Auf den ersten Blick ist es ein widersprüchliches Ergebnis, das der Bericht des Regierungsrates zum Fremdsprachenunterricht an der Volksschule liefert. Zum einen wird darin ausdrücklich festgehalten, dass beim Französischunterricht an Primar- und Realschule einiges geändert werden muss. Zum andern aber kommt die Regierung zum Schluss, dass man nichts überstürzen soll und die als notwendig erachteten Verbesserungen erst auf das Schuljahr 2020/21 einführen möchte. Warum das nur ein scheinbarer Widerspruch ist, wird im 27-seitigen Bericht ausführlich erklärt.

Vorgaben nicht erfüllt

Im Aargau wird heute ab der 3. Klasse in der Primarschule Englisch unterrichtet. Der Französischunterricht beginnt hingegen erst in der 6. Klasse der Primarschule. Damit erfüllt der Aargau die von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) erfüllte Norm nicht; die EDK verlangt, dass Französisch spätestens in der fünften Klasse eingeführt werden muss.

Kritischer ist der Zustand an der Realschule, dem Leistungszug der Sekundarstufe I mit den tiefsten Anforderungen: Hier sind Französisch und Englisch nur Wahlfächer. Das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler die Realschule gänzlich ohne Fremdsprachenunterricht durchlaufen können. Damit erreichen sie die im Sprachengesetz des Bundes gesetzten Ziele der Volksschule nicht. Zudem ist die angestrebte Durchlässigkeit an der Oberstufe nicht gewährleistet: Ein Realschüler, der ohne Fremdsprachenkenntnisse an die Sekundarschule wechseln möchte, steht fast schon auf verlorenem Posten.

Nichts überstürzen

Es ist dem Regierungsrat klar, dass die Mängel im Fremdsprachenunterricht beseitigt werden müssen, verlangt doch die EDK-Vorgabe, dass die zweite Fremdsprache im 5. Schuljahr beginnen muss. Ausserdem ist vorgegeben, dass der Fremdsprachenunterricht an der Realschule obligatorisch ist. Die Anpassungen jetzt vorzunehmen, scheint dem Regierungsrat aber ungünstig, weil noch nicht klar ist, was in anderen Kantonen und auf Bundesebene in diesen Fragen geschieht.

Denkbar wäre etwa, dass die Kantone unter sich keine Harmonisierung erreichen, der Bund deshalb das Sprachengesetz einführt und damit in die Bildungshoheit der Kantone eingreifen wird. Zurzeit ergibt sich noch ein heterogenes Bild bei der Verbindlichkeit der Fremdsprachen in den verschiedenen Kantonen. Erinnert sei etwa an den Kanton Thurgau, der kürzlich beschlossen hat, dass frühestens ab der 7. Klasse Französisch unterrichtet werden soll. Damit stellen sich die Thurgauer klar gegen den von der EDK beschlossenen «Sprachenkompromiss».

«Nichts überstürzen» lautet daher die Devise der Regierung; angepasst wird erst auf das Schuljahr 2020/21, dann kommt auch der neue harmonisierte Lehrplan 21 mit den neuen Stundentafeln. «Es steht den Kantonen frei, wann sie die Harmonisierungen vornehmen», erklärt Christian Aeberli, Leiter der Abteilung Volksschule. «Aufgrund der unklaren Lage ist es sinnvoller, vorläufig am bisherigen Fremdsprachenunterricht und damit am Status quo festzuhalten», sagt Aeberli weiter und verweist auch auf die Abstimmung vom 12. Februar 2017: Da entscheidet der Aargau über die Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21». Die Initiative verlangt bekanntlich, dass an der Primarschule nur noch eine Fremdsprache unterrichtet werden darf.

Englisch als erste Fremdsprache

Im Bericht nimmt der Regierungsrat auch Stellung zur Frage, ob Englisch weiterhin die erste Fremdsprache sein soll oder ob sich ein Wechsel der Reihenfolge aufdrängt. Aus Sicht des Regierungsrates ist dies nicht der Fall. Mit Englisch als Fremdsprache ist der Aargau kongruent mit Zürich sowie der gesamten Ost- und Zentralschweiz. Eine Änderung hätte markante Auswirkungen auf das Schulsystem. Die heute verwendeten Lehrmittel für Englisch und Französisch müssten ersetzt werden, und der Bedarf an Fachlehrpersonen für die beiden Fächer würde sich stark verändern. Eine Verschiebung des Französischunterrichts von der 6. an die 3. Primarschulklasse würde zudem erhebliche Einführungskosten verursachen.

Christian Aeberli ist zuversichtlich, dass sich die Deutschschweizer Kantone bis im Jahr 2020 auch tatsächlich geeinigt haben werden, wann sie welche Sprache an der Volksschule unterrichten möchten.