Race for Life
Aargauerin leidet an Krebs: «Ich war schon so oft mit dem Tod konfrontiert, dass ich keine Angst davor habe»

Lerna Scherer ist das Gesicht des diesjährigen «Race for Life», einem Benefiz-Velomarathon für krebskranke Menschen. Im Interview erzählt sie, wie sie den Alltag mit der Krankheit schafft und was ihr in schweren Momenten Kraft gibt.

Ann-Kathrin Amstutz und Sandra Casalini
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Die Aargauer Krebsbetroffene Lerna Scherer (Mitte) posiert mit dem Team, das am «Race for Life» in Bern für sie in die Pedale getreten ist.

Die Aargauer Krebsbetroffene Lerna Scherer (Mitte) posiert mit dem Team, das am «Race for Life» in Bern für sie in die Pedale getreten ist.

zvg/Chrissie.st

«Krebs geht uns alle etwas an»: Das ist eine der Botschaften des «Race for Life». Am diesjährigen Benefiz-Velomarathon traten am Wochenende in Bern 308 Menschen in die Pedale, um Spenden für krebskranke Menschen und die Krebsforschung zu sammeln. 42 500 Menschen in der Schweiz erhalten jährlich eine Krebsdiagnose. Am «Race for Life» geht es darum, sie im Kampf gegen den Krebs zu unterstützen – nicht nur mit Geldspenden, sondern auch, indem Leben und Gesundheit im Fokus stehen und gefeiert werden.

Ein Anliegen, für das sich die 34-jährige Aargauerin Lerna Scherer seit Jahren einsetzt. Sie ist selbst vom «Lynch-Syndrom» betroffen, einem Gendefekt, der in ihrem Körper immer wieder Krebs auslöst. Im Interview erzählt Scherer, wie sie mit der Diagnose umging, was ihr in schweren Situationen Kraft und Hoffnung gibt und wie der Krebs ihren Blick aufs Leben verändert hat.

Lerna Scherer.

Lerna Scherer.

zvg/Alessandra Leimer

Zur Person

Lerna Scherer, 34, ist verheiratet und wohnt in Niederwil im Reusstal. Als 16-Jährige hatte sie Polypen im Darm und in der Leber, doch es dauerte zehn Jahre, bis sie die Diagnose «Lynch-Syndrom» bekam - ein Gendefekt, der die Entstehung von Krebs begünstigt. Lerna Scherer blieb kaum etwas erspart: Zu den Tumoren in Leber und Darm kamen Bauchfell- und Magenkrebs – woraufhin ihr ganzer Magen entfernt wurde – und eine Hirntumor-Operation. Scherer ist eine passionierte Tortenbäckerin: Sie kreiert Motivtorten in allen Farben und Formen, von der Spielkonsole bis zur mehrstöckigen Hochzeitstorte. (aka) 

Frau Scherer, Sie sind das Gesicht des diesjährigen «Race for Life». Was bedeutet Ihnen dieses Engagement?

Sehr viel. Wäre ich zwanzig oder dreissig Jahre früher geboren, als ich es bin, wäre ich kaum 34 Jahre alt geworden. Durch die Forschung ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten. Sie und die Krebsorganisationen erlauben es, dass auch Menschen wie ich, welche von dieser Krankheit chronisch betroffen sind, ein lebenswertes Leben führen können. Das möchte ich mit meiner positiven Art vermitteln. Mit meinem Engagement möchte ich Betroffenen Hoffnung geben und alle anderen zu Solidarität motivieren.

Vor gut acht Jahren erhielten Sie die Diagnose «Lynch-Syndrom»: ein Gendefekt, welcher die Entstehung von Krebs begünstigt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Diagnose erhielten?

Ich weiss das rückblickend gar nicht mehr so genau. Ein Schock wars nicht. Mein Bruder ist an Krebs gestorben, ich selbst hatte schon diverse Tumore - irgendetwas musste ja sein. Ich bin von meiner Art her ein positiver Mensch, der nach vorn schaut. Ich habe die Diagnose von Anfang an akzeptiert.

Wie erlebten Sie die ersten Monate nach der Diagnose?

Es war eine Erleichterung, endlich zu wissen, warum mich immer wieder der Krebs heimsuchte. Dass es nicht einfach Pech war. Ich wusste von nun an, womit ich es zu tun hatte. So blöd das klingt, aber das war besser, als immer wieder von Neuem überrascht zu werden.

Gab es einen Moment, in dem Sie die Hoffnung fast verloren?

Ja natürlich, und die gibt es auch heute immer wieder. Die Momente, in denen ich hadere und frage, warum es ausgerechnet mich erwischt hat. Manchmal weine ich auch einfach. Irgendwann muss man loslassen, alles rauslassen. Danach gehts mir jeweils besser. Ich bin auch nur ein Mensch.

Wer oder was gibt Ihnen in den schwierigen Momenten Kraft und Hoffnung?

Vor allem meine Mutter und mein Mann. Meine Mutter hadert zwar oft selbst auch, aber wenn ich traurig bin, ist sie da. Mein Mann kennt mich in- und auswendig und sagt mir immer wieder, dass ich schon so viel geschafft habe, da schaffe ich noch mehr. Ich kann immer mit ihm reden, er hat immer Verständnis. Und das Backen. Die Freude, die ich den Leuten mit meinen Torten bereiten kann, ist unbezahlbar.

Wie schaffen Sie es, mit der Krankheit zu leben?

Die Krankheit ist immer präsent. Jedes Mal, wenn ich esse, merke ich, dass Magen und Darm nicht so funktionieren, wie sie sollen; mir ist oft schlecht, ich habe ständig Blähungen und andere Beschwerden. Seit der Bestrahlung habe ich mehr oder weniger ständig Kopfweh. Aber das ist halt einfach das, womit ich leben muss, und es bringt nichts, mein Leben ständig zu verfluchen.

Würden Sie sagen, dass der jahrelange Kampf mit dem Krebs Ihre Persönlichkeit verändert hat?

Ich würde sagen, er hat mich stärker gemacht. Ich habe immer wieder bewiesen, was ich schaffen kann, das hat mir sehr viel Vertrauen in mich selbst gegeben, und ironischerweise auch in meinen Körper. Ich kenne ihn sehr gut und merke mittlerweile auch, wenns was Ernstes ist und wenn nicht.

Sie haben eine Passion fürs Backen und kreieren aufwendige Torten. Was mögen Sie besonders an dieser Tätigkeit?

Die Herausforderung. Ich habe jeweils Erwartungen an mich selbst - welche die meiner Kundinnen und Kunden fast immer übertreffen - und wenn ich sie erfülle, bin ich schon stolz. Dann sag ich mir selbst: «Lerna, das hast du gut gemacht!»

Gibt es nach allem, was Sie erlebt haben, noch etwas, das Ihnen Angst macht?

Was mich selbst betrifft, nicht. Ich war schon so oft mit dem Tod konfrontiert, dass ich keine Angst davor habe. Meine Sorge ist mehr, dass jemand anderem etwas passiert, meinem Mann, meiner Familie. Lieber ich als sie.

Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?

Mein Mann und meine Familie. Ohne sie würde ich das alles nicht durchstehen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich würde gern so um die 80 werden (lacht). Im Ernst: Es ist okay so, wie es ist!

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