Regierungsrats-Serie
Regierungs-Kandidatin Christine Guyer setzt auf die Gender-Karte: «Als Frau setze ich andere Prioritäten»

Christiane Guyer, Regierungsratskandidatin der Grünen, über Männerbastionen, ihre Erfahrungen als Mutter und wirksame Klimapolitik.

Rolf Cavalli
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Christiane Guyer (ihre Karriere)
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Oktober 2006: Die Biologin betreute im Auftrag des kantonalen Amtes Umwelt und Energie, Abteilung Natur und Landschaft, die Artenvermehrung auf einer Naturschutzwiese in Meggen.
Juni 2009: Guyer als Projektleiterin Natur Rigi. (Im Bild: Bauer Franz Arnold (Mitte) und Biologe Heinz Bolzern)
Christiane Guyer kandidierte in Zofingen für den Stadtrat — mit Erfolg. Seit 2010 ist sie für das Ressort Sicherheit und Kultur zuständig.
Die Grüne kandidierte zweimal für den Nationalrat — ohne Erfolg. (Im Bild: Nationalratskandidierende Grüne 2011)
2020 kandidierte Guyer für den Aargauer Regierungsrat.
Um für Links-Grün wieder zwei Sitze in der Regierung zu holen, sind Dieter Egli und Christiane Guyer gemeinsam in den Wahlkampf gestiegen.
Guyer schaffte den Sprung in den Regierungsrat nicht. Nun kandidiert sie für das Zofinger Stadtpräsidium.

Christiane Guyer (ihre Karriere)

Britta Gut

Es war Ihre Idee, das Interview hier auf dem Polizeiposten in Zofingen zu führen. Wollen Sie signalisieren, dass Sie gerüstet sind, nach der Regionalpolizei als Regierungsrätin auch die Kantonspolizei zu führen?

Christiane Guyer: Der Ort hier ist mir sehr vertraut. Ich habe schon unzählige Stunden Sitzungen hier verbracht. Und ja, als Zofinger Stadträtin und Zuständige für Sicherheit und Kultur bin ich mittlerweile seit zehn Jahren mit der Polizeiarbeit vertraut.

Auch in Aarau würde eine Männerbastion auf Sie warten. Das schreckt Sie offenbar nicht ab.

Das ist einfach Teil meines Lebens. Schon in der Kanti im naturwissenschaftlichen Typus C waren wir zwei Mädchen und zwanzig Jungen. Und schauen Sie hier. Nimmt einen Schwarz-Weiss-­Flyer hervor. Das hier sind die Wahlunterlagen der Grünen von 1987, da war ich auf der Nationalratsliste. Unsere Forderungen damals (liest vor): «Ein ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen in allen Gremien.» Das ist über 30 Jahre her.

Wieso hat sich so wenig verändert?

Das liegt vor allem an den Strukturen. Für das Amt als Regierungsrat etwa ist die Vereinbarkeit mit einer Familie weiterhin schwierig. Die Belastung mit kleinen Kindern erlaubt es einer Frau kaum, gleichzeitig eine Aufgabe zu übernehmen, die den Einsatz sieben Tage die Woche fordert.

Sie haben fünf Kinder. Ist das der Hauptgrund, warum Sie erst jetzt für ein solches Amt kandidieren?

Ja, die Kinder sind jetzt selbstständig, die Jüngste ist 15. Darum ist das kein Hindernis mehr.

Das heisst: In der Realität passen sich die Frauen den Strukturen an und nicht umgekehrt?

Nicht nur. Als meine Kinder kleiner waren, ging das erste um halb acht in die Schule, das zweite um halb neun und um zehn kam eines schon wieder nach Hause. Es war ein ständiges Hin und Her. Darum haben wir, ein paar Eltern, uns damals zusammengetan und in Zofingen eine Initiative für Blockzeiten lanciert. Die kam beim Volk deutlich durch. Wir waren eine der ersten Aargauer Gemeinden mit Blockzeiten.

Es hat mich geärgert, dass die SP nicht auf eine Frau setzte. Aber es hat sich ja abgezeichnet.

(Quelle: Christiane Guyer, Regierungsratskandidatin Grüne)

Zurück zum Regierungsrat. Der Tenor bei den Bisherigen ist: Gemischte Gremien seien zu begrüssen. So sagt es Stephan Attiger. Aber auch: Mann oder Frau spiele keine Rolle. So sagt es Jean-Pierre Gallati.

