Der Aargau gilt landläufig als ausgesprochener Autokanton. Tatsächlich werden heute lediglich sieben bis acht Prozent aller Wege mit dem Velo zurückgelegt. Dies, obwohl der Aargau über ein kantonales Radroutennetz von 960 Kilometern Länge verfügt. Die Verkehrsverantwortlichen des Kantons im Baudepartement von Stephan Attiger wollen das jetzt ändern, die Weichen für die Mobilität der Zukunft stellen und den Anteil der Velofahrenden am Gesamtverkehr massiv erhöhen.

Eine 2014 gegründete Fachstelle Fuss- und Veloverkehr hat dafür ein Umsetzungskonzept zur neuen übergeordneten Mobilitätsstrategie des Kantons ausgearbeitet (vgl. Box rechts oben). Ziel ist, so Carlo Degelo, Leiter der Abteilung Verkehr, «den Anteil der gefahrenen Velowege im Oase-Raum bis 2025/30 auf 14 Prozent zu verdoppeln und bis 2040 auf 20 Prozent zu verdreifachen. Das ist ein Quantensprung. Der ist unabdingbar, damit der Verkehr in den Städten nicht kollabiert». Dafür reiche es natürlich längst nicht mehr, am Rand einer Strasse einen Radstreifen zu markieren.

Möglichst ein eigenes Trassee

«Wenn wir den Veloverkehr fördern wollen – und das tun wir –, dann braucht es attraktive und sichere Angebote. Das Velo ist dort besonders zu fördern, wo es seine Berechtigung hat, also auf kurzen Distanzen bis zehn Kilometer, vor allem in Kernstädten, den Zentren und grossen Agglomerationen», sagt Degelo. Und wie konkret? Velofahrende sollen im Aargau künftig direkte, sichere Wege nutzen, die den Fahrfluss möglichst wenig unterbrechen. Degelo: «Wo möglich, bekommen sie ein eigenes Trassee. Wenn der Platz auf dem bestehenden Verkehrsraum zu knapp ist, schauen wir dafür, das nötige Land zu erwerben.»

Noch mehr Auto geht nicht rein

In den Städten brauche es neue Lösungen, man müsse Platz schaffen für den Velo- und Fussgängerverkehr, erläutert Degelo. Die Einwohnerzahl werde im Aargau bis 2040 um weitere 190 000 Personen zunehmen, der Verkehr wächst gar noch schneller als die Bevölkerung. Doch noch mehr motorisierten Individualverkehr könnten die Städte nicht verkraften.

«Deshalb braucht es nebst dem bereits gut ausgebauten öffentlichen Verkehr (öV) auch das Verkehrsmanagement sowie dringend mehr Raum für den Velo- und Fussverkehr.»
Das Departement Attiger plant im Rahmen des Regionalen Gesamtverkehrskonzepts Ostaargau (Oase), das ganze Velonetz zu verbessern und als Pilotprojekt eine beispielhafte Velovorzugsroute, eine Art Velo-Highway.

Dabei sei nicht Schnelligkeit wichtig, sondern Direktheit und ungestörter Fahrfluss. Diese Velovorzugsroute soll von Spreitenbach und Neuenhof über Baden, Siggenthal und Turgi nach Windisch und bis ins Zentrum von Brugg sowie von Baden Richtung Dättwil führen (vgl. Karte). Ab Knoten Esp in Dättwil in Richtung Oberrohrdorf ist die definitive Route allerdings noch nicht mit den Gemeinden abgesprochen. Sie führt wenn möglich nahe an Bahnhöfen vorbei, um den Veloverkehr in Zusammenarbeit mit den Gemeinden mit dem öV zu verknüpfen. Das bedingt auch ausreichend Veloabstellmöglichkeiten.

140 Millionen fürs Velonetz

Auf der Velovorzugsroute soll es möglichst wenig Hindernisse wie zum Beispiel Kreuzungen mit langen Wartezeiten, unnötige Halte, Engstellen, oder Randsteine geben. Sie ist vor allem für Radfahrer konzipiert. Fussgänger und Autofahrer sind geduldet, wo keine anderen Regeln gelten. Angestrebt wird, dass die einspurige Velovorzugsroute zwei, die zweispurige vier Meter breit wird. Sie hat einen höheren Standard als bestehende Radwege im Aargau (vgl. Beispiel aus Suhr im Bild rechts). Radfahrer werden auf dieser Route soweit möglich verkehrlich bevorzugt, sie soll mehr Sicherheit bieten.

