Unterirdische Asylunterkunft

Psychologin: «Wenn Menschen Angst haben, steigt die Gewaltbereitschaft»

Weil er es in der unterirdischen Anlage nicht mehr ausgehalten hat, soll ein Asylbewerber in Aarau einen Mitbewohner erstochen haben. Psychologin Sara Michalik über die Auswirkungen der Unterkunft auf ihre Bewohner.

Welche Auswirkungen kann die Beschaffenheit der Asylunterkunft auf die Psyche der Bewohner haben?

Sara Michalik: Lichtmangel, enge und karge Räume, insbesondere auch das Fehlen von Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten können die psychische Gesundheit stark belasten. Wenn Menschen dann noch über längere Zeit keine oder kaum Beschäftigung haben und trotz Bemühungen keine sinnvolle Aufgabe bekommen und nicht wissen, wie es weitergeht, dann ist die Gefahr gross, dass man irgendwann krank wird.

Können beengende Platzverhältnisse Gewaltausbrüche fördern?

Wir wissen heute, dass viele geflüchtete Menschen aufgrund von erlebter Gewalt im Heimatort oder auf der Flucht traumatisierende Situationen und Verlust von Angehörigen erlebt haben und daher psychisch vorbelastet oder krank sind. Die meisten Asylsuchenden bekommen aber keine Therapie oder spezielle Unterstützung deswegen. Sichtbar wird es für die
Öffentlichkeit erst dann, wenn Menschen aus einer Not heraus gewalttätig werden und sich und andere Menschen bedrohen. Auslöser kann in einem solchen Fall eine Kleinigkeit sein: ein gestörter Schlaf, ein komischer Blick, ein zu enger Raum. Die Ursache für die Gewaltbereitschaft ist aber viel komplexer.

Spielt die Zusammensetzung der Bewohner eine Rolle?

Ich höre von Asylsuchenden und Betreuern, dass es nicht einfach ist, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft auf so engem Raum zusammenleben. Manche von ihnen mussten bereits auf der Flucht rassistische Erfahrungen und Unterdrückung erleben. Das hinterlässt Spuren.

Braucht es mehr Kontrollen?

Ich weiss, dass Asylsuchende in manchen Unterkünften grosse Angst haben. Sie erleben immer wieder Konflikte und können sich in diesen Räumen selber kaum schützen. Und wenn Menschen Angst haben und sich nicht sicher fühlen, dann steigt auch die Gewaltbereitschaft oder die Bereitschaft, Waffen zur Verteidigung auf sich zu tragen. Nur allein vermehrte Kontrollen einzuführen, würde das Problem nicht lösen.

Was braucht es dann?

Im Moment sehe ich im Asylbereich eine Parallelwelt, von der viele Menschen gar nicht wissen, dass diese existiert und wie die Flüchtlinge hier leben. Menschen brauchen eine sinnvolle Beschäftigung: Arbeit, Ausbildungsplätze, Deutschkurse. Ein Betreuer für bis zu 60 Menschen, die hier völlig fremd sind und die Sprache nicht können, reicht nicht. Das heisst, es braucht mehr Betreuung und Begleitung. Aber das kostet Geld. Schwierig, beim aktuellen Sparprogramm des Kantons.

Toter nach Messerattacke in Asylunterkunft

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In der unterirdischen Unterkunft beim Kantonsspital Aarau stach ein Iraner auf zwei Landsmänner ein. Einer stirbt, der andere wird schwer verletzt.

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