Im Kaufrausch
Pro Natura ist der grösste private Landbesitzer im Aargau

Die Organisation Pro Natura Aargau besitzt 280 Hektaren an 78 Standorten im ganzen Kanton. Woher stammt das Geld und was hat die Naturschutz-Organisation mit dem Land vor?

Hans Lüthi
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Der neue Juraweid-Pächter Sven Dermon mit seinen Pinzgauer Kühen, die aus Österreich stammen. Das Land gehört der Naturschutzorganisation Pro Natura.

Der neue Juraweid-Pächter Sven Dermon mit seinen Pinzgauer Kühen, die aus Österreich stammen. Das Land gehört der Naturschutzorganisation Pro Natura.

Chris Iseli

Regelrechte Quadratmeter-Millionäre sind die Naturschützer von Pro Natura Aargau schon länger und damit auch gleich die grössten privaten Grundbesitzer im Kanton. Aber sie haben erneut kräftig aufgestockt: Ist auf der Homepage noch von rund 200 Hektaren die Rede, waren es an der Jahresversammlung in Aarau schon 240 Hektaren.

«In letzter Zeit sind wir stark gewachsen, mit der Juraweid ob Biberstein auf rund 280 Hektaren», sagt Geschäftsleiter Johannes Jenny. Verteilt sind sie auf 78 Standorte, mit einer Konzentration im Jura, im Reusstal und generell an den Flüssen und in den Wäldern.

Das wilde Wachstum wird kaum so weitergehen, Verhandlungen laufen derzeit für Flächen in Stilli und am Hallwilersee in Seengen. «Aber bei einer Chance wie auf der Juraweid packen wir natürlich zu.»

Aber, warum zum Kuckuck, brauchen Naturschützer so viel Land, dass ihr Verhalten an jene der Hamster erinnert? Auf 2,8 Millionen Quadratmeter ist ihr Besitztum schon gewachsen, da stecken hohe Geldsummen drin.

Nur denkt Pro Natura nicht im Traum an einen finanziellen Gewinn: Kaum in Besitz, wird das Land gleich auf null abgeschrieben, falls es nicht für einen guten Tauschhandel benötigt wird. Es dient ja nicht der Geldvermehrung, sondern den natürlichen Lebensgrundlagen.

«Der Erhalt einheimischer Tiere und Pflanzen ist das oberste Ziel von Pro Natura Aargau», lautet ein Kernsatz der 8000 Mitglieder starken Organisation. Ein Drittel aller Grundstücke liegt im Wald, von grosser Bedeutung sind die Auenlandschaften.

«Ohne Pro Natura gäbe es den Auenschutzpark Aargau nicht», meint Jenny selbstbewusst. Den Anschub habe der kürzlich verstorbene, frühere Präsident Gerhard Ammann gegeben.

Mit dem Projekt Rietheim ist man auf der Zielgeraden, um den Flüssen mindestens 1 Prozent der Kantonsfläche als Auen zurückzugeben. Kleinere Projekte werden folgen, denn «wir sind ja keine Minimalisten.»

Konflikt mit der Landwirtschaft

Bei fruchtbaren Böden ist der Konflikt mit den Bauern fast programmiert, denn diese wollen den Boden intensiv beackern. Für den Anbau von Kartoffeln, Gemüse, Salat, Brotgetreide, Zuckerrüben und Mais.

Die Naturschützer aber denken bei den Auen an Eisvogel, Kuckuck, Nachtigall und Biber, bei den Magerwiesen an deren bunte Blumen- und Artenvielfalt, an Orchideen, Insekten und Vögel.

«Es gibt keinen Grund zum Futterneid», relativiert FDP-Grossrat Johannes Jenny die bei Grossprojekten wie in Rietheim oder der Juraweid entstehenden Diskussionen. Das Land liege ja nicht völlig brach, zwei Drittel der Grundstücke würden durch Bauern bewirtschaftet, allerdings extensiv und umweltschonend.

Den Verlust an Fruchtfolgeflächen könne man nicht den Naturschützern in die Schuhe schieben, denn primär seien daran Hofbauten und neue Bauzonen schuld.

Woher stammt das viele Geld, damit die Naturschützer bei guten Gelegenheiten oft zugreifen können? «Wer hat, dem wird gegeben», meint Jenny leicht ironisch. Bei Projekten von nationaler oder kantonaler Bedeutung erhalte man Unterstützung vom Bund und vom Kanton.

Zudem helfe der mit 100 000 Mitgliedern sehr starke Zentralverband, Pro Natura Schweiz sei automatisch Mitbesitzer der vielen Grundstücke. Auch durch Legate, Spenden und Schenkungen haben schon viele Parzellen den Besitzer gewechselt, Ländereien, die zuerst als unbezahlbar oder unerreichbar erschienen.

Manche Projekte habe man ohne Geld angepackt, dann habe es, nach schlaflosen Nächten, doch eine Lösung gegeben. Das durch Pachtzinsen eingenommene Geld muss Pro Natura meistens für nötige Investitionen vor Ort aufwenden.

«Viel grösser ist der Aufwand in den Schutzgebieten», erklärt Jenny. Durch den Einsatz des Zivildienstes, durch Landwirte und Hilfe des Zentralverbandes sinken die Kosten auf ein erträgliches Mass.

Für die Sicherung gefährdeter Lebensräume und Arten brauche es Wildnis und Kulturland. Bei der ersten Strategie wird in Naturwäldern, Auen oder Hochmooren aus Prinzip nicht oder nur selten eingegriffen.

So beim Reuss-Auenwald in Eggenwil oder beim Aare-Altlauf Machme in Klingnau. Artenreiche und erhaltenswerte Lebensräume hat auch der Mensch im Kulturland geschaffen, etwa Magerwiesen, Hecken, lichte Wälder oder Bruchsteinmauern.

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