Anklage gegen Unfallfahrer
Radsportverband: «So steht künftig jeder Fahrer mit einem Bein im Gefängnis»

Während der Gippinger Radsporttage 2014 stürzte der Spitzenfahrer tödlich. Diese Woche hat die Staatsanwaltschaft den Verursacher des Sturzes angeklagt. Was bedeutet das für die Zukunft von Strassenradrennen?

Mario Fuchs
Drucken
Teilen
Die Unfallstelle in Böttstein mit der Blumenschale des OKs der Radsporttage Gippingen. Rechts der tödlich verunglückte Rennfahrer.

Die Unfallstelle in Böttstein mit der Blumenschale des OKs der Radsporttage Gippingen. Rechts der tödlich verunglückte Rennfahrer.

Tele M1

Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach hat gegen den Verursacher des tödlichen Unfalls an den Radsporttagen in Gippingen im Juni 2014 Anklage erhoben. Sie wirft ihm fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor.

Beim Amateurrennen im Juni 2014 hatte ein Überholmanöver tödliche Folgen. Ein heute 52-jähriger Ex-Profi aus dem Kanton Zürich touchierte in einer Abfahrt den Spitzenfahrer so, dass dieser stürzte.

Drei nachfolgende Rennfahrer konnten nicht mehr rechtzeitig ausweichen oder abbremsen. Ein 37-Jähriger prallte Kopf voran in einen Baum und erlag noch am gleichen Tag den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas.

Wie die Staatsanwaltschaft in ihrer Mitteilung vom Montag schreibt, hätten Zeugen das Überholmanöver als «halsbrecherisch» und «lebensgefährlich» beschrieben.

OK-Präsident: «Auswirkungen schwierig abzuschätzen»

René Huber, OK-Präsident der Radsporttage Gippingen, sagt, es sei wohl ein Novum, dass es nach einem Sturz in einem Velorennen zu einer Anklage gegen den verursachenden Fahrer komme. «Ob das künftig Auswirkungen haben wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwierig abzuschätzen.»

Huber hofft, dass der Gerichtsfall die Teilnehmer – gerade an Amateurrennen – dazu bewegen werde, «der persönlichen Risikoeinschätzung während des Rennens vielleicht wieder etwas mehr Gewicht zu geben.»

Eine solche Entwicklung fände er «durchaus sinnvoll». Letztlich mische aber im Sport immer auch der Ehrgeiz mit.

Ob die Anklage auf fahrlässige Tötung und mehrfache fahrlässige Körperverletzung richtig sei, könne er nicht sagen. «Es ist nicht an uns Veranstaltern, das zu berurteilen», sagt der OK-Präsident: «Unser Auftrag ist es, unser Möglichstes zu tun, um die Sicherheit zu gewährleisten.»

Huber betont, die Ermittlungen im Fall hätten gezeigt, dass die Organisatoren keine Mitschuld am Unfall treffe, so tragisch dieser auch sei.

Swiss-Cycling-Vorstand: «Abfahrt ist immer halsbrecherisch»

Beim kantonalen Radsportverband Swiss Cycling Aargau ist Ernesto Hitz für den Strassenradrennsport zuständig. Hitz nahm früher selber als ambitionierter Rennfahrer an Strassenrennen teil.

Ihm sind im Communiqué der Oberstaatsanwaltschaft zur Anklageerhebung im Fall Gippingen vor allem die Worte «halsbrecherisch» und «lebensgefährlich» aufgefallen. Zeugen hatten die Fahrweise des unfallverursachenden Fahrers so beschrieben.

Der angeklagte Fahrer soll in der Abfahrt bei einer Geschwindigkeit von rund 70 Kilometern pro Stunde mit nur einer Handbreite Abstand den Spitzenfahrer überholt haben, obwohl er rund zwei Meter Platz zur Verfügung gehabt habe.

Swiss-Cycling-Vorstandsmitglied Hitz sagt: «Wer selber gefahren ist, weiss: Ein Velorennen mit einer Abfahrt ist immer halsbrecherisch.»

Risiko gehört dazu

Jeder Fahrer sei sich bewusst, dass nur schon eine kleine Berührung mit einem Konkurrenten folgenreich sein könne. Auf Aussenstehende – Zuschauer etwa – könne eine Abfahrt womöglich «lebensgefährlich» wirken, für die teilnehmenden Fahrer gehöre dieses «Risiko» jedoch zu einem Rennen.

Beurteilen, ob die Anklageerhebung verhältnismässig ist, will auch Hitz nicht. Er gibt aber zu verstehen: «Künftig würde so womöglich jeder Velorennfahrer mit einem Bein im Gefängnis stehen.»

Der tödliche Rennunfall von Gippingen sei ohne Frage «sehr tragisch», doch lasse sich dieses Risiko leider bei einem Radrennen nie ausschliessen.