Logistik
Rauschende Paletten trotz Pandemie – «mittelfristig gibt uns Corona mit Sicherheit einen Push»

Automatisierte Logistiklösungen waren schon vor Corona gefragt. Zwar hat die Pandemie auch bei Swisslog Spuren hinterlassen, doch der CEO ist zuversichtlich.

Sébastian Lavoyer
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Logistiker Jürg Sulser (links), CEO der Sulser Group, vertraut für Automatisierungen auf Swisslog und CEO Christian Baur.

Logistiker Jürg Sulser (links), CEO der Sulser Group, vertraut für Automatisierungen auf Swisslog und CEO Christian Baur.

Severin Bigler

Plötzlich stand die Welt bei Sulser in Brunegg quasi still. Die Schweiz war da noch ein anderes Land, das Coronavirus kannten wir aus den Medien oder vom Hörensagen. Aber wie sich ein Lockdown anfühlt, was so ein Virus mit einer Gesellschaft und all ihren Individuen macht, das wusste niemand. Es war Dezember 2019, als sich beim Logistikspezialisten das Transportvolumen massiv reduzierte.

Sulser ist Teil einer Lieferkette eines internationalen Kosmetikherstellers und beliefert den asiatischen Markt. Die Viruskrise erreicht Sulser, als Corona noch nicht in der Schweiz war. Eine erste Erholung spürte das Logistikunternehmen, als wir noch im Lockdown waren. Unterdessen fliegen die Paletten im Hochregallager wieder im Minutentakt durch den Raum. Rund 30 Meter hoch, 100 Meter lang und 20 Meter breit – knapp 9000 Paletten lagern hier.

Tempo, Zuverlässigkeit und digitale Verfolgung

Die Sicherheitsanforderungen des Kosmetikunternehmens sind immens. Hochauflösende Kameras, 24-Stunden-Bewachung und strenge Zutrittskontrollen sind nur einige der Auflagen. «Das ist das bestbewachte Logistikzentrum des Landes», sagt Jürg Sulser, CEO der Sulser Group. Und eines der modernsten dazu.

Erst 2014 hat man das Gebäude am Fusse des Schloss’ Brunegg für 14 Millionen Franken renoviert und auf den neusten Stand gebracht. Mit Schweizer Spitzen-Technologie des Logistik-Automatisierungsspezialisten Swisslog. In der Hochsaison, um Ostern und Weihnachten, wird hier 24 Stunden, sieben Tage die Woche gearbeitet. Die vier vollautomatischen Regalbediengeräte rauschen surrend durch die Regalreihen, 160 Paletten pro Stunde können sie abfertigen.

Immer schneller, immer zuverlässiger

Allein in diesem vollautomatisierten, auf 16 bis 26 Grad geheizten oder gekühlten Raum ersetzt die Technik zwölf bis zwanzig Arbeitskräfte. Die Einsparung der Arbeitskräfte sei aber gar nicht der Hauptgrund für die Automatisierung, wie Sulser sagt. «Es geht um die Zeitersparnis, die Zuverlässigkeit, die uns das System von Swisslog bietet.» Alles ist jederzeit digital erfasst und nachvollziehbar.

Digitalisierung in der Logistik bewirkt, dass wir heute bestellen und morgen das gekaufte Produkt in Händen halten. Das ist vor allem ein Verdienst der Online-Händler. Immer schneller, immer zuverlässiger und am besten rund um die Uhr – das sind die Herausforderungen der Logistik. Christian Baur, CEO von Swisslog, weiss das nur allzu gut. Sein Unternehmen gehört zu den weltweit führenden Anbietern von Logistikautomatisierungslösungen. Mit einem Fokus auf eigene Software und Robotik und Kunden wie Walmart, Coca Cola, Ikea, Nestlé oder dm-Drogerie Mark.

«Oft fehlen schlicht auch die qualifizierten Arbeitskräfte»

Das Geschäft brummt. «Seit meinem Amtsantritt konnten wir die Auftragseingänge mehr als verdoppeln», sagt Baur. Sie wuchsen von 350 Millionen auf rund 800 Millionen im 2019. Zwar hat Corona auch bei Swisslog Spuren hinterlassen. Die Aufträge sind weniger zahlreich eingegangen als noch 2019 (Zahlen für 2020 sind noch nicht publik). Investitionen wurden aufgeschoben, teils mussten Baustellen schliessen. Baur sagt aber: «Mittelfristig gibt uns Corona mit Sicherheit einen Push. Automatisierung und Digitalisierung sind der Schlüssel für Unternehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.»

Diese Aufbruchstimmung spürte man im Onlinehandel schon 2020. So musste Brack.ch seine Lager innert zwei Wochen optimieren und brauchte mehr Roboter für die Abwicklung des Warenflusses. Und der Trend ist klar: Der Handel verschiebt sich in die Virtualität. Getrieben von Amazon. Automatisierung wird aber nicht nur deshalb nachgefragt. «Oft fehlen im Bereich Logistik schlicht auch die qualifizierten Arbeitskräfte», sagt Baur.

Swisslog-Lösung gewann deutschen Logistikpreis

Amazon selbst zählt nicht zu Swisslogs Kunden. Der amerikanische Online-Gigant arbeitet mit eine eigene Automatisierungslösung in der Logistik. Aber Swisslog hat, wie erwähnt, rund um den Globus namhafte Kundschaft. Und auch in der Schweiz setzen Unternehmen wie die Migros, Roche oder Post Logistics auf Swisslog. Den Vergleich mit Amazon brauchen die Experten aus Buchs nicht zu scheuen.

Spatenstich spätestens im Frühjahr 2022

Ein Beispiel? 2020 gewann die deutsche Drogeriemarktkette dm den deutschen Logistikpreis. Mit einer Swisslog-Lösung. Jeder Shop mit seiner Regalarchitektur ist digitalisiert. So wissen Kommissionierungsroboter im Lager, wie sie die Lieferungen für die einzelnen Filialen gemäss Regalabfüllungsablauf im Laden zusammenstellen müssen. Ganz oben sind die leichten und zuerst benötigten Produkte. Einzig die Auslieferung und Befüllung wird noch von Menschen gemacht.

Die Nachfrage nach solchen Lösungen ist gross. Auch die Sulser Group plant in Brunegg in unmittelbarer Nähe der Autobahnverzweigung A1 und A3 einen grösseren Ausbau. Jürg Sulser will ein zweites Hochregallager anbauen, die Palettenplätze sollen von 9000 auf bis zu 20'000 ausgebaut werden. Dazu sind umfangreiche Bürofläche geplant. «Sobald wir die Hälfte der Flächen mit Vorverträgen abgedeckt haben, beginnen wir mit dem Bau», sagt Sulser. Er rechnet spätestens im Frühjahr 2022 mit dem Spatenstich.