Brugg
Regierungsrat Attiger: «Brugg erhält Luft zur Entwicklung»

Für den Baudirektor Stephan Attiger ist mit der Südwestumfahrung eine starke Entlastung für die Zentren Brugg-Windisch gewährleistet. Aber nur mit der Südwestumfahrung könne man nicht alle Verkehrsprobleme von Brugg-Windisch lösen, so Attiger.

Hans Lüthi
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Der neue Baudirektor Stephan Attiger nimmt zur Abstimmung vom 9. Juni Stellung.

Der neue Baudirektor Stephan Attiger nimmt zur Abstimmung vom 9. Juni Stellung.

Annika Bütschi

Stephan Attiger, müssen Sie als neuer Baudirektor quasi von Amtes wegen möglichst viel bauen?

Stephan Attiger: Mein Departement heisst Bau, Verkehr und Umwelt, das sind drei Sachen. Das breite Spektrum macht mir Freude, ich konnte in verschiedenste Gebiete Einblick nehmen, die Vielfalt ist gross.

Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten. Was sagen Sie zu dieser Feststellung?

Die Strassen machen den Verkehr nicht, es sind die Leute, die das bewirken. Wir haben ein starkes Bevölkerungswachstum, speziell im Aargau, mit einem steigenden Mobilitätsbedürfnis. Das muss man möglichst gut abwickeln können, damit wir erreichbar bleiben. Gerade die gute Erreichbarkeit ist ja ein Erfolgsrezept des Aargaus.

Bleibt der Kanton auch gut erreichbar, wenn er bis 2025 um 100 000 zusätzliche Einwohner wächst?

Heute sind alle Infrastrukturen auf Strasse, Schiene und im Flugverkehr zu den Spitzenzeiten stark belastet. Wir machen für die Zukunft Konzepte, für den Motorisierten Individualverkehr (MIV), den öffentlichen Verkehr (öV) und den Langsamverkehr, damit man den geeigneten Verkehrsträger wählen kann. Dazu braucht es aber Anpassungen der Infrastruktur. Gleichzeitig wollen wir attraktives Wohnen in den bestehenden Siedlungsgebieten haben. Da denke ich konkret ans Zentrum Brugg, das zum Wohnen und für die Wirtschaft attraktiv ist und noch Potenzial hat. Dank dieser Umfahrung kann man die Siedlungsräume und die Gewerbegebiete künftig besser nutzen.

Die Südwestumfahrung liegt abseits der Verkehrsströme und entlastet die Zentren von Brugg-Windisch nicht, sagen die Gegner?

Das stimmt so nicht. Es gibt eine starke Entlastung. Nur mit der Südwestumfahrung allein können wir nicht alle Verkehrsprobleme von Brugg-Windisch lösen. Darum zeigen wir in der Abstimmungsbroschüre transparent, dass es ein Massnahmenpaket braucht. Die Südwestumfahrung ist ein wichtiger Teil davon, das Verkehrsmanagement gehört dazu und die Nordumfahrung von Windisch. Wer ins Zentrum muss, soll es auch erreichen, sei es mit Bus, Zug oder Auto.

Befürworter und Gegner

Die Südwestumfahrung Brugg ist in der Politik und bei den Verbänden heftig umstritten. Befürworter sind die SVP, FDP, CVP, ebenso TCS, ACS, Astag, der Aargauische Gewerbeverband und die Aargauische Industrie- und Handelskammer. Zu den Gegnern gehören die von Links bis gegen die Mitte angesiedelten Parteien SP, Grüne, GLP, BDP und EVP ebenso die Verbände Pro Natura Aargau, VCS Aargau und WWF Aargau. Der Grosse Rat hat der Südwestumfahrung Brugg am 5. März mit 85 zu 45 sehr deutlich zugestimmt. An die Kosten von total 46,5 Millionen Franken (Basis 2010) bezahlt der Kanton 37 Millionen Franken, Brugg und Windisch 5,2 Millionen Franken, Grundeigentümer und SBB berappen 4,3 Millionen Franken. (Lü.)

Viele wollen aber nicht ins Zentrum, sondern rasch zur Autobahn.

An vielen Orten sind wir noch immer auf den Verkehrsachsen des Mittelalters, die von Zentrum zu Zentrum führten. Heute wollen wir die Städte und Dörfer attraktiv erhalten und aufwerten. Das bedingt Umfahrungen an diesen Zentren vorbei, um direkt auf die Autobahnen gelangen zu können. Mit der Südwestumfahrung holen wir viele ab, man denke nur an den Verkehr aus Schinznach und die attraktive Erschliessung für das ganze Gewerbegebiet von Brugg.

Könnte man die Verkehrslenkung für Brugg-Windisch und andere Stauorte nicht vorziehen?

