Aarau
Pro-Palästina-Demo: Roy Oppenheim findet Israel-Kritik einseitig

Am Samstag findet in Aarau eine Pro-Palästina-Demonstration statt. Eingeladen hat die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD). Kundgebungen dieser Art haben in den letzten Tagen bereits in Basel, Zürich und Lausanne stattgefunden.

Aline Wüst
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Wie hier Anfang Woche in Lausanne soll am Samstag auch in Aarau eine Pro-Palästina-Demo stattfinden.

Wie hier Anfang Woche in Lausanne soll am Samstag auch in Aarau eine Pro-Palästina-Demo stattfinden.

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«Wir haben nichts gegen Juden, diese Demonstration richtet sich gegen Zionisten», sagt Organisatorin Bahar Helvaci. Ziel sei es, der Öffentlichkeit zu zeigen, was in Palästina geschehe, dass dort Frauen und Kinder sterben und die Welt etwas dagegen unternehmen müsse, so Helvaci. Für die Palästinenser setzte sich die türkische Organisation «vor allem ein, weil es Muslime sind, die darunter leiden», sagt Bahar Helvaci.

Die Kundgebung in Aarau findet von 14 Uhr bis 16 Uhr in der Igelweid statt. Bewilligt hat die Stadtpolizei Aarau eine Informationsveranstaltung mit dem Zweck, Flyer zu verteilen. Laut Bahar Helvaci werden zwei Mitglieder der Organisation UETD eine Rede halten, darunter auch Vize-Präsident Hakan Akbürü. Die Veranstaltung in Aarau ist für 300 Leute bewilligt. Via die Facebook-Seite «Kundgebung für Palästina» wurden allerdings 3000 Personen eingeladen, wie Helvaci sagt. Rund 200 Personen hätten die Einladung bereits bestätigt.

Doch wer sind eigentlich die Organisatoren? UETD-Mitglieder gelten als Anhängern des türkischen Premierministers Erdogan. Dieser hat sich wiederholt israelkritisch geäussert. Bei einer Wahlrede am Samstag in der Türkei sagte er sogar, dass die israelische Offensive in Gaza barbarischer sei als das Vorgehen Hitlers. Die UETD selber beschreibt sich als Organisation, die Verantwortung für den Aufbau einer schönen Zukunft für die in Europa lebenden Türken übernehme. Ein Ableger der Organisation existiert seit 2012 in der Schweiz. Die Aargauer Sektion hat nach eigenen Angaben rund 50 Mitglieder.

Kein Handlungsbedarf für Polizei

Die Pro-Palästina-Kundgebung vom vergangenen Freitag in Zürich mit mehreren hundert Personen ist friedlich verlaufen. Aufgeboten wurden vorsorglich 100 Polizisten. Die Kantonspolizei Aargau geht im Gegensatz zu den Zürcher Kollegen von keinen Schwierigkeiten aus am Samstagnachmittag . «Es ist nicht geplant, dass Kantonspolizisten vor Ort sein werden», sagt Mediensprecher Bernhard Graser. Auch Bahar Helvaci sagt, dass die Organisatoren darum besorgt seien, dass es nicht zu Konflikten kommen werde. Während auf Internetseiten, die für Palästina-Demos werben, auch Aussagen wie «am liebsten würde ich die Waffe nehmen und gegen Israel kämpfen» zu lesen sind, sagt Helvaci, dass der Anlass in Aarau abgebrochen werde, würden sich Teilnehmer gewalttätig oder in antisemitischer Weise äussern. «Es geht uns um Frieden», sagt sie.

«Auf einem Auge blind»

Publizist Roy Oppenheim, der in aargauischen Lengnau wohnt und jüdische Wurzeln hat, findet es grundsätzlich gut, sich gegen Krieg und Unmenschlichkeit zu wehren. «Es ist eine Tragödie, dass in Israel und Gaza gegen 800 Menschen umgekommen sind», sagt er. Oppenheim stellt aber auch die Frage, wer in Aarau gegen die Tötung von über 100'000 Menschen im innerarabischen Krieg in Syrien demonstriere. Diese Opfer, zu 90 Prozent Zivilisten, würden die Organisatoren der Kundgebung nicht interessieren, sagt Oppenheim. «Das macht stutzig, scheinbar sind einige der Verantwortlichen auf einem Auge blind.»

Denn sonst müsste jegliche Gewalt im Nahen Osten, auch jene im Arabischen Frühling verurteilt werden. «Die einseitige Verurteilung von Israel lässt vermuten, dass hinter dieser Kritik andere, politische Motive und kaum humanitäre Anliegen stehen.» Ansonsten müsste in Aarau auch gegen den Raketenbeschuss auf Israel demonstriert werden, sagt Oppenheim und stellt noch die Frage: «Würden wir im Aargau tatenlos zuschauen, flögen seit Jahren Tausende von Raketen aus Baden-Württemberg auf Aargauer Boden?»

Auch der israelische Botschafter Yigal B. Caspi spricht sich nicht gegen Demonstrationen dieser Art aus. «Jeder Mensch hat das Recht seine Meinung zu äussern, solange nicht zur Gewalt aufgerufen wird oder antisemitische Parolen fallen.» Der Botschafter ist überzeugt, dass die Schweizer Behörden in einem solchen Fall handeln würden.

Derweil zeigt sich Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, in einer Analyse im «Tages-Anzeiger» besorgt: «Der Hass hat eine neue Dimension erreicht.» Anders als früher würden die Juden nicht nur beschimpft, nun werde zu Gewalt aufgerufen, so Herbert Winter.