Das ist falsch. Frauen setzen andere Prioritäten. Sie haben weniger lineare Lebensläufe als Männer. Frauen wissen, wie wichtig Eigenständigkeit ist. Frauen müssen ihr eigenes Einkommen haben. Da geht es nicht um Selbstverwirklichung, das ist vor allem auch eine finanzielle Vorsorge fürs Alter oder bei einer Trennung. Es kann nicht sein, dass die Hälfte der Bevölkerung keine Stimme hat in einer Regierung.

Könnte man das Regierungsratsamt mit Jobsharing attraktiver machen? Würden Sie mit SP-Kandidat Dieter Egli das Amt teilen, wenn das möglich wäre?

Im Moment ist das halt kein Thema. Aber warum nicht. Ob Jobsharing, eine Aufstockung der Regierung von fünf auf sieben oder eine andere Lösung: Es ist eine Frage des Willens, die Strukturen so anzupassen, dass Familie und Führungsaufgaben Platz haben nebeneinander.

Regierungsratswahlen

Am 18. Oktober sind Gesamterneuerungswahlen des Regierungsrates. Urs Hofmann (SP) tritt zurück. Die anderen vier Regierungsräte treten wieder an: Markus Dieth (CVP), Stephan Attiger (FDP), Alex Hürzeler (SVP) und Jean-Pierre Gallati (SVP). Neu kandidieren Christiane Guyer (Grüne) und Dieter Egli (SP). In einer Interviewserie bringt die AZ Ihnen die sechs Kandidierenden näher. Heute: Christiane Guyer (57), Stadträtin in Zofingen (Ressorts Sicherheit und Kultur), beruflich stellvertretende Dienststellenleitern beim Kanton Luzern. Sie ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Neben Gleichberechtigung ist Klimapolitik ein zentrales Thema für Sie. Das Nein des Stimmvolkes zum Energiegesetz ist für Sie ein empfindlicher Rückschlag.

Was wirklich den Ausschlag gab für dieses knappe Nein, ist noch unklar. Den einen ging das Gesetz zu wenig weit, die anderen wollen sich nichts verordnen lassen. So oder so ändert es nichts daran, dass der Klimawandel voranschreitet und wir Lösungen suchen müssen, um den zu bremsen.

Müssen Sie als Grüne noch pragmatischer werden, um Mehrheiten zu bekommen?

Die kommende kantonale Klimaschutzinitiative ist ein pragmatischer Vorschlag: ein Förderprogramm, das auf Freiwilligkeit beruht. Wer sich klimafreundlich verhält, wird vom Staat unterstützt.

Einer Ihrer Wahlslogans heisst «Klima retten – Massnahmen umsetzen». Wie wollen Sie als Regierungsrätin das Weltklima retten?

Massnahmen bei Gebäuden sind ja nicht das einzige Handlungsfeld: Ernährung, Landwirtschaft, Mobilität – es ist unsere Aufgabe, jeden Entscheid zu prüfen, welche Auswirkungen er aufs Klima hat.

Geht das nur mit Anreizen oder wollen Sie die Menschen auch mit Verboten zu ihrem Glück zwingen?

Es braucht auch gesetzliche Vorgaben. Erinnern wir uns an die Waschmittel-Diskussion Mitte der 80er-Jahre. Damals hat CVP-Bundesrat Alphons Egli Phosphate in Waschmitteln verboten, worauf die Wirtschaft das mit Innovation super umgesetzt hat. Niemand würde heute das Phosphat-Verbot rückgängig machen wollen.

Bei einer Wahl würden Sie voraussichtlich nicht das Umweltdepartement übernehmen, sondern das frei werdende Departement von Urs Hofmann, zu dem auch die Kantonspolizei gehört. Es knirscht ja immer wieder zwischen Regional- und Kantonspolizei. Wo gibt es Handlungsbedarf?

Grundsätzlich funktionieren das duale System und die Zusammenarbeit sehr gut. Handlungsbedarf oder besser Optimierungspotenzial sehe ich am ehesten bei den Kompetenzen. Zum Beispiel bei Unfällen. Oft ist die Regionalpolizei zuerst an der Unfallstelle; sie muss dann warten, bis die Kantonspolizei eintrifft, weil diese zuständig ist. Das ist für alle unbefriedigend, auch für die Betroffenen an der Unfallstelle.

Es heisst immer wieder, es gebe zu wenig Polizisten im Aargau. SP-Regierungsratskandidat Dieter Egli fordert mehr Personal. Sie auch?

Der Aargau ist tatsächlich am unteren Rand, was die Polizeidichte betrifft. Die Polizei muss so aufgestellt sein, dass sie die Leistung bringen kann, die man von ihr verlangt. Da gibt es von der Anzahl Polizisten schon noch Luft nach oben.

