Herr Attiger, im Limmattal droht massiv mehr Fluglärm. Verschläft der Aargau ein grosses Problem?

Stephan Attiger: Nein, überhaupt nicht, diesen Vorwurf weist der Regierungsrat vehement zurück. Er weiss, was sich verändern soll, und wo er sich wehren muss. Er wird sich gegen die nicht begründete und nicht abgestimmte Erweiterung des Nachtbetriebs mit Vergrösserung des lärmbelasteten Gebiets im Limmattal und gegen die neue Startroute mitten über das Siedlungsgebiet von Ober- und Niederrohrdorf vehement wehren. Beides ist nicht akzeptabel. Es gibt aber für den Aargau auch positive Aspekte im Zusammenhang mit SIL 2.

Warum haben Sie nicht schon früher gesagt, dass sich die Regierung wehren wird? Sie hätten sich viel Aufregung ersparen können.

Wir wollten nicht vorpreschen, sondern erst hören, was die Gemeinden in den betroffenen Gebieten sagen und wollen. Man darf nicht vergessen, dass mit der neu vorgeschlagenen Flugroute der Aargau nicht nur verliert. Es gibt auch Gemeinden, insbesondere im Surbtal, aber auch im Limmattal, die stark entlastet werden. Deshalb müssen wir eine differenzierte Stellungnahme abgeben. Wir müssen auch die positiven Aspekte würdigen. Wir hofften auf viele Stellungnahmen der Gemeinden. Unser Ziel ist, als Kanton zusammen mit den betroffenen Regionen gegenüber Bern mit einer Stimme zu sprechen. Eine konsolidierte Stellungnahme hat viel mehr Gewicht. Wären wir vorgeprescht und hätten die Gemeinden dann zum Teil andere Auffassungen vertreten, hätten wir uns zersplittert. Das wäre kontraproduktiv gewesen. Es wäre viel schwieriger geworden, Gehör zu finden.

Und wie sieht es jetzt aus?

Wir sind sehr froh um diese Stellungnahmen. All dies stärkt uns den Rücken. Nach dem, was wir bisher lesen konnten, sind wir auf einer Linie. Der Regierungsrat ist guten Mutes, dass wir mit einer Stimme sprechen können. Wir wollen uns aber auch die nötige Zeit für Gespräche nehmen, damit das gelingt. Nur so, und wenn wir dezidiert für unsere Überzeugung kämpfen, haben wir eine Chance für eine bessere Lösung.

Viele argwöhnen, «Zürich» verlagere möglichst viel Lärm in den Aargau. Sind wir nicht zu brav, und geraten doch noch unter die Räder?

Der Regierungsrat kämpft seit je für eine faire Verteilung der Belastungen durch den Flughafen Kloten. Er wird grundsätzlich auf den SIL-2-Prozess eintreten. Und er wird alles tun, damit der Aargau nicht unter die Räder gerät. Zu erwähnen ist auch, dass mit dem SIL 2 auch Zürich und der Osten mehr Fluglärm bekommt und es im Aargau Gebiete gibt, die entlastet werden. Es ist also nicht einfach eine Verlagerung in den Aargau. Der Aargau verliert also nicht nur mit SIL 2. Dieser hat aus unserer Sicht auch positive Aspekte.

Zum Beispiel?

Mit dem neuen Konzept werden jährlich 40’000 Starts, die bisher mit einer Riesenkurve über Spreitenbach ausholten, auf dem kürzesten Weg nach Osten geführt, ohne den Aargau zu belasten. Der Aargau hat hier im Limmattal jährlich 40 000 Flüge weniger. Die zusätzlichen 13’000 Südstarts Straight bei Bise und Nebel geradeaus über Zürich bringen einen grossen Sicherheitsgewinn. Und die drohende Doppelbelastung des Surbtals am frühen Morgen und spätnachts ist vom Tisch. Diese Gefahr hat uns viel Bauchweh bereitet.

Der Preis ist aber hoch. Abertausenden droht im Limmattal mehr Lärm.

Genau dagegen wehren wir uns. Wir akzeptieren auch nicht mehr, dass der Flughafen den Flugplan nicht einhält. Der Regierungsrat kann SIL 2 deshalb in der vorgeschlagenen Form nicht zustimmen.

Was muss ändern, damit Sie zustimmen können? Soll es bleiben wie es ist, was den Raum Mutschellen massiv belastet?

Nein, sicher nicht. Wir machen unsere Zustimmung zum SIL 2 davon abhängig, dass für die neue Abflugroute ab Piste 28 eine optimierte Routenführung festgelegt wird, welche dicht besiedeltes Gebiet nicht direkt überfliegt. Das Departement Bau, Umwelt und Verkehr ist diesbezüglich mit dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) im Gespräch. Wir pochen auf eine für den Kanton Aargau verträgliche Lösung. Im Bazl und auch im Flughafen zeigt man sich dafür offen. Beide wollen nicht unnötig über dicht besiedeltes Gebiet fliegen.

