Gemeinderat-Rücktritte
Regierungsrat Hofmann: «Angriffe können das Fass zum Überlaufen bringen»

Regierungsrat Urs Hofmann sagt, es sei viel schwieriger geworden, einzuschätzen, ob ein Gemeinderatsamt zeitlich drin liege. Und: Es sei wichtig, rechtzeitig auf die Zeichen des eigenen Körpers zu hören.

Mario Fuchs
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Sandra Ardizzone

Als Vorsteher des Departements Volkswirtschaft und Inneres (DVI) ist Urs Hofmann oberster Schirmherr der 213 Aargauer Gemeinden. Ihm ist die Problematik der vorzeitigen Rücktritte deshalb bestens bekannt. Will ein Ammann während der Legislatur zurücktreten, muss er sein Rücktrittsgesuch bei der Gemeindeabteilung im DVI einreichen. Auf Anfrage der az sagt Urs Hofmann, es seien nicht in erster Linie die Rücktrittszahlen, die ihn beunruhigten. Die Zahlen hätten sich in den letzten zehn Jahren nicht dramatisch verändert.

Vorzeitige Rücktritte habe es schon immer gegeben und werde es auch immer geben. Etwa, um zu vermeiden, dass es am Ende einer Amtszeit zu einer Häufung von Rücktritten kommt, aus familiären Gründen, bei Berufs- oder Wohnortswechseln. «Diese lassen sich nicht vermeiden», sagt Hofmann. Er sei selber 1996 nach über zehnjähriger Amtsdauer als Stadtrat und Vizeammann von Aarau zurückgetreten, als er eine neue Funktion übernommen habe.

Heidi Wanner Koblenz, FDP: Zurückgetreten (keine Lust mehr)
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Oliver Gerlinger Schinznach-Bad, parteilos: Zurückgetreten (Burnout)
Reto Krättli Auenstein, FDP: Zurückgetreten (Krankheit)

Heidi Wanner Koblenz, FDP: Zurückgetreten (keine Lust mehr)

az

Nicht nur reiner Wein

Tatsache sei jedoch, dass es heute nicht mehr einfach sei, im Voraus zu beurteilen, ob ein Gemeinderatsamt wirklich zeitlich drinliege: «Die grössere berufliche Mobilität, der eigene Anspruch, nebst Beruf und Politik auch familiäre Aufgaben zu übernehmen, oder die sich verändernden Ansprüche im Beruf machen es für viele Gemeinderätinnen und Gemeinderäte schwierig, die persönliche Situation richtig einzuschätzen.»

Gespräche mit Ratsmitgliedern, die nach kurzer Zeit im Amt bereits wieder zurücktraten, haben Hofmann zudem gezeigt, «dass ihnen zuweilen vor einer Kandidatur nicht reiner Wein bezüglich des effektiven zeitlichen Aufwandes eingeschenkt wurde.» Wenn dann zeitliche Überbelastungen zu gesundheitlichen Problemen führten oder sich ein Zustand des Dauerstresses ergebe, bleibe oft keine andere Wahl als der vorzeitige Rücktritt.

Dabei spielt laut Hofmann auch immer wieder das politische Klima in einer Gemeinde oder im Gemeinderat eine Rolle. «Wenn man in der Öffentlichkeit angegriffen wird oder sich auch nur angegriffen fühlt oder die Gemeinderatssitzungen als unangenehm oder konfliktbeladen empfunden werden, bringt dies in einer schwierigen Situation das Fass noch zum Überlaufen.» Schwierige Phasen überwinden könne man mit einem guten Gesprächsklima und wirklicher Kollegialität innerhalb des Rats.

Wertschätzung statt Vorwürfe

Vergangene Woche gab der Gemeindeammann von Schinznach-Bad, Oliver Gerlinger, in einem persönlichen Brief im Gemeindeblatt seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Grund ist ein Burnout. Urs Hofmann sagt dazu: «Natürlich machen mich solche Situationen betroffen. Gemeindeammänner und Gemeinderäte haben oft während Jahren ihr Bestes für das Gemeinwesen gegeben und sogar ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Solche Menschen verdienen unsere Wertschätzung und nicht Vorwürfe.»

Es sei wichtig, rechtzeitig auf die Zeichen des eigenen Körpers zu hören. Man solle mit der Familie und allenfalls mithilfe von Freunden oder Fachleuten seine Situation genau anschauen und mögliche Veränderungen prüfen. «Politik muss man auch aus Freude machen. Man muss seine Freizeit gerne für sein Amt zur Verfügung stellen. Wenn das Amt nur noch zur Last wird, muss man handeln, sonst brennt man aus.»

Gelinge es, den nötigen Ausgleich zu finden, könne vielleicht eine gute Basis für die Weiterarbeit gelegt werden. Sei dies nicht der Fall, bleibe als letzter Schritt nur der Rücktritt: «Die eigene Gesundheit geht vor.»

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