Wahlen 2019

Provokation am Umweltpodium: Ist der Klimawandel nur eine unbewiesene Theorie?

Auf einem Podium der Umweltverbände sagt EVP-Kandidat Roland Frauchiger, man müsse den Klimawandel ernst nehmen, es gebe aber keine Beweise, dass die Temperatur weltweit steige. Grünen- Grossrätin Ruth Müri widerspricht heftig – am Ende sind sich alle einig: Es braucht mehr Anstrengungen im Klimaschutz. Über die Rezepte gehen die Meinungen allerdings weit auseinander.

Eigentlich wollten die Aargauer Sektionen von WWF, TCS, Pro Natura, Bird Life und «Nie wieder Atomkraftwerke» ein Podium mit allen Kandidierenden für den Ständerat organisieren.

Doch drei der vier Favoriten fehlten: Hansjörg Knecht (SVP), Thierry Burkart (FDP) und Marianne Binder (CVP) konnten aus terminlichen Gründen nicht an der Diskussion im Naturama in Aarau teilnehmen.

Für die Freisinnigen nahm stattdessen Nationalrat Matthias Jauslin teil, der im Umweltrating klar besser abschneidet als Burkart. Für die CVP nahm Grossrätin Sabine Sutter-Suter am Podium teil, die von sich sagte, beim Umweltschutz schlage ihr politischer Spider stärker aus als jener von Binder.

Die SVP stellte keinen Diskussionsteilnehmer – EVP-Grossrat und Ständeratskandidat Roland Frauchiger vertrat aber eine Position, die sonst gemeinhin der SVP zugeschrieben wird.
EVP-Frauchiger: «Ob es weltweit wärmer wird, wissen wir nicht»

«Ich bin Ingenieur und habe in meinem Leben gelernt, Dinge zu analysieren, zu hinterfragen und auch noch zu denken dabei», sagte Frauchiger.

Und er legte nach: «Der momentane Klimahype ist für mich eine Theorie, die nicht bewiesen ist. Wir müssen das ernst nehmen, bei uns ist es wärmer geworden – ob das weltweit der Fall ist, wissen wir aber nicht.»

Niemand wies ihn darauf hin, dass ETH-Forscher im April eine Untersuchung zu diesem Thema publiziert hatten. Demnach ist der Grund für die grossflächige Hitzewelle im Sommer 2018 der menschengemachte Klimawandel.

Ruth Müri, Grossrätin und Ständeratskandidatin der Grünen, konterte Frauchigers Votum aber vehement. «Wenn Sie vor einem Flugzeug stehen, und 97 Prozent aller weltweiten Luftfahrt-Experten Ihnen sagen, dass die Maschine unweigerlich abstürzen wird – steigen Sie dann ein?»

Es blieb aber nicht beim Vergleich von Flugzeug-Fachleuten mit Wissenschaftern, die fast einhellig zum Schluss kommen, der Klimawandel sei menschengemacht. Unter der Leitung von Sabine Kuster, Ressortleiterin Leben und Wissen bei CH Media, diskutierten die sieben Podiumsteilnehmer kontrovers über Möglichkeiten, den Klimawandel einzudämmen.

Müri will lange Flüge verteuern, Jauslin hingegen die kurzen

Dass eine Flugreise klimaschädlich ist, bestritt dabei niemand – und die Kandidierenden waren sich auch einig, dass eine Flugticketabgabe von 30 Franken viel zu tief sei, um eine Lenkungswirkung zu erzielen.

Maya Bally (BDP) sagte, sie sei früher «ein richtiges Reisefüdli» gewesen und sehr oft geflogen. Der im Parlament beschlossene Mindestbeitrag für eine Flugticketabgabe bringe gar nichts, «mindestens 100 Franken müssten es auf jeden Fall sein».

Ruth Müri sagte, die Abgabe müsse davon abhängen, wie lange der Flug sei: Ein längerer Flug nach Asien müsste mit 500 Franken belastet werden. FDP-Nationalrat Matthias Jauslin, der dieses Jahr erst mit seinem Segelflugzeug in der Luft war, widersprach: Die Abgabe müsse im Gegenteil für Europa-Flüge höher sein, weil es bei kürzeren Distanzen den Zug als valable Alternative gebe.

