdirektorenkonferenz ihre Arbeit gemacht hat. Ich bin zuversichtlich, dass eine gute und damit patientennahe Lösung gefunden werden kann.

Wann ist das soweit?

Relativ bald. Über den genauen Zeitpunkt macht die Konferenz keine Angaben.

Wenn Sie Bilanz ziehen, ist die Luftrettung im Aargau heute besser als zu Rega-Zeiten?

Die Rega-Zeiten sind nicht vorbei – sie fliegt weiter im Aargau. Ich stelle fest, dass wir eine Luftrettung haben, die funktioniert. Unabhängig davon, ob der Heli, der anfliegt, rot oder gelb ist.