Herr Meyer, Sie forschen über Stereotype und deren negativ behaftete Version, die Vorurteile. Wieso gibt es davon so viele über Kantone?

Bertolt Meyer: Wir nutzen jene Stereotype, die für den Alltag nützlich sind. In jedem Land der Welt werden auf diese Weise regionale Unterschiede thematisiert – in der Schweiz bieten sich dafür die Kantone am besten an. Diese verallgemeinernden Aussagen sind deshalb so verbreitet, weil sie uns den Umgang mit anderen Menschen erleichtern.

Inwiefern?

Wir müssen uns nicht über alle Personen ein Bild machen, sondern können sie in eine Schublade stecken. Stereotype helfen uns dabei, Informationen zu verarbeiten. Ihre zweite Funktion ist die Erhaltung des Selbstwerts. Meist enthalten sie einen Vergleich, bei dem es darum geht, die eigene Gruppe gegenüber anderen aufzuwerten.

Haben alle Stereotype einen wahren Kern?

Nein. Zum Beispiel ist die Annahme erwiesenermassen falsch, dass Frauen in Mathematik schlechter sind als Männer. Doch der Mensch tendiert dazu, jene Infos aufzunehmen, die besser zu den eigenen Vorannahmen passen.

Die meisten dieser Klischees sind schon alt und halten sich über Jahrzehnte. Wie geht das?

Die Tendenz zu Stereotypen gibt es schon sehr lange, sie muss tief in uns verwurzelt sein. Viele davon werden bereits frühkindlich aufgenommen, wie beispielsweise die Geschlechterrollen, und müssen gar nicht explizit weitergegeben werden. Kinder haben ein feines Sensorium dafür, wie sich die Eltern verhalten. Die Kantons-Klischees sind oftmals in der Schule ein Thema, wenn etwa ein Mitschüler aus einer anderen Region stammt. Minderheiten werden häufig zur Zielscheibe für Spott und Hohn. Kinder können grausam sein.

Sie haben sieben Jahre als Deutscher in der Schweiz gelebt. Welches Vorurteil über den Kanton Aargau ist Ihnen aus dieser Zeit geblieben?

Keines, mein Chef war Aargauer, auf seinen Kanton liess er nichts kommen (lacht).