Rückstand

Prüfer versinken in Arbeit: Jedes fünfte Auto wird im Aargau zu spät vorgeführt

Bei der Fahrzeugkontrolle im Aargau – hier beim Strassenverkehrsamt – liegt die Priorität auf älteren Autos.

Bei der Fahrzeugkontrolle im Aargau – hier beim Strassenverkehrsamt – liegt die Priorität auf älteren Autos.

Bei den Prüfstellen kommt man nicht mehr hinterher: Mehr als 67 000 Autos sind derzeit ungeprüft unterwegs – Der TCS bietet Hand für eine Lösung. Aber auch ein Vorschlag des Bundesamtes für Strassen könnte Abhilfe schaffen.

Eigentlich muss ein neues Auto in der Schweiz nach vier Jahren zum ersten Mal vorgeführt werden. Die nächste Prüfung wird drei Jahre später fällig, danach muss das Auto alle zwei Jahre geprüft werden. Doch die Kantone sind massiv im Rückstand – das bestätigt auch Johannes Michael Baer, Leiter des Strassenverkehrsamts Aargau. «Bei uns wird ein neues Auto im Schnitt nach rund fünfeinhalb Jahren zum ersten Mal geprüft.» Er relativiert aber umgehend: «Dies ist eineinhalb Jahre nach der gesetzlichen Frist, hat aber keinen negativen Einfluss auf die Verkehrssicherheit.» Die heutigen Autos seien technisch auf einem sehr hohen Stand, «sie rosten kaum noch und die Hersteller geben oft Garantien von fünf bis sechs Jahren», führt Baer aus. 

Baer hält fest, per 31. Dezember 2013 seien 81,5 Prozent aller Personenwagen im Aargau innerhalb der gesetzlichen Prüffrist kontrolliert worden, bei 18,5 Prozent werde diese überschritten. Bei einem Bestand von 365 564 Autos entspricht dies 67 629 ungeprüften Fahrzeugen. Ist das Strassenverkehrsamt auch bei älteren Autos im Rückstand? «Nein, die Prüfintervalle von Fahrzeugen, die im Zweijahresrhythmus sind, werden prioritär nach Alter eingehalten», sagt Baer. Man lege das Augenmerk dabei ganz bewusst auf ältere Fahrzeuge, «erfahrungsgemäss verschlechtert sich der Zustand bei dieser Kategorie spürbar». Er ergänzt: «Damit wir die konsequente Kontrolle der älteren Autos gewährleisten können, nehmen wir einen gewissen Überhang bei Neuwagen in Kauf.»

Prüfung fünf Minuten verkürzt

Doch was tut das Strassenverkehrsamt, um den Rückstand zu verringern? «Wir haben die Dauer der Prüfung vor einigen Jahren von 25 auf 20 Minuten reduziert», sagt Baer. Zudem arbeite das Strassenverkehrsamt mit der Aargauer Sektion des Autogewerbe-Verbandes Schweiz (AGVS) zusammen. «Je nach Wohnort schlagen wir Autobesitzern vor, ihr Fahrzeug in den AGVS-Testcentern in Zofingen oder Kleindöttingen oder an unseren Prüfstellen in Schafisheim oder Wettingen prüfen zu lassen.» Weiter hätten Kunden auch die Möglichkeit, ihr Auto beim TCS-Testcenter in Brunegg oder bei den Strassenverkehrsämtern in Münchenstein BL oder Zug vorzuführen.

Könnte das Strassenverkehrsamt dem AGVS und dem TCS nicht mehr Prüfungen zuweisen? Nein, sagt Baer: «Auch beim AGVS sind die Kapazitäten begrenzt, zudem ist jeder Kunde frei sein Auto trotz Einladung nach Zofingen oder Kleindöttingen bei uns im Strassenverkehrsamt prüfen zu lassen.» Für das TCS-Testcenter gebe es keine Gebietszuteilung, da die Prüfkapazität in erster Linie für TCS-Mitglieder des ganzen Kantons zur Verfügung stehe. Zudem seien auch beim TCS in Brunegg die Kapazitäten beschränkt.

Peter Schreiber, Betriebsleiter beim AGVS-Testcenter in Zofingen, sagt: «In unserem Rayon ist der Überhang kleiner als beim Strassenverkehrsamt, weil in seinem Einzugsgebiet die Ballungszentren Aarau und Baden/Wettingen mit sehr vielen Autofahrern sind.» Laut Schreiber hätte der AGVS durchaus freie Kapazitäten: «Wenn wir unsere beiden Standorte voll auslasten, könnten wir pro Jahr rund 40 000 Autos prüfen.» Dies wären gut 10 000 Fahrzeuge mehr als im vergangenen Jahr. Schreiber ergänzt, als Privatunternehmen sei der AGVS viel flexibler als das kantonale Strassenverkehrsamt.

«Besorgt über Entwicklung»

Thierry Burkart, Präsident des TCS Aargau, hat bereits früher Gespräche geführt mit dem Strassenverkehrsamt. Diese blieben ergebnislos, dennoch würde der TCS «Hand bieten, um mitzuhelfen, den Rückstand aufzuholen». In Brunegg gebe es noch freie Kapazitäten, zudem könne er sich auch vorstellen, weitere Prüfbahnen zu erstellen. «Wir wären offen, wenn uns das Strassenverkehrsamt künftig Kunden zuweisen würde – obwohl Fahrzeugprüfungen für uns ein Minusgeschäft sind.»

Im Klartext: AGVS und TCS könnten für Entlastung sorgen, der ganze Rückstand liesse sich aber nicht aufholen. Denn tendenziell dürfte sich dieser in den kommenden Jahren eher vergrössern. «Wir sind über die Entwicklung des Fahrzeugbestandes besorgt», sagt Baer. Seit Jahren wachse dieser jährlich um rund zwei Prozent. Bleibt also nur ein Ausbau beim Strassenverkehrsamt?

Baer: «Da die Prüfhalle Schafisheim die Kapazitätsgrenze erreicht hat, befassen wir uns mit einer Erweiterung und einer dezentralen Prüfstelle im Fricktal.» Das Strassenverkehrsamt Aargau sei daran «Möglichkeiten für Prüfkapazitätserweiterungen zusammen mit unseren Partnern zu erarbeiten». Zudem prüfe man andere Lösungsansätze in Zusammenarbeit mit dem Garagengewerbe.

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