«Wer zum Beispiel beruflich in die USA muss, ist auf das Flugzeug angewiesen», argumentierte er.

Flach will bessere Zugangebote, Wermuth kurze Flüge verbieten

Beat Flach (GLP) gab zu bedenken, dass auch höhere Abgaben nicht dazu führen würden, dass niemand mehr für ein Wochenende nach London fliege. «Wir sind in der Schweiz derart reich, dass auch 100 Franken mehr für einen Flug nichts ändern werden.»

Die Flugticketabgabe werde aber mehr Druck auf die Nachbarländer der Schweiz erzeugen, den öffentlichen Verkehr auszubauen. Wenn die Zugverbindungen so attraktiv seien, wie zum Beispiel nach Paris, würden weniger Leute das Flugzeug nehmen.

SP-Nationalrat Cédric Wermuth ist kürzlich nach Namibia geflogen, um an einer Konferenz zur Frage teilzunehmen, wie sich Migration wegen des Klimawandels verhindern lässt. «Es wäre eine geheuchelte Vorbildfunktion, einfach im Wahljahr nicht zu fliegen», sagte er.

Wermuth sprach sich für eine Ticketabgabe aus, die mit der Anzahl der Flüge und den zurückgelegten Meilen ansteigt. Und: «Bei den Kurzstreckenflügen brauchen wir keine Abgabe, sondern ein Verbot.»

CVP-Grossrätin Sabine Sutter-Suter erinnerte sich an Zeiten, als es Nacht- und Autozüge ans Mittelmeer gab. «Dieses Angebot wurde immer mehr reduziert, es wäre längst an der Zeit, dies wieder auszubauen.»

Es sei sehr angenehm, mit dem Nachtzug nach Berlin zu reisen, dies habe sie kürzlich gemacht, sagte Sutter-Suter.

Uneinig bei Verteilungsfragen, Einigkeit bei Gletscherinitiative

Bei der Frage, wohin Einnahmen aus der Flugticket-Abgabe fliessen sollten, waren sich die Podiumsteilnehmer überhaupt nicht einig. Frauchiger möchte das Geld für konkrete Massnahmen oder Forschungsprojekte zur Reduktion von CO2 einsetzen.

Müri sprach sich dafür aus, mindestens die Hälfte des Ertrags an die Bevölkerung zurückzugeben, «damit jene profitieren, die wenig fliegen».

Flach hielt fest, wenn der Benzinpreis erhöht werde, treffe das Leute in den Randregionen. Dies müsse abgefedert werden, wenn man in der Schweiz nicht Proteste wie jene der «gilets jaunes» in Frankreich wolle.

Wermuth möchte die Einnahmen aus der Flugticketabgabe zur Verbilligung der Krankenkassenprämien einsetzen. «Dann haben jene, die nicht fliegen, Ende Monat sogar mehr Geld im Portemonnaie als heute.»

Jauslin machte einen völlig anderen Vorschlag: «Wir müssen schauen, dass wir weniger pendeln, wieder dort leben, wo wir arbeiten, dann fällt sehr viel CO2-Ausstoss weg.»

Es sei doch absurd, wenn ein Elektriker aus Winterthur bei ihm in Wohlen arbeite und umgekehrt, sagte der Unternehmer.

Einigkeit von links bis rechts gab es bei den Politikern in einem anderen Punkt: Alle sieben Podiumsteilnehmer unterstützen die Gletscher-Initiative. Diese will den Bundesrat verpflichten, den Ausstoss von Treibhausgasen in der Schweiz bis zum Jahr 2030 auf die Hälfte des Wertes von 1990 zu reduzieren.

Auch Frauchiger, der zuvor den Klimawandel angezweifelt hatte, hob bei der entsprechenden Frage die Hand und sprach sich dafür aus, sorgfältiger mit den Ressourcen der Erde umzugehen.

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