Lenzburg/Schafisheim

Problemkinder, oder doch nicht? – Steiner-Schule ist nicht gleich Steiner-Schule

Im Kanton Aargau gibt es zwei Rudolf-Steiner-Schulen: Die Sonderschule in Lenzburg ...

Im Kanton Aargau gibt es zwei Rudolf-Steiner-Schulen: Die Sonderschule in Lenzburg ...

Disziplinlosigkeit, Handgreiflichkeiten von Schülern gegen Lehrer, und das alles, weil der Kanton «schwierige» Jugendliche der Steiner-Schule zuteilt? Die Aussagen lassen aufhorchen, stellen sich aber als Verwechslung von zwei Schulen heraus.

Max Zurbuchen aus Boniswil ist Archäologe und erteilte im Herbst an der Rudolf-Steiner-Schule ein paar Lektionen in seinem Fachgebiet.

Vor rund einem Monat erzählte er Pitsch Schmid, Lerncoach und Präsident des Verbands Aargauer Museen (Vamus), von negativen Erfahrungen.

Schmid verfasste darauf einen Leserbrief, der am Samstag in der az erschien. Darin hiess es, an der Schule herrsche grosse Disziplinlosigkeit, eine jüngere, unerfahrene Lehrperson sei «nicht nur geduzt, sondern auch geboxt und getreten worden».

Auf Nachfrage der az bestätigt Zurbuchen diese Aussagen. Er ergänzt, ein Lehrer habe ihm erklärt, seit einiger Zeit würden der Rudolf-Steiner-Schule «renitente Schüler aus der Volksschule zugeteilt».

Der Kanton leiste dafür finanzielle Unterstützung. Ganz am Schluss des Gesprächs weist Max Zurbuchen darauf hin, dass er an der Steiner-Schule in Lenzburg unterrichtet habe.

Steiner-Sonderschule in Lenzburg

Dies bringt eine erste Klärung: In Lenzburg gibt es eine Rudolf-Steiner-Sonderschule, in Schafisheim eine Rudolf-Steiner-Regelschule.

«Wir unterrichten Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Lern-, Leistungs- oder Anpassungsschwierigkeiten den Anforderungen in einer Regelklasse nicht gewachsen sind», heisst es auf der Website der Sonderschule.

Der Lenzburger Schulleiter Markus Sutter erinnert sich: «Herr Zurbuchen gab bei uns im Rahmen des Lebenskunde-Unterrichtes an drei Nachmittagen in den oberen Klassen eine Einführung in die Archäologie.»

Einer der damaligen Zivildienstleistenden hatte den Kontakt zu ihm geknüpft, «dies im Wissen, dass Herr Zurbuchen ein sehr kompetenter Wissenschaftler ist». Den Umgang mit Sonderschülern sei der Archäo-loge aber nicht gewohnt.

«So war es keine einfache Aufgabe, drei Klassen aus Schülern mit erheblicher sozialer Beeinträchtigung bei der Vorlesung ruhig zu halten, ohne unfreundlich zum Referenten zu werden oder ihn blosszustellen», hält Sutter fest.

Die Situation war aus seiner Sicht für alle Beteiligten eine Überforderung, «weil die Vermittlung des Stoffs nicht den Bedürfnissen der Schüler angepasst war».

Gastlehrer keine Heilpädagogen

Sutter betont: «Unsere Klassenlehrkräfte mit Abschluss in schulischer Heilpädagogik schaffen es, eine Lernatmosphäre herzustellen.»

Bei eingeladenen Gästen für den Lebenskunde-Unterricht könne indes keine Kompetenz in heilpädagogischer Richtung vorausgesetzt werden.

Zum Leserbrief von Pitsch Schmid hält Markus Sutter fest: «Lehrkräfte werden bei uns nicht geduzt. Dieses Privileg kommt Zivildienstleistenden und Praktikanten zu.»

Zudem erläutert Sutter: «Eine Rammelei der Schüler mit einem Zivildienstleistenden von einer Disziplinlosigkeit zu unterscheiden, ist für den Laien in Sachen Heilpädagogik schwierig.»

Eintritt nur nach Fachempfehlung

Sutter betont: «Der Kanton ist nicht verantwortlich, dass uns besonders schwierige Kinder zugewiesen werden.»

Vielmehr sei die Sonderschule spezialisiert auf Schülerinnen und Schüler, die an der Gemeinde-Regelschule Schwierigkeiten hatten.

«Der Eintritt in unsere Schule erfolgt über die Abklärung des schulpsychologischen Dienstes, der zum Schluss kommen muss, dass eine Integration in der Regelklasse unmöglich ist», sagt Sutter. Sascha Giger, Sprecherin des Departements Bildung, Kultur und Sport, bestätigt dies.

Aufgrund dieser Fachempfehlung fällt die Schulpflege den Entscheid, dass das Kind an einer Tages-Sonderschule unterrichtet werden soll.

Es ist also möglich, dass «renitente» Kinder aus der Volksschule in der Steiner-Schule landen – allerdings in der Sonderschule in Lenzburg und nicht in der Regelschule in Schafisheim.

Die anfallenden Kosten werden von der Wohngemeinde und vom Kanton getragen. «Letztlich entscheiden die Eltern, ob ihr Kind die Steiner-Sonderschule oder eine andere Sonderschule besucht», schliesst Sutter.

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