Im Kanton sind diverse Verkehrslenkungen in Planung. Aber sie sind grundsätzlich nur mit einem Ausbau der Infrastruktur realisierbar. Mit einer gezielten Lenkung kann man die Stauzeiten verkleinern und den öV zuverlässig zirkulieren lassen. Das ist ein wesentlicher Punkt, die Zentren sind ja noch gut erreichbar, aber in Brugg stösst man an Grenzen. Zu gewissen Zeiten können die Bus-Fahrpläne nicht eingehalten werden.

Auch die Autofahrer aus dem unteren Aaretal bleiben in Lauffohr und beim Nadelöhr Neumarkt hängen. Was nützt ihnen die neue Strasse?

Die Südwestumfahrung ist eine erste Massnahme, für die Lösung sind drei nötig. Aber sie ist eine wichtige Bedingung für die weiteren Projekte Verkehrslenkung und die Nordumfahrung von Windisch.

Woher sollen die Benutzer des Westastes überhaupt kommen?

Es ist schon ein Ziel, auch die Dörfer Scherz und Lupfig zu entlasten, damit die Wohnorte attraktiv bleiben. Darum muss man den Verkehr besser kanalisieren, statt ihn durch die Quartiere fliessen zu lassen – wie heute durch das Rütenenquartier in Windisch.

Aber jeder Strassenbau beeinträchtigt die Natur und Landschaft?

Nein. Gerade in diesem Projekt nicht. Wir bauen nahe an der Siedlung und verbrauchen sehr wenig Grünfläche. In Brugg wird im Vergleich zu anderen Strassenprojekten kaum Kulturland beansprucht, nur eine knappe Hektare. Der West-Ast führt entlang der Industrie, das ist eine gute Linienführung.

Kritisiert wird von WWF und GLP, der Westast sei aus Umweltgründen nicht vertretbar.

Eine neue Strasse baut man heute immer so, dass sie umweltverträglich ist. Eine solche Prüfung hat man hier gemacht, Ersatzmassnahmen sind für die Rodungsflächen und als Ökoausgleich vorgesehen.

Die Bahnbarrieren neben der Aarauerstrasse sind oft geschlossen. Warum wird hier keine Unterführung gebaut?

Seit Jahren und Jahrzehnten hat man hier sämtliche Varianten geprüft. Eine Unterführung ist städtebaulich ein riesiger Eingriff, mit grossen Einschnitten in den Wohnquartieren. Zudem ist es mit hohen Kosten verbunden. Darum hat man eine Unterführung verworfen und ist auf die heutige Lösung gekommen.

Und Sie sind überzeugt, die gewählte Lösung funktioniere auch?

Ja, sonst würden wir sie nicht so vorlegen. Die Brugger Bevölkerung lebt dort, glaubt daran und hat sich für das Projekt ausgesprochen. Der Grosse Rat hat auch deutlich Ja gesagt. Man muss mit der Lösung den Bedürfnissen vor Ort gerecht werden.

Warum baut man nicht zuerst die Nordumfahrung Windisch als Verbindung zur A3/A1?

Es braucht diverse Massnahmen, die Südwestumfahrung ist heute vordringlicher. Die Nordumfahrung wird aber weiterverfolgt.

Warum haben Sie den Baldeggtunnel nicht erwähnt, ist er zeitlich und räumlich zu weit entfernt?

Ja, das ist eine andere Zeitdimension, der Baldeggtunnel betrifft den halben Ostaargau. In meiner Amtszeit sollte das Projekt geplant und vorangetrieben werden. Mittelfristig braucht die Region Baden-Brugg-Zurzach eine Lösung. Aber die Südwestumfahrung ist unabhängig davon nötig. Nicht nur für den Verkehr, sondern auch als Siedlungsprojekt, um das Zentrum vom Durchgangsverkehr zu entlasten.

Was nützt die neue Strasse dem Zentrum von Brugg wirklich?

Brugg bekommt Luft für die innere Entwicklung, womit wir Bauland intensiver nutzen können. Das erspart uns viele Hektaren neue Einzonungen, mit solchen Lösungen bremsen wir darum auch die Zersiedlung. Siedlung und Verkehr müssen heute besser aufeinander abgestimmt werden. Die Erreichbarkeit von Industrie und Dienstleistungen ist in der Priorität sehr hoch angesiedelt.

Was sind die Konsequenzen, wenn das Volk am 9. Juni Nein sagt?

Dann hat die Region Brugg-Windisch ein grösseres Problem, der Verkehr stockt ja heute schon. Mit dem Bevölkerungswachstum würde sich das verschlimmern. Es gäbe wohl einen Stillstand für viele Jahre, das Verkehrsmanagement könnte nicht umgesetzt werden.

Wann sind Baubeginn und Einweihung bei einem Ja?

Es kommt auf die Verfahren an, die Zeitpläne sind meistens zu optimistisch. Baubeginn ist frühestens 2014 möglich. Für die Bauzeit rechnet man mit rund drei Jahren. Also könnte die Eröffnung bestenfalls im Jahr 2017 oder 2018 sein.

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