Wenn das so ist: Warum muss der Aargau derart kämpfen?

Wir suchen eine einvernehmliche Lösung, mit der wir unsere raumplanerischen Vorgaben einhalten können. Der gute Wille allein reicht aber nicht. Die Flugrouten müssen auch technisch und von Skyguide her sicherheitsmässig Sinn machen. Es ist zudem zu vermeiden, dass ein Flugzeug viele Kurven fliegen muss, um dicht besiedelte Regionen zu umfliegen. Sonst steigt es langsamer, was für die Menschen, die darunter wohnen, mehr Lärm bedeutet. Wir brauchen eine Lösung, in der wir Raumplanung und Sicherheit verbinden können.

Die Regierung protestiert seit Jahren gegen das Nichteinhalten der Lärmbelastungskurven. Genützt hat es nichts.

Die Lärmkurve bis auf den Mutschellen wird hauptsächlich durch Verspätungen in der zweiten Nachtstunde verursacht. Diese sind durch betriebliche Gründe im Flughafen bedingt. Doch die Lärmauswirkungen des Nachtbetriebs sind für die Bevölkerung am störendsten. Dass Auflagen wie diese nicht mehr eingehalten werden können, ist ja gerade einer der Gründe für den SIL-2-Prozess. Es muss gelingen, diese Verspätungen auszumerzen. Mit der verlängerten Piste 32, und dem Wegfall von Kreuzungspunkten auf dem Flughafen kann man Verspätungen vermeiden. Darauf pochen wir.

Manche Aviatikspezialisten staunen ob der Aufregung. Die Flugzeuge würden ja immer leiser.

Neue Flugzeuge sind in der Luft leiser, am Boden aber lauter. Ganz entscheidend ist, wie schnell ein Flugzeug steigt. Die Zahl der Flugbewegungen nimmt zu. Wir profitieren natürlich auch von zusätzlichen Destinationen und besseren Flugplänen. Deshalb wird die Gesamtbelastung aber nicht abnehmen, auch wenn die Flugzeuge leiser werden.

Was, wenn es zu keiner befriedigenden Lösung kommt?

Wie gesagt, wir sind regelmässig im Gespräch mit dem Bazl. Ich selbst bin auch regelmässig im Gespräch mit der zuständigen Bundesrätin Doris Leuthard. Wir sind überzeugt: Es ist besser, zusammen eine Lösung zu finden, bevor das Geschäft in den Bundesrat kommt. Ohne einvernehmliche Lösung wird der Regierungsrat SIL 2 ablehnen müssen. Dann muss der Bundesrat entscheiden. So oder so werden wir uns nachher aber wieder in die Diskussion über das Betriebskonzept einbringen.

Was schreiben Sie denn jetzt Ende Januar nach Bern?

Wie gesagt: Wir machen unsere Zustimmung zum SIL 2 davon abhängig, dass für die neue Abflugroute ab Piste 28 eine optimierte Routenführung festgelegt wird, welche dicht besiedeltes Gebiet nicht direkt überfliegt. Die Zeit ist knapp. Die verbleibende Zeit bis im Juni, wenn der Bundesrat entscheidet, wollen wir dann aber nutzen, um eine andere Route auszuarbeiten.

Wann kommt eigentlich SIL 2?

Optimisten rechnen mit sieben, andere mit bis zu zehn Jahren für die Umsetzung. Es reicht also keinesfalls, Ende Januar mit einer Stimme zu sprechen und sich danach zurückzulehnen. Wir müssen immer wieder intervenieren. Weil wir das bisher schon tun, weiss man im Bazl sehr genau, wo uns der Schuh drückt. Nur wenn wir ständig dran bleiben und mit einer Stimme sprechen, kommen wir zum Ziel. Der Regierungsrat wird deshalb weiterhin zu allen den Aargau betreffenden Flughafenplanungen, nicht nur zu SIL 2, dezidiert Stellung nehmen.

Droht im SIL 2 irgendwo nicht doch auch noch der gekröpfte beziehungsweise der gekrümmte Nordanflug?

Nein, im SIL 2 wird er nicht eingeführt, worüber ich sehr froh bin. Ob er zukünftig noch droht, hängt letztlich davon ab, ob der Staatsvertrag, der in Deutschland auf Eis liegt, doch noch zum Tragen kommt. Er ist deshalb noch nicht endgültig vom Tisch. Wir lehnen ihn kategorisch ab, und würden ihn mit aller Vehemenz bekämpfen.

Petitio: Keine Stille um den Fluglärm im Ostaargau!