Ein bis zwei Prozent dürften die Freisinnigen im Aargau bei den Nationalratswahlen im Herbst zulegen. So lautet die Prognose von Daniel Bochsler, Politologe am Zentrum für Demokratie Aarau. Dies geht aus einem Artikel in der «NZZ am Sonntag» hervor – ebenso die Verluste von gut einem Prozent für die CVP und knapp zwei Prozent für die Grünen. 

Bei seinen Berechnungen, die immer eine Bandbreite von möglichen Wähleranteilen ergeben, stützt sich Bochsler auf eine Formel, die auf den Ergebnissen der kantonalen und nationalen Wahlen von 1995 bis 2011 beruht. Er vergleicht dafür die Stimmengewinne und -verluste jeder Kantonalpartei von einer nationalen Wahl zur nächsten. Zudem berücksichtigt Bochsler die Resultate der kantonalen Wahlen, die in einem nationalen Wahljahr stattfinden. Das sind 2015 Baselland, Luzern, Zürich und Tessin. 

Einzigartiger bürgerlicher Schulterschluss: Die Aargauer SVP, FDP und CVP gehen bei den Wahlen im Herbst eine Listenverbindung ein. Besonders die CVP könnte davon profitieren.

Einzigartiger bürgerlicher Schulterschluss: Die Aargauer SVP, FDP und CVP gehen bei den Wahlen im Herbst eine Listenverbindung ein. Besonders die CVP könnte davon profitieren.

Beschränkt auf Wähleranteile

Im Aargau liegen die letzten Grossratswahlen schon drei Jahre zurück – ist die Prognose deshalb ungenauer? «Ja», sagt Bochsler, «je länger die kantonalen Wahlen zurückliegen, desto weniger sagen sie über die nationalen Wahlen aus.» Daher sei die Prognose für den Aargau «mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen», räumt Bochsler ein. Sie basiere stark auf jenen Kantonen, die diesen Frühling ihre Kantonsparlamente erneuert haben. Bochslers Prognose bezieht sich nur auf die Wähleranteile, nicht aber auf die Sitzverteilung. «Ich traue es mir derzeit nicht zu, Sitzverschiebungen zu prognostizieren», gibt der Politologe offen zu. «Diese hängen oft von nur wenigen Stimmen ab, da würde ich fast nur danebenliegen», begründet er. Gerade in einem grösseren Kanton wie dem Aargau mit 16 Sitzen sei eine Prognose über Sitzverschiebungen so gut wie unmöglich. «Dasselbe gilt für Spekulationen, wer jetzt den 16. Sitz kriegt», sagt Bochsler. 

Listenverbindung der Aargauischen Mitte-Parteien

Listenverbindung der Aargauischen Mitte-Parteien

Auch die Listenverbindungen lässt er unberücksichtigt – im Aargau gibt es mit SVP, FDP, CVP und EDU einen bürgerlichen Block, mit BDP, EVP, GLP, Ecopop und SLB ein Mitte-Bündnis sowie mit SP, Grünen, Piratenpartei und Integrale Politik Aargau ein linker Verbund. Listenverbindungen hätten zwar sehr grosse Auswirkungen auf die Sitzverteilung und seien für manche Parteien wichtiger als der ganze Wahlkampf, sagt Bochsler. «Aber es gibt keine gesicherten Aussagen darüber, ob Listenverbindungen einen Einfluss auf Wähleranteile haben.»

Welches sind die Megathemen?

Mit Blick auf die Wahlen in zwei Monaten sagt der Wissenschafter: «Anders als noch vor 20 oder 30 Jahren wird der Wahlkampf heute stärker von nationalen Köpfen und Themen dominiert.» Diese werden laut Bochsler auch im Aargau mitentscheidend sein. «Aber ob es der starke Frankenkurs sein wird, Migrationsthemen, die Arbeitslosigkeit, oder ob vielleicht noch neue Themen aufkommen – da bin ich überfragt.»

Simulationsprogramm für Aargauer Wahlen

«Wer jetzt schon nicht mehr warten mag, kann mit meiner NR15-Wahlsimulation die Kantonsergebnisse vorwegnehmen» – so begrüsst Philipp Bachmann die Besucher auf seiner Website. Bachmann war bei den Grossratswahlen noch Wahlkampfleiter der GLP Aargau. Heute wohnt er in Luzern, das Interesse an der Politik hat er aber nicht verloren. «Ich habe zudem ein Flair für Zahlen und Statistik, deshalb habe ich ein Tool programmiert, um die Wahlen zu simulieren», sagt Bachmann. Rund vier Tage hat der Grünliberale eingesetzt – so funktioniert die Simulation: Man gibt für jede Partei einen Wähleranteil ein, dazu eine mögliche Abweichung in Prozent, dann berechnet das Tool 10'000-mal die Sitzverteilung. «Ich habe das Wahlsystem abgebildet und Listenverbindungen berücksichtigt», sagt Bachmann. So sind beim Klick auf den Aargau alle Parteien zu finden, die am 18. Oktober antreten. Je nach Einschätzung der Wählerstärke berechnet das Tool, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Partei eine gewisse Anzahl Sitze holt.

Ecopop schwer einzuschätzen

Bachmann stellt keine Prognosen an – dies tut hingegen Stefan Trachsel, der neben seiner Tätigkeit als Journalist den Blog «restmandat.ch» betreibt. Laut seiner Prognose geht der 16. Sitz im Aargau mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit an die CVP. Trachsel betont aber, dass es sich um eine vorläufige Prognose handle. «Beim Aargau verursacht besonders die Ecopop-Liste eine gewisse Unsicherheit». Er hat noch keinen methodisch sinnvollen Weg gefunden, um den Wähleranteil zu schätzen. «Der ist momentan nahe null angelegt, was wohl nicht realistisch ist», sagt Trachsel. Und er ergänzt: «Wenn man willkürlich annimmt, dass Ecopop ein bis zwei Prozent erreicht, dann hätte die Mitte-Listenverbindung etwas bessere Chancen auf den zusätzlichen Sitz als dargestellt.»

Hier gehts zum Wahltool von Philipp Bachmann.

Hier gehts zum Wahltool von Stefan Trachsel.