Sondersetting

Prügelschüler kostet 8000 Franken – die Aargauer Regierung legt Kosten und weitere Details offen

Ein Schüler schlug seine Lehrerin im Sommer 2019 spitalreif. Es bleiben viele Fragen offen. (Symbolbild)

Ein Schüler schlug seine Lehrerin im Sommer 2019 spitalreif. Es bleiben viele Fragen offen. (Symbolbild)

Ein 14-jähriger Schüler hat im Sommer seine Lehrerin so heftig geschlagen, dass sie mit einem gebrochenen Kiefer ins Spital musste. Nun bringt die lange erwartete Antwort der Aargauer Regierung auf eine SVP-Interpellation Licht ins Dunkle.

Es war der Tag vor dem Jugendfest der Kreisschule Chestenberg, als ein 13-jähriger Schüler seiner Lehrerin einen Faustschlag verpasste – und ihr den Kiefer brach. Anlass für den Ausraster war die Aufforderung der Lehrerin gewesen, seine Taschen zu leeren. Sie wollte kontrollieren, ob er eine Waffe bei sich trug. Es wurde ein Strafverfahren eingeleitet. 

Der Schüler aus Möriken-Wildegg war schon vorher auffällig geworden. So hatte er zum Beispiel auf dem Pausenplatz Mädchen aufgefordert, sich anständig zu kleiden. Dabei soll er auch schon mit dem Messer herumgefuchtelt haben. Alle schulischen Disziplinarmassnahmen hatten zu nichts geführt.

Eigentlich hätte der Jugendliche im Herbst 2019 wieder die Regelschule besuchen sollen. Die Aussichten auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung galten als gut. Doch nach einem «Weltwoche»-Artikel brach die Kreisschulpflege das Vorhaben ab. Ein geregelter Ablauf wäre aufgrund der medialen Aufmerksamkeit ihrer Meinung nach nicht mehr möglich gewesen. Seither wird er in einem Sondersetting der Institution «Türöffner» betreut.

Viele offene Fragen

Die Aargauer SVP verlangte genauere Details zum Fall. Ihre Grossrätin Doris Iten reichte, unterstützt von 27 Ratsmitgliedern, eine Interpellation beim Regierungsrat ein.

Der Fragekatalog drückt Empörung aus: War das Departement Bildung, Kultur und Sport über den Fall informiert und wurde es aktiv? Wurde die angegriffene Lehrerin genügend unterstützt? Auch stellte Iten in Frage, ob die Ermittlungen genügend sorgfältig geführt wurden. Denn der Schüler war nach einer zweitägigen Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuss, trotz seiner offensichtlichen Gewaltbereitschaft. Dass die Regelschule in Lenzburg den Schüler nach den Herbstferien fast wieder aufgenommen hätte, machte sie ebenfalls stutzig. War die Schule im Bild über die Vergangenheit ihres zukünftigen Zöglings? Wieso erachtete man ihn als geheilt und was rechtfertigte das Sicherheitsrisiko, das man offensichtlich bereit war, einzugehen? Und was machte man gegen die steigende Gewalt an Schulen? Seit die Schulaufsicht die Einschulung notfallmässig stoppte, durchläuft der heute 14-jährige Schüler mit syrischen Wurzeln ein spezielles Betreuungsangebot: Details und Kostenpunkt bis anhin unbekannt.

Heute Freitag wurde nun die lange erwartete Antwort der Regierung veröffentlicht.

Die Antworten malen, soweit möglich, ein detailliertes Bild der Geschichte. Zudem weist der Regierungsrat darauf hin, dass er wegen laufendem Verfahren und zum Schutze des beschuldigten Schülers nicht alle Fragen bis ins Detail beantworten könne.

Der Angriff auf die Lehrerin im Schulhaus Chestenberg geschah am 28. Juni. Zwei Tage später informierte der Gesamtschulleiter der Kreisschule Chestenberg den Schulpsychologischen Dienst (SPD) per Notfallnummer. Die kantonale Schulaufsicht erfuhr nochmals einen Tag darauf per E-Mail über den Vorfall. Von diesem Ablauf weiss die Leitung des Departements Schule, Bildung und Sport. Weshalb die Meldungen verzögert erfolgten, geht aus der Antwort der Regierung nicht hervor. Dass sie sonst aber  ziemlich genau im Bild ist, darauf lassen die folgenden Antworten schliessen. 

