Kopftuchverbot
Pro und Kontra: Soll der Aargau die Kopftücher aus der Schule verbannen?

Für CVP-Grossrätin Marianne Binder gehört das Kopftuch nicht in die Schule. Irène Kälin, Grossrätin der Grünen, hingegen fordert Toleranz. Ohne diese sei eine Integration schwierig. Ein Pro und Kontra zur Forderung der CVP nach einem Kopftuchverbot.

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Kopftuchverbot in der Schule? Die CVP Aargau fordert dies.

Kopftuchverbot in der Schule? Die CVP Aargau fordert dies.

Keystone

Die CVP Aargau überraschte diese Woche viele Aargauerinnen und Aargauer: Sie fordert in einem Vorstoss, dass Kopftücher in Aargauer Schulen verboten werden. Ein Kopftuch erschwere die Integration und widerspreche dem Gleichheitsgedanken, so die CVP (wir berichteten). Die Forderung sorgte für viele Reaktionen, auch auf unserer Onlineplattform www.aargauerzeitung.ch.

Für die Aargauer Zeitung legen deshalb in einem Pro und Kontra Marianne Binder und Irène Kälin, Grossrätin der Grünen, ihre Meinungen dar.

Marianne Binder ist CVP-Grossrätin und Kommunikationschefin der CVP Schweiz.

CVP-Grossrätin Marianne Binder

CVP-Grossrätin Marianne Binder

AZ

Pro: Ja zur Kopftuchbefreiung!

Wir leben in einer liberalen Gesellschaft und jeder trägt, was ihm passt. Dazu gehören auch Kopftücher in allen Varianten, Hüte, Schleier und Hauben.

Die Gründe sind vielfältig und persönlicher Natur. Sie werden von der CVP grundsätzlich nicht infrage gestellt.

Eine Ausnahme gilt für die Schule. Da können Kleidervorschriften erlassen werden, Baseballkappen oder Minijupes verboten, T-Shirts mit anstössigen Botschaften auch.

Und eben: «Das Kopftuch». Das Kopftuch, um welches es hier geht, muss ausschliesslich von Mädchen getragen werden und bildet kein Stellvertretersymbol.

Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam war enttäuscht über das Bundesgericht, welches das «Kopftuchverbot» an Schulen wieder aufhob und somit die «Kopftuchbefreiung» wieder verbot.

Sie sprach von einer verpassten Chance, Mädchen auch in der Schule vor familiärem Druck zu schützen, denn es sei sehr selten, dass die Mädchen das Kopftuch freiwillig tragen.

Die Enttäuschung ist nachvollziehbar, wäre doch die Schule der Ort, wo der Staat seine Ideale umfassend durchsetzen kann: Freiheit und Gleichheit.

Mit diesem Urteil wurde zwar das Selbstbestimmungsrecht gestärkt, leider aber nicht dasjenige der Mädchen. Kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen über unsere tolerante Einstellung.

Was es mit Toleranz zu tun habe, fragte auch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer im Zusammenhang mit Kopftuch und Klassenlagern, wenn wir «tolerieren», dass im gleichen Staat die einen Mädchen etwas weniger gleich sind als die anderen und weniger frei.

Bei der Debatte geht es nicht um Religion, sondern um Gleichberechtigung.

Es geht nicht um Ausgrenzung, sondern um Respekt für die Kinder und um ihre Integration.

Es geht nicht um Sonderrecht gegen Minderheiten, sondern um Recht für Minderheiten: die Befreiung der Mädchen vom Kopftuchzwang.

Die CVP will die Debatte auf dieser Grundlage führen, damit sie nicht entgleitet wie diejenige zur Minarettinitiative, deren Ausgang ich nach wie vor bedaure.

Kälin ist Grossrätin der Grünen und studiert Islamwissenschaften an der Universität Bern.

Irène Kälin, Grossrätin der Grünen

Irène Kälin, Grossrätin der Grünen

AZ

Kontra: Wie ein Jesuitenverbot!

Wir haben an den Schulen keine Probleme mit Mädchen, die ein Kopftuch tragen.

Trotzdem fordert die CVP ein Kopftuchverbot an Schulen. Sie hat sich als katholisch-konservative Partei über 100 Jahre lang dafür eingesetzt, dass die im Sonderbundskrieg unterlegenen Katholiken ihre Religion in einem liberal-säkularen Staat öffentlich und frei ausüben können.

Dass gerade diese Partei heute ein mit Religionsfreiheit verbundenes Recht den Schülerinnen einer religiösen Minderheit kategorisch verbieten will, gibt schwer zu denken.

Wo kommen wir hin, wenn die CVP im Namen der «christlich-abendländischen Kultur» anderen religiösen Gemeinschaften ihre Freiräume wegnehmen will?

In einem Land, in dem mehrere Religionsgemeinschaften, gestützt auf die Religionsfreiheit, zusammenleben, sollte es doch möglich sein, dass Menschen individuelle religiöse Symbole tragen dürfen.

Oder sollen alle religiösen Symbole aus dem Klassenzimmer verschwinden? Soll das Tragen von Kreuzen auch verboten werden?

Müssen Nonnen ihre Haube ablegen, wenn sie eine Schule besuchen? Soll im Sinne des CVP-Gleichheitsgedankens von Mädchen und Knaben den Mädchen das Tragen von Röcken auch verboten werden?

Gleichstellungsargumente, die darauf abzielen, dass alle gleich sein müssen, führen in die Irre der Intoleranz. Zentral ist, dass alle Kinder an allen Fächern und schulischen Aktivitäten teilnehmen können und schulisch dieselben Chancen haben.

Integration kann nicht stattfinden, wenn sie darauf abzielt, dass die eigene Kultur verleugnet werden muss.

Integration ist ein wechselseitiger Prozess, an dem sich beide Seiten beteiligen müssen.

Mit einem Kopftuchverbot aber macht man Andersgläubige zu Aussenseiterinnen - wie damals die Katholiken mit dem Jesuiten- und Klosterverbot - und behindert dadurch alle Integrationsbemühungen. Was wir brauchen, ist ein Dialog zwischen Religionen und Menschen, keine diskriminierenden Verbote - auch an den Schulen. Kinder sind tolerant und sollen Toleranz auch erfahren und leben dürfen.

Wie denken Sie über das Kopftuchverbot? Diskutieren Sie nachstehend in der Kommentarspalte mit!

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