Der Weg soll breit genug sein, damit Velofahrende und schnellere E-Bikes gut aneinander vorbeikommen. Für Degelo ist klar, dass es einen höheren Standard braucht: «Sonst findet der Umstieg aufs Velo nicht statt.»

Die Kosten für die Verbesserungen am ganzen Velonetz im Ostaargau (ca. 130 km) und den Bau der Velovorzugsrouten schätzt Degelo auf rund 140 Millionen Franken. Das Geld soll soweit möglich aus dem Strassenfonds kommen. Denn mit den Verbesserungen am ganzen Velonetz und so einer Velovorzugsroute kann man die Strasse deutlich entlasten, was das Staurisiko für motorisierte Verkehrsteilnehmer mindert. Degelo: «Dann haben alle etwas davon.»

Eines macht der Spezialist mit Blick auf die immer wiederkehrende Debatte über zu schnelle Velofahrende im Innerortsverkehr klar: «Auch auf diesen Routen gelten die gleichen Regeln. Rechtsvortritt bleibt Rechtsvortritt. Wenn ein Veloweg durch eine Tempo-30-Zone führt, müssen sich alle daran halten, auch E-Biker. Velos und E-Bikes brauchen aber gemäss Gesetz keine Geschwindigkeitsanzeige. Deshalb kann man von den Velofahrenden nicht verlangen, dass sie wissen, wie schnell sie unterwegs sind – entsprechend kann man sie nicht büssen.»

Es könne nur funktionieren, wenn alle aufeinander Rücksicht nähmen: «Dann bringen die Wege auch zusätzliche Sicherheit.» Velofahrende sollen immer weniger komplizierte Verkehrsknoten queren müssen. Degelo weiss: «Diese halten heute noch viele davon ab, das Velo zu nehmen.» Deshalb sollen künftig Über- oder Unterführungen auch möglich sein, um gefährliche Querungen zu vermeiden.

Entscheid wohl Ende 2020

Doch wann kommt die erste Route? Ist das bloss Zukunftsmusik? Degelo betont, dass hier Kanton und Gemeinden gemeinsam eine Lösung finden müssten. Das
Regionale Gesamtverkehrskonzept Ostaargau (OASE), das auch kostenintensive strassenseitige Projekte enthält (darunter eine neue Limmatbrücke insbesondere für den motorisierten Individualverkehr in Baden, um die Hochbrücke für den öffentlichen und den Veloverkehr frei zu machen), geht im Oktober 2019 in eine breite Vernehmlassung.

Ende 2020 soll dem Grossen Rat nach heutiger Planung die Botschaft zum regionalen Gesamtkonzept Ostaargau unterbreitet werden. Klar habe OASE einen Fokus bis 2040: «So lange müssen wir aber nicht warten. Das wollen wir auch nicht. Die Verbesserungen am Velonetz und die Velovorzugsrouten wollen wir sehr zügig angehen. Wenn alles rund läuft, können erste, kleinere Projekte bereits vor 2025 umgesetzt werden.»

Auch Region Zofingen ist dran

Auch in der Region Zofingen arbeiten der Kanton, die Gemeinden und der Regionalplanungsverband an Plänen für eine Vorzugsroute. Auch hier soll das Velopotenzial bestmöglich ausgeschöpft werden. Ein Monitoring soll dann zeigen, wo die Radfahren- den vorab unterwegs sind, um ihnen eine bestmögliche Route anbieten zu können. Genau beobachtet man in Aarau auch ein Pilotprojekt zu Velo-strassen in Bern, wo Velofahrer gegenüber dem motorisierten Verkehr Vortritt haben.

Wenn sich die Vorzugsrouten bewähren, kann sich Degelo gut vorstellen, sie zu verlängern und weitere Städte zu verknüpfen. Die Chancen, dass es gelingt, schätzt Degelo als gut ein: «70 Prozent aller Haushalte haben ein, zwei oder gar mehrere Fahrräder.» Freude hätten Degelo und seine Leute, wenn dereinst auf den Strassen auf kurzen Distanzen wieder ähnlich viele Velofahrer unterwegs wären wie in den Fünfzigerjahren.