Die Schulanlage Hellmatt in Wildegg. Im Gang dieser Schule attackierte der Schüler seine Lehrerin. (Bild: Frederic Härri)

Die Schulanlage Hellmatt in Wildegg. Im Gang dieser Schule attackierte der Schüler seine Lehrerin. (Bild: Frederic Härri)

Sowohl der Schulleitung, als auch dem Sozialarbeiter stand der Schulpsychologische Dienst (SPD) mit Beratung bei. Der Sozialarbeiter kümmerte sich um die Betreuung der Klasse. Und auch dem Opfer wurde mehrmals Unterstützung angeboten. Es lehnte diese jedoch ab. Bekannt ist: Die Lehrerin ging in Pension.

Lenzburg wollte den Schüler aufnehmen

Auf den 21. Oktober 2019 war ein Wechsel des Schulortes geplant, was auch als Disziplinierungsmassnahme gegolten hätte. Die Regionalschule Lenzburg war über den Jungen und dessen Wiedereingliederung genau informiert. Sie war gewillt, den Jugendlichen in eine Regelklasse aufzunehmen. Die Motivation war, ihm einen Wiedereinstieg zu ermöglichen. Dass dieser Prozess gestoppt wurde, sei dem grossen öffentlichen Interesse nach dem «Weltwoche»-Artikel vom 17. Oktober 2019 geschuldet, was eine geordnete Wiedereinschulung im normalen Umfeld verunmöglichte.

Hier hätte man den Möriker Schüler nach seinem Ausraster aufgenommen: Die Oberstufe in Lenzburg auf dem Schulcampus Lenzhard (Bild: Michael Küng)

Hier hätte man den Möriker Schüler nach seinem Ausraster aufgenommen: Die Oberstufe in Lenzburg auf dem Schulcampus Lenzhard (Bild: Michael Küng)

Zu den Ermittlungen der Jugendanwaltschaft, welche SVP-Grossrätin Doris Iten offensichtlich in Frage stellt, verweist der Regierungsrat auf den Unterschied zwischen dem Erwachsenenstrafrecht und dem Jugendstrafrecht. Im letzteren soll das Strafverfahren nicht mehr als nötig in das Privatleben des Jugendlichen und in den Einflussbereich seiner gesetzlichen Vertretung eingreifen. Das habe nichts mit Zurückhaltung zu tun, sondern sei gesetzlich vorgegeben.

Aus der Untersuchungshaft sei der gewalttätige Jugendliche entlassen worden, weil keine Gefahr bestand, dass er fliehen würde. Er sei zwar «auf freiem Fuss» aber er sei eng betreut und überwacht in einer speziellen Tagesstruktur untergebracht, wo er geschult und beschäftigt wird.

Das kostet und zwar monatlich 7'918 Franken. Alleine die Tagesstruktur macht gemäss Regierungsangaben 200 Franken pro Tag, plus Essen (15 Franken täglich), Schule (750 Franken pro Woche) und Mentaltraining (142 Franken pro Woche). Dazu kommen noch 50 Franken pauschal für Administration und Diverses.

Hinzu kommen die Kosten in Höhe von geschätzten 15'000 Franken für ein Gutachten, das bei der Klinik für forensische Psychiatrie in Zürich in Auftrag gegeben worden ist. Noch liegt das schriftliche Ergebnis nicht vor.

Die Angst vor steigender Gewalt

Grossrätin Iten zeigt sich besorgt über die allgemeine Zunahme von Gewalt. Der Regierungsrat weist dies von sich: Eine allgemeine Gewaltzunahme an Schulen sei nicht erwiesen. Unterstützung vom Kanton, dem Schulpsychologischen Dienst, der Schulaufsicht und der Schulsozialarbeit steht aber allen Schulleitungen, Lehrpersonen und Eltern zur Verfügung.

Bei Verdacht auf Radikalisierung haben Schulleitungen und Lehrpersonen von Jugendlichen seit dem Jahr 2018 die Möglichkeit, die Anlaufstelle Radikalisierung des Schulpsychologischen Dienstes (SPD) für eine Vorgehensberatung zu kontaktieren. Je nach Situation erfolgt eine detaillierte Einschätzung mit Handlungsempfehlungen.

Der familiäre Hintergrund

Die regierungsrätliche Antwort zeigt auch den familiären Hintergrund des Jungen auf. Bei der Familie handelt es sich um anerkannte Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsbewilligung B. Für die Familie wurde 2016 ein Integrationsmassnahmenplan erstellt. Die Eltern hätten die vereinbarten Kurse besucht. Darüber, wie die Eltern zur Verantwortung gezogen werden (können), macht die Regierung keine Angaben.

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