Die Abgabe von sauberen Spritzen ist ein niederschwelliges Angebot für Drogensüchtige und dient der Schadensminderung. Süchtige sollen sich nicht noch zusätzlich einem gesundheitlichen Risiko aussetzen, indem sie sich dreckige Nadeln in die Venen stecken und sich so womöglich mit Hepatitis oder dem HI-Virus infizieren. Bei der Suchthilfe können sie steriles Spritzmaterial beziehen. Anonym und ohne Beratungszwang.

Der Schrank neben der Empfangstheke ist gefüllt mit sterilen Pads zum Desinfizieren, mit Nadeln und Spritzen. Konsumieren dürfen die Süchtigen nicht vor Ort. Anders als in anderen Kantonen gibt es im Aargau keine Kontakt- und Anlaufstellen; kein Fixerstübli. Bisher scheiterten alle Versuche an der Finanzierung.

Mehr Männer als Frauen

Letztes Jahr hat die Suchthilfe in Aarau 9400 Spritzen abgegeben. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2015. Damals waren es 3550 Spritzen. Gibt es im Aargau also wieder mehr Fixer? Der Geschäftsführer der Suchthilfe, Hans Jürg Neuenschwander, ist vorsichtig: «Wir können noch nicht sagen, ob das ein neuer Trend ist und müssen die Entwicklung weiter beobachten.»

In Italien und Amerika habe es vor ein paar Jahren solche Trends gegeben. «Plötzlich war Heroin wieder in», sagt Neuenschwander. «Aber wir haben im Aargau bis jetzt lediglich diese Zunahme bei den Spritzen beobachtet und können noch nicht sagen, ob das anhaltend ist oder wieder zurückgeht.»

Auf der Suchtstelle in Aarau können Spritzen abgeholt werden, auch integriert in einem Set, welches alles beinhaltet, um Heroin intravenös zu konsumieren.

Auf der Suchtstelle in Aarau können Spritzen abgeholt werden, auch integriert in einem Set, welches alles beinhaltet, um Heroin intravenös zu konsumieren.

Ein Blick in die aktuellsten Zahlen zeigt: Die Entwicklung geht weiter. Bis Ende Mai haben die Süchtigen 4000 Spritzen bezogen. 2016 waren es Ende Mai 2350 Stück. Die Suchthilfe gibt in Aarau jeweils am Nachmittag sauberes Spritzmaterial ab. Die Aufgabe übernimmt immer die gleiche Mitarbeiterin. Sie führt auch Statistik. Wie alt die Drogensüchtigen sind und woher sie kommen, wird nicht erfasst. «Das Angebot ist niederschwellig und anonym», sagt Stellenleiterin Anna-Barbara Villiger. Es seien aber mehr Männer als Frauen, die Spritzen holen.

Maximal 50 Spritzen aufs Mal

Grundsätzlich dürfen die Süchtigen so viele Nadeln und Material mitnehmen, wie sie möchten. Bei den Spritzen gibt es aber eine Beschränkung auf 50 Stück pro Abgabe und bei den Flash-Boxen werden maximal zwei abgegeben. In einer solchen Box hat es neben Spritzen auch Desinfektions-Tücher, Kochsalzlösung und Ascorbinsäure. Letztere brauchen die Süchtigen, um ihren Stoff aufzukochen. «Weil die Flash-Box im Einkauf zwei Franken kostet, mussten wir diese Beschränkung einführen», sagt Villiger. «So können wir verhindern, dass die Boxen auf der Strasse weiterverkauft werden.»

Dass die Süchtigen pro Kontakt so viel Spritzmaterial beziehen können, schlage sich auch in der Statistik nieder. «Wenn wir ein paar Personen haben, denen wir regelmässig eine grosse Menge an Spritzen abgeben, zeigt sich das natürlich», sagt Villiger. «Wir haben nämlich nicht festgestellt, dass mehr oder neue Leute bei uns saubere Spritzen holen.» Dass immer die gleiche Mitarbeiterin die Spritzen abgibt, sei ein Vorteil: «Sie kennt die meisten Leute und könnte uns informieren, sobald ihr etwas auffallen würde.»

Das war bis jetzt nicht nötig. Denn obwohl auch die Kontakte von 326 im Jahr 2015 auf 507 im letzten Jahr gestiegen sind, seien kaum neue Gesichter aufgetaucht – die bisherigen sind nur häufiger gekommen. Das stellt auch Christine Vögele, Leiterin der Sektion Gesundheitsförderung und Prävention beim Gesundheitsdepartement, fest: «Die Zahl der Konsumierenden hat sich nicht stark verändert, vielmehr haben sie mehr Spritzen abgeholt.» Das lasse sich unter anderem auf ein «gesteigertes Bewusstsein bezüglich Krankheitsübertragung und Hygiene zurückführen».

Holt eine Person zum ersten Mal saubere Spritzen, bekommt sie einen Flyer mit den Öffnungszeiten und den Regeln. Sie wird etwa informiert, dass der Konsum im und ums Gebäude der Suchtberatung verboten ist und man gebrauchte Spritzen entsorgen und nicht herumliegen lassen soll. Villiger geht davon aus, dass die meisten Süchtigen zu Hause konsumieren. «Aber so genau wissen wir das nicht.» Nur wenige, die Spritzen holen, lassen sich in der Suchthilfe beraten. «Es gibt viele, die bereits anderswo in Beratung oder in einem Programm sind.»

Lage in Aarau «stabil»

Die Kantonspolizei und die Stadtpolizei Aarau haben nicht gemerkt, dass mehr Spritzen abgegeben wurden. «Der Anstieg ist nicht erklärbar», sagt Kapo-Sprecher Roland Pfister. Die Anzeigen wegen Heroinkonsum haben von 75 auf 70 im Jahr 2016 abgenommen.

Daniel Ringier, der Chef der Stadtpolizei, sagt, es hätten sich auch nicht mehr Leute gemeldet, die Spritzen gefunden haben. Die Lage in Aarau sei «stabil» und wiederkehrenden «Wellenbewegungen» unterworfen. «Immer wieder tauchen kleinere oder grössere Hotspots auf und durch den dann aufgebauten Kontrolldruck der Stadt- und Kantonspolizei verlagert sich die Szene wieder», sagt Ringier. Wenn Stadtpolizisten jemanden erwischen, der Drogen konsumiert, wird die Person verzeigt. Sollten sich aufgrund des angetroffenen gesundheitlichen Zustandes weitere Massnahmen aufdrängen – etwa einen ärztlichen Untersuch – so werde das umgehend eingeleitet. «Das kommt aber nicht oft vor», sagt Ringier.