Ist ein Elternteil süchtig, betrifft die Sucht die ganze Familie. In der Schweiz wachsen etwa 100'000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Viele Kinder leiden unter der Situation. Sie trauen sich nicht, ihre Not jemandem anzuvertrauen. Mit einer nationalen Aktionswoche soll das Tabu gebrochen werden.

Helen Frei hat die Aktionswoche im Aargau mitorganisiert. Sie ist Psychotherapeutin bei der Suchtberatungsstelle ags in Brugg und setzt sich dafür ein, dass den Kindern geholfen wird. «Sie spüren genau, dass etwas nicht in Ordnung ist, auch wenn sie vielleicht noch zu jung sind, um zu verstehen, dass der Alkohol oder ein anderes Suchtmittel das Problem ist.»

Ein Kind brauche die Präsenz und Aufmerksamkeit seiner Eltern. «Sonst schliesst es daraus automatisch, dass es nicht wichtig ist, und gibt sich oftmals selber die Schuld für das Verhalten seiner Eltern», sagt Helen Frei.

In der Beratung gehe es deshalb einerseits darum, den Kindern altersgerecht zu erklären, warum es ihrer Mutter oder ihrem Vater nicht gut gehe, und ihnen andererseits zu sagen, dass sie nicht schuld daran sind.

Das Problem sei, dass sich viele Kinder für das Verhalten ihrer süchtigen Eltern schämen, was dazu führe, dass sie sich zurückziehen, anstatt sich jemandem anzuvertrauen. Dazu komme, dass sich die Kinder in einem Loyalitätskonflikt befinden. «Sie lieben ihre Eltern, möchten sie nicht anschwärzen und behalten das, was zu Hause passiert, für sich.»

Süchtige nicht verurteilen

Aus diesem Grund sei es wichtig, süchtige Menschen nicht zu verurteilen, sagt Helen Frei. In den Beratungsgesprächen fragt sie regelmässig auch nach der Befindlichkeit der Kinder ihrer Klientinnen und Klienten. Das sei ein heikles Thema. «Viele suchtkranke Menschen haben Angst, dass ihnen das Kind weggenommen wird», sagt Helen Frei.

Doch darum gehe es nicht. «Wir möchten sie in ihrer Elternrolle stärken, damit es nicht so weit kommt.» Inzwischen gebe es sehr gute Unterstützungsmöglichkeiten. Frei betont: «Alle Eltern wollen gute Eltern sein. Und auch Eltern, die trinken oder andere Suchtprobleme haben, können gute Eltern sein, sofern Schutzfaktoren für die Kinder eingerichtet werden.»

Viele von ihnen hätten in der eigenen Kindheit ähnliche Erfahrungen gemacht. «Deshalb ist es auch so wichtig, ihre Kinder zu unterstützen, damit sie später nicht auch eine Suchterkrankung oder andere psychische Krankheit entwickeln», sagt Helen Frei.

Die Psychotherapeutin rät betroffenen Kindern und Jugendlichen, sich jemandem anzuvertrauen oder kostenlos Hilfe bei einer der Suchtberatungsstellen zu holen, auch das Internet bietet gute Informationsseiten sogar für Kinder (siehe Box).