Hier in Zofingen haben Sie 60 Polizisten. Auf den ersten Blick erscheint das nicht wenig.

Ja, zusammen mit der Kapo sind wir 60 Leute hier. Man darf aber nicht vergessen, dass wir eine relativ grosse Region sind mit rund 80000 Einwohnern. Wir sind im Verhältnis schlank aufgestellt, können aber unsere Aufgabe hier bewältigen. Auch dank der guten Zusammenarbeit mit Kapo und Staatsanwaltschaft. Alle sind im gleichen Gebäude. Das sorgt für kurze Wege und unbürokratische Abläufe.

Zuletzt stiess die Kantonspolizei in der Politik auf Kritik, weil sie wegen Corona die Video-Überwachung noch mehr nutzen wollte. Auf welcher Seite stehen Sie?

Ich war nicht glücklich über den Entscheid. Es ist nicht nötig, die Bevölkerung flächendeckend zu kontrollieren. Wir sind kein Überwachungsstaat. Und es bringt erwiesenermassen auch nichts. Gezielte Überwachung wie etwa am Heitere Open Air dagegen macht Sinn.

Sie sind auch gegen den Ausbau von fixen Radargeräten. Atypisch für eine Grüne?

Auch hier: Eine Massnahme muss wirksam sein. Mobile Radarkontrollen bringen mehr für die Verkehrssicherheit. In Luzern zum Beispiel weiss jeder, der viel unterwegs ist, wo die fixen Radargeräte stehen. Das bringt nicht viel.

Fahren Sie selber Auto?

Ja. Man muss das Auto nicht verteufeln, sondern die verschiedenen Verkehrsmittel sinnvoll einsetzen. Für kurze und mittlere Strecken etwa ist definitiv das Velo sinnvoller.

Zum Departement, das frei wird, gehört auch die Volkswirtschaft. Beim Stellenabbau bei GE hat man die Grenzen der Politik gesehen. Hat der Kanton keinen Einfluss mehr auf die Wirtschaft?

Doch. Nehmen Sie das Paul-Scherrer-Institut. Der Kanton könnte Forschung bei erneuerbaren Energien viel mehr fördern. Bei der Innovation steht der Kanton Aargau schweizweit am Schluss. Ebenso bei der Stipendienvergabe. Das ist auch die Folge konservativer Politik. In vielen Bereichen ist der Aargau rückständig.

Sie arbeiten beim Kanton Luzern, Macht dieser mehr?

Definitiv. Viel weiter ist Luzern etwa bei der Digitalisierung. Die ganze Geschäftsabwicklung funktioniert elektronisch, Baugesuche etwa. Das macht es für alle einfacher und effizienter.

In einer Woche wird gewählt. Kantonsweit sind Sie noch nicht so bekannt. Hat Ihnen Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht oder liegt’s am Geld? Sie haben das kleinste Budget von allen.

Natürlich finden wegen Corona weniger Veranstaltungen statt und ich habe ein kleineres Budget als andere. Aber dafür bin ich jetzt umso mehr auf der Strasse unterwegs, gerade auch im Osten des Kantons. Dort habe ich gute Gespräche mit der Bevölkerung. Ich finde, das mit der Bekanntheit wird heraufstilisiert. Andere Kandidaten aus dem Osten sind hier im Westen auch nicht so bekannt.

Wären Sie auch angetreten, wenn die SP eine Frau nominiert hätte?

Sicher. Die wachsenden Wähleranteile der Grünen rechtfertigen eine eigene Kandidatur. Und es wäre auch eine interessante Konstellation gewesen, wenn die SP ebenfalls eine Frau nominiert hätte. Fast 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts braucht es doch mindestens eine Frau in der Regierung!

Haben Sie sich insgeheim gefreut, als die SP einen Mann nominiert hatte, weil das Ihre Wahlchancen möglicherweise erhöht?

Nein, es hat mich geärgert, dass die SP nicht auf eine Frau setzte. Aber es hat sich in der SP ja abgezeichnet, da ist im Vorfeld schon einiges nicht gut gelaufen.

Die Grünen setzten nach dem Rücktritt von Susanne Hochuli vor vier Jahren auch nicht auf eine Frau und scheiterten. Warum sind Sie nicht damals schon angetreten?

Da war es einfach noch kein Thema für mich. Frauenbiografien sind nun mal nicht linear. Ich war sehr jung Grossrätin, habe das dann aber zugunsten von Familie und Beruf aufgegeben. Jetzt ist die Zeit aber reif für mich.