Energiegipfel
Regierungsrat lanciert neuen Energie-Trialog

Der Regierungsrat will eine gemeinsame Strategie von Umweltverbänden und Wirtschaft. Am Energiegipfel in der neuen Umwelt-Arena Spreitenbach kündigte Energiedirektor Beyeler eine Neuauflage des Energie-Trialogs an.

Hans Lüthi
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Energiedirektor Peter C. Beyeler vor 450 Gipfel-Gästen in der Umwelt-Arenau Spreitenbach. Annika Bütschi

Energiedirektor Peter C. Beyeler vor 450 Gipfel-Gästen in der Umwelt-Arenau Spreitenbach. Annika Bütschi

Morgens um sieben Uhr ist die Welt noch in Ordnung im riesigen Oval der neuen Umwelt-Arena Spreitenbach. Aber nicht mehr lange. Schlag auf Schlag folgen Referate zu den grossen Energiesorgen von morgen. Trotz hochkarätiger Redner schwere Kost auf leeren Magen, denn Gipfeli samt Frühstück werden immer erst am Schluss serviert. Ein köstliches Dessert dazu liefert Kabarettist Flurin Caviezel mit völlig neuen Interpretationen der Energiewende – seine Windenergie aus dem Schwyzerörgeli inbegriffen.

Ort und Anlass sind zwei Energie-Pionieren zu verdanken: Ohne Walter Schmid gäbe es keine Umwelt-Arena, ohne Dieter Schäfer keinen Energiegipfel. «Die Energiewende wird gebaut», begrüsste der Lenzburger die 450 Teilnehmenden, viele KMU-Chefs und führende Köpfe aus der übrigen Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Visionen für die Energiewende

Selbstverständlich ist die Energiewende an einem solchen Gipfel in aller Munde. Mit magischen Zahlen leitete Baudirektor Peter C. Beyeler sympathisch ins Thema ein. Bei 4711 und 911 wisse jedermann, dass Parfüm und Porsche gemeint seien, die magische Folge 20, 35, 50 stehe für die neue Strategie des Bundes. Längst wartet die Polit-Welt gespannt darauf, bis Bundesrätin Doris Leuthard – Referentin am März-Gipfel in Aarau – die Katzen aus dem Sack lässt.

Solarstrom statt Atom

Direktor Rolf Wüstenhagen vom Institut für Wirtschaft und Ökologie der Uni St. Gallen betonte: Mit Freigabe der 25 000 Projekte in der KEV-Warteschlaufe könne man 8,8 Terrawattstunden Strom erzeugen. «Das sind 35 Prozent des Atomstroms, wir könnten damit Mühleberg und beide Beznau ersetzen», sagte Wüstenhagen. Die Kostendeckende Einspeisevergütung würde sich für die Konsumenten auf 2,1 Rappen je kWh vervierfachen. Die Schere zwischen den alten, immer teureren Energien und Sonne und Wind beginne sich zu schliessen. (Lü.)

Eindrücklich war Beyelers Vergleich zwischen 1970 und 2010, den Komfort im Haushalt, Handys, Computer, Minergiehäuser hätte sich vor 40 Jahren kein Mensch vorstellen können. Der Blick heute auf 2050 sei ebenso ungewiss, aber Beyeler möchte nicht in Visionen schweben, sondern den Weg der Realität einschlagen. Dies «nach den Grundsätzen der Marktwirtschaft und nicht mit Ökodiktatur und Planwirtschaft». Ganz ohne Regulierungen werde es zwar nicht gehen, aber sie seien auf ein Minimum zu beschränken.

Interessante Neuigkeit von Beyeler für das Gipfel-Publikum: Ein zweiter Energietrialog ist in Vorbereitung, total 15 Verbände sind im Boot, von WWF, Economiesuisse, Swissmem bis zu Greenpeace und Cleantech. Im Bestreben, Gräben zu überwinden und ein tragendes Fundament für die Zukunft zu schaffen.

Technik setzt viele Schranken

Die technischen Voraussetzungen der Energiewende zeigte Jochen Kreusel, Leiter der Konzerninitiative Smart Grids bei ABB, auf. Europa wolle bis 2020 rund 20 Prozent weniger Kohlendioxid, 20 Prozent mehr Effizienz und 20 Prozent erneuerbare Energiequellen. Mit neuer Technik könnten je nach Anwendungen bis zu 30 Prozent eingespart werden. Anderseits führten Computer und Social Media zu einer starken Zunahme des Stromverbrauchs. Grosse Sorgen macht sich Kreusel um den Erhalt stabiler Stromnetze, wenn immer mehr Strom aus Wind und Sonne dazukommt. «Die Komplexität der natürlichen Ressourcen ist erheblich, aber wir werden uns bemühen, das zu lernen», so der ABB-Fachmann. Eine Prognose für das Jahr 2050 wage er allerdings nicht zu geben.

Für einen Weg ohne Wachstum

Für die Welt von Morgen, mit Megastädten im asiatischen Raum, sieht CEO David Bosshart vom Gottlieb- Duttweiler-Institut eine eher düstere Zukunft. Im Vergleich dazu sei die Schweiz ein Disneyland, aber es stelle sich die Frage, ob man jedes Jahr eine Stadt wie Winterthur oder Luzern zusätzlich ins Land pflastern wolle. Die Schweiz könnte auch mit einem Nullwachstum zufrieden sein, ein Rückgang des Wohlstandes um 20 Prozent wäre verkraftbar. Bosshart hofft auf einen Lernprozess der demokratischen Gesellschaft und sieht im Kleinen viele positive Zeichen, «weg vom Besitzen zum Benutzen, Mieten, Teilen und Tauschen».