Aargau
Privater Rettungsdienst in Not: Intermedic droht die Zulassung zu verlieren

Schon seit Sommer steht für die Intermedic AG in Berikon die Erneuerung der Zulassung aus. Das Unternehmen hatte eine Fristverlängerung beantragt. Es verfügt über zu wenig qualifiziertes Personal für den Rettungsdienst.

Urs Moser
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Intermedic in Berikon ist einer von zwei privaten Rettungsdiensten, die im Aargau tätig sind.

Intermedic in Berikon ist einer von zwei privaten Rettungsdiensten, die im Aargau tätig sind.

Fotoagentur Ex-press

Das Rettungswesen ist sicher nicht mit Überkapazitäten gesegnet. Das zeigte sich auch bei dem Fall im Dezember, als eine Ambulanz erst über 20 Minuten nach dem Notruf aus Fislisbach vor Ort war, obwohl das Kantonsspital Baden in unmittelbarer Nähe gewesen wäre.

Und nun droht auch noch einer der beiden privaten Anbieter, die die Rettungsdienste der Spitäler ergänzen, die Zulassung wieder zu verlieren.

Während der Rettungsdienst Neeser in Wohlen erst im Frühjahr 2013 die Anerkennung durch den Interverband für Rettungswesen (IVR) erhalten hat, steht für die Intermedic AG in Berikon die seit letztem Sommer fällige Erneuerung dieser Anerkennung immer noch aus. Und die Anerkennung ist im Aargau eine unabdingbare Voraussetzung für eine Betriebsbewilligung.

Tatsächlich ein Problemfall

Ambulanzen: Zehn Dienste im Einsatz

Alle acht Akutspitäler im Kanton Aargau betreiben einen eigenen Rettungsdienst mit Standorten in Aarau, Baden, Brugg, Eiken, Leuggern, Zofingen, Menziken und Muri. Dazu kommen die zwei privaten Rettungsdienste Neeser in Wohlen und Intermedic in Berikon.

Insgesamt stehen tagsüber 22 und nachts 12 Ambulanzfahrzeuge zur Verfügung. Jedem Rettungsdienst ist ein Einsatzgebiet zugeteilt. Aufgeboten werden die Rettungsdienste durch die beim Kantonsspital Aarau angesiedelte Einsatzleitstelle (Notruf 144), in erster Priorität immer das für das jeweilige Einsatzgebiet zuständige Unternehmen. Der Ausbildungsstand des eingesetzten Personals hat den Richtlinien des Interverbands für Rettungswesen IVR zu entsprechen. (mou)

In einem Schreiben an den IVR, das Rote Kreuz und das Departement Gesundheit und Soziales wird die Intermedic schwer angeschwärzt und als «Gefahr für die medizinische Versorgung von Notfallpatienten» verunglimpft.

Das täte an sich nicht viel zur Sache, denn der Brief ist anonym verfasst und dementsprechend sind die Vorwürfe mit Vorbehalt zu geniessen. Nur: Die Intermedic gilt bei den Behörden tatsächlich als Problemfall. Kantonsarzt Martin Roth geht nicht auf anonyme Beschuldigungen ein, bestätigt auf Anfrage der az aber: Bei einer Inspektion habe es «gewisse Beanstandungen» gegeben.

Die Intermedic verfügt nicht über genügend Personal mit den für den Einsatz im Rettungsdienst verlangten Qualifikationen. Unterdessen sei das Verfahren für eine Re-Zertifizierung des Rettungsdienstes im Gang. «Gestützt auf dieses Ergebnis wird über die Betriebsbewilligung entschieden», so Roth.

Der Interverband setzt im Auftrag der Gesundheitsdirektorenkonferenz die Standards zur Qualitätssicherung bei den Rettungsdiensten. Die Intermedic ist schon seit 2008 IVR-anerkannt. Die Anerkennung ist aber befristet und muss periodisch erneuert werden. Das wäre bei der Intermedic vergangenen Sommer fällig gewesen. Die Erneuerung muss von den Rettungsdiensten selber beantragt werden, und zwar mindestens sechs Monate vor Ablauf.

Dass man in Berikon die Voraussetzungen dafür zumindest zu diesem Zeitpunkt kaum erfüllt hätte, darf angenommen werden. Wieso hätte die Intermedic sonst eine Fristverlängerung um ein halbes Jahr beantragen statt sich zur Re-Zertifizierung anmelden sollen?

Die Fristverlängerung wurde gewährt, das sei auch nicht besonders aussergewöhnlich, erklärt IVR-Direktor Martin Gappisch. Allerdings: Der Aufschub hat sich mit der Meldung über Beanstandungen des kantonsärztlichen Dienstes aus Aarau gekreuzt. Wäre diese früher eingetroffen, «hätten wir vor einem Entscheid weitere Abklärungen treffen müssen», so Gappisch.

Zu wenig Rettungssanitäter

Wie auch immer: Inzwischen hat die Intermedic die erforderlichen Unterlagen auf den letzten Drücker eingereicht. Im Lauf der nächsten zwei Monate werden nun zwei IVR-Experten den Betrieb in Berikon einen ganzen Tag lang unter die Lupe nehmen.

Sie werden ein strenges Auge auf das Unternehmen werfen. «Die Anforderungen zu den einzelnen Kriterien der Qualitätssicherung müssen das Bemühen der vergangenen vier Jahre um eine Verbesserung widerspiegeln», heisst es im Handbuch zum Anerkennungsverfahren.

Über dessen Ausgang spekuliert man beim IVR natürlich nicht. Was hingegen feststeht: «Die Qualifikation des Personals ist ein Punkt, bei dem man sehr genau hinschaut, hier machen wir nur geringfügige Kompromisse», sagt Direktor Gappisch.

Das Problem: Die Standards sehen für Ambulanzbesatzungen diplomierte Rettungssanitäter vor, und die sind Mangelware. Beim Rettungssanitäter handelt es sich um eine dreijährige Ausbildung auf Stufe Höhere Fachschule.

Die Ausbildung zum Rettungsassistenten, wie sie die in den Kanton Zürich expandierende Intermedic zum Beispiel auf dem deutschen Internet-Stellenportal gigajob.com sucht, ist in der Schweiz nicht als gleichwertig anerkannt. Es gibt zwar Möglichkeiten zur Nach-Qualifikation, aber abgesehen von den Kosten sind die Plätze dafür beschränkt.

Es gebe nur eine einzige Schule in Zürich, wo die Zusatzausbildung für deutsche Rettungsassistenten möglich ist, gibt Bruno Nägeli zu bedenken, Verwaltungsratspräsident der Intermedic AG. Man mache nun interne Schulungen, letztes Jahr habe man drei Kandidaten an die Prüfung geschickt und alle hätten bestanden.

«In der Schweiz fehlen 2500 Rettungssanitäter, wir können nicht mehr als laufend ausbilden», so Nägeli. Er sieht den Ball eher bei den Behörden und dem Interverband. Dort müsse man sich überlegen, wie man dem Personalmangel im Rettungswesen zu begegnen gedenke.