Eine grüne Wiese direkt am Waldrand, oberhalb von Villnachern. Knorrige alte Obstbäume, Blumen, Aussicht auf die Aare und das Schloss Habsburg. Ideal, um darauf ein Einfamilienhaus zu bauen und jeden Abend die Ruhe und Abgeschiedenheit zu geniessen. Darum zonte die Gemeinde die Wiese auch als Bauland ein.

Nur: Gebaut wird hier nichts. Anwohner haben das Land im Jahr 2014 gekauft, zusammen mit der Naturschutzorganisation Pro Natura. Die Wiese ist nun ein Schutzgebiet.

Landkauf als Schutzstrategie

Die Natur zu schützen bedeutet, Interessen abzuwägen. Jedem ist etwas anderes wichtig. So sieht es Matthias Betsche, der neue Präsident von Pro Natura Aargau. Für ihn gehören Schutzgebiete zu den wichtigsten Eckpfeilern für erfolgreichen Naturschutz. Er steht deshalb voll hinter der Strategie, die Pro Natura schweizweit fährt: Sie kauft Boden, um Schutzgebiete zu errichten. Mittlerweile besitzt Pro Natura in der Schweiz eine Fläche von rund 60 Quadratkilometern.

Dass dieses Vorgehen bei einigen Leuten für Ärger sorgen könnte, kann Betsche zwar verstehen. «Unsere Rolle ist es aber, der Natur eine Stimme zu geben». Allfällige Kritik nimmt er deshalb in Kauf, auch wenn es, wie er sagt, «nie direkt negative Reaktionen gab.»

Momentan gehören Pro Natura Aargau etwas mehr als 100 Schutzgebiete, oder anders: Eine Fläche von 300 Hektaren im Kanton. Matthias Betsche ist er seit April Präsident von Pro Natura Aargau. Der Rechtsanwalt aus Möriken engagiert sich seit seiner Schulzeit für den Naturschutz. Sein erklärtes Ziel ist es, die Fläche in seiner Amtszeit als Präsident zu vergrössern.

Die Zersiedelung habe dem Aargau zugesetzt, erklärt er die Motivation hinter seinen Plänen. Der Aargau sei ein Fluss-Kanton, habe aber bereits 90 Prozent seiner Auen – feuchte Gebiete in der Nähe von Flüssen – verloren. «Die Natur braucht geschützte Flächen, einen Platz, wo sie erhalten bleibt», so Betsche.

Nicht nur Tiere profitieren davon, ist er überzeugt. «Die Natur ist unsere Lebensgrundlage und wichtigstes Betriebsmittel für Forst– und Landwirtschaft sowie Tourismus. Sie ist ein massgebender Wettbewerbsfaktor für die Attraktivität einer Region.»

Pro Natura Aargau will deshalb schützen, was noch übrig ist, und wenn möglich geschädigte Auenlandschaften wieder herstellen. Dass die Organisation dafür Bauland kauft, wie in Villnachern, ist laut Betsche selten. «Nur im Ausnahmefall, wenn wir besonders hohe Naturwerte retten können, kaufen wir teures Bauland.» Neben Villnachern ist das beim sogenannten Flederhaus Wegenstetten der Fall. Im früheren Trottehuus lebt die seltene Fledermausart «Grosse Hufeisennase», auch dieses Haus in der Fricktaler Gemeinde steht in der Bauzone.

Wenn gekaufte Flächen in der Landwirtschaftszone liegen, dann verpachtet Pro Natura Aargau die Parzellen an Bauern und lässt sie das Land bewirtschaften. «Landwirte brauchen sich also keine Sorgen zu machen», betont Betsche.

Nicht immer kann die Sektion Aargau eine schützenswerte Fläche – oder eine Fläche, die leicht renaturierbar ist – direkt kaufen. Dann geht sie auch Umwege, wie es auf ihrer Webseite heisst. Pro Natura sucht eine vergleichbare Fläche in der Nähe und versucht, sie gegen die eigentlich gewünschte Fläche einzutauschen.

Mit der Zeit sollen bestehende Naturschutzgebiete ausgeweitet und miteinander vernetzt werden. «Damit einzelne Arten eine Überlebenschance haben, genügt es nicht mehr, Kleinstbiotope zu erhalten», begründet Pro Natura Aargau diese Pläne.

Kein fixer Budgetposten

Wie viel Geld Pro Natura Aargau pro Jahr in den Kauf von Bauland investiert kann Betsche nicht sagen. «Wir haben kein jährliches Budget dafür», gibt er Auskunft. Der Kauf werde durch die Beiträge der über 17 000 Mitglieder von Pro Natura Aargau und durch Spenden finanziert. Je nach Zielobjekt fliesse mal mehr, mal weniger Geld.

Er sagt nur so viel: «Letztlich ist das Wachstum der Zahl der Schutzgebiete auch Spiegelbild der breiten Unterstützung, welche Pro Natura Aargau beim Kauf von Land für Schutzgebiete geniesst». Für Gebiete mit geringer Bedeutung muss die Sektion Aargau allein aufkommen, bei wichtigen Schutzgebieten kann Pro Natura Schweiz finanziell aushelfen.

Welches Gebiet würde Betsche denn als Nächstes kaufen? «Ich würde gerne das Schutzgebiet Seenger Moos erweitern können. Die Landschaft ist wunderschön, und sogar die europäische Sumpfschildkröte kommt dort vor». Betsche hat noch einen anderen Traum: Er wünscht sich, so Pro Natura Aargau in einer Mitteilung, eine Kolonie des ausgestorbenen Waldrapps in den Aargau zurück.