Mundart-Initiative

Pro und Contra: Nur Mundart oder auch Hochdeutsch im «Chindsgi»?

Am 18. Mai stimmt der Aargau über die Volksinitiative «Ja für Mundart im Kindergarten» ab. (Symbolbild)

Am 18. Mai stimmt der Aargau über die Volksinitiative «Ja für Mundart im Kindergarten» ab. (Symbolbild)

In zwei Beiträgen äussern sich René Kunz und Evelyne Haussener für und gegen die Volksinitiative «Ja für Mundart im Kindergarten». Kunz ist der Initiant der Volksinitiative, Haussener Co-Präsidentin Fraktion Kindergarten im Lehrerverband.

Mundart muss vermittelt werden

René Kunz ist Initiant der Volksinitiative, bis 2012 SD-Grossrat.

René Kunz

René Kunz ist Initiant der Volksinitiative, bis 2012 SD-Grossrat.

Von René Kunz

Grüezi mitenand! Mit einem nahrhaft gefüllten «Znüni-Täschli» habe ich dem «Chindsgi» jeden Tag entgegengefiebert. Für mich war der Kindergarten auch ein Hort der Dazugehörigkeit und vor allem das Annehmen einer schönen Kindheit.

Die Kindergartenlehrerin hat Voraussetzungen geschaffen - natürlich nur in Mundart -, Bildungschancen für die Kinder bereitzustellen. Sie hat uns gelegentlich auch eine nahezu unlösbare Aufgabe erteilt. «Uhhh...a deren Uufgab chasch der d Zänd uusbiisse.»

Die Volksinitiative «Ja für Mundart im Kindergarten» verlangt, dass das kantonale Schulgesetz so zu ändern ist, dass die Unterrichtssprache im Kindergarten grundsätzlich die Mundart ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Kinder sollen in diesem Alter noch so sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Kinder sollen Kinder bleiben und sprachlich nicht verbogen werden. Die Mundart ist unsere Sprache und diese muss gepflegt und vermittelt werden.

Lassen wir doch wenigstens unsere Kinder richtig in unsere Mundart eintauchen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass auch fremdsprachige Kinder auf jeden Fall die Gelegenheit erhalten müssen, unsere Mundart im Kindergarten zu erlernen.

Für die Integration von Ausländern spielt das Schweizerdeutsche eine zentrale Rolle. Die Mundart und Schweizer Dialekte sind auch ein Kulturgut, das zwingend erhalten werden muss.

Eine zusätzliche Sprache - wie das Hochdeutsche - nährt im Kindergarten den Boden für sprachliche Verunsicherung und ist ein folgenschwerer Eingriff in unser Kulturerbe. Besser ausgedrückt: Aus isch durenand wi Chruut und Chabis.

Kind muss nicht Hochdeutsch reden

Evelyne Haussener Co-Präsidentin Fraktion Kindergarten im Lehrerverband.

Evelyne Haussener

Evelyne Haussener Co-Präsidentin Fraktion Kindergarten im Lehrerverband.

Von Evelyne Haussener

Für einmal sind sich die meisten Lehrpersonen und die Regierung einig. Ein «Verbot», Standardsprache zu sprechen, nein, das darf nicht sein.

Für die Kindergärten im Aargau gilt seit 2008/2009 die Regelung, dass in mindestens der Hälfte der Unterrichtszeit die Standardsprache verwendet wird.

In dieser Zeit wird von Lehrpersonen verlangt, diese zu verwenden. Nach neuer Regelung ist es gar nur noch mindestens ein Drittel.

Doch das Kind muss nicht Hochdeutsch sprechen! Diese Regelung scheint von einigen Leute so verstanden zu werden, dass der Mundart im Kindergarten zu wenig Gewicht verliehen wird, und sie haben eine Volksinitiative vorgelegt.

Es soll nicht vergessen werden, dass die Standardsprache genauso zu unserer Kultur und unserem Alltag gehört wie die Mundart. Die Standardsprache begleitet uns täglich und wir kommen nicht an ihr vorbei, auch kein Kindergartenkind.

Bücher, Filme, Tagesschau, Internet... «Da ich Schweizer bin (...), bin ich zweisprachig innerhalb der eigenen Sprache.» (Hugo Loetscher). Beim Sprechen verwenden wir die Mundart, beim Schreiben meist die Standardsprache.

Aus linguistischer Sicht ist die Standardsprache keine Fremdsprache, sondern eine eigene Sprachform der Deutschschweiz. Mit dieser Einsicht ist es vielleicht etwas einfacher, sich zu einer helvetischen Form des Deutschen zu bekennen.

Kinder im Vorschulalter haben im Allgemeinen einen entspannten Zugang zur Standardsprache. Für sie gehört sie zum Vorlesen von Geschichten wie zu bestimmten Fernsehsendungen.

In Rollenspielen übernehmen Kinder oft die Standardsprache, weil sie diese als passendere Sprachform empfinden.

Diese grundsätzlich positive Einstellung zur Standardsprache und die Lust, sie zu gebrauchen, ist eine wichtige Voraussetzung für den gelingenden Spracherwerbsprozess, für deutsch- und fremdsprachige Kinder!

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