Postauto im Aargau
Private Aargauer Postauto-Fuhrhalter stehen unter Druck – und fordern faire Bedingungen

Die meisten Postauto-Linien betreiben private Unternehmer. Sie leiden: Der Kostendruck steige, mit der Post könne man nicht mehr auf Augenhöhe reden. Warum sie dennoch nicht aufgeben wollen.

Mario Fuchs
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Sind im Aargau für das Postautonetz lebenswichtig Die privaten Postautohalter. Im Bild Ein Postauto der Voegtlin-Meyer AG in Brugg biegt ins Depot ein.

Sind im Aargau für das Postautonetz lebenswichtig Die privaten Postautohalter. Im Bild Ein Postauto der Voegtlin-Meyer AG in Brugg biegt ins Depot ein.

Chris Iseli

Vergangenen Freitag veröffentlichte die St. Galler Electropop-Band Dachs ihr Debütalbum. Vermutlich hat das in den Depots und Fahrerkabinen der Aargauer Postautounternehmer niemand registriert.

Doch würden die Fuhrhalter reinhören und Song Nummer 7 anwählen, Titel «DüDaDo», müssten sie wohl schmunzeln: «Bin unterwägs, i sitz relaxed, i nimm de nächschti Halt vo mim Postauto / Dü Da Do / säb wo niemols wör rendiere, wenn kein Staat wör Chöle schiebe, säb isch mis Postauto.» Schmunzeln nicht, weil sie den Inhalt sehr lustig fänden, sondern weil die Zeilen in ihren Ohren ironisch klingen müssen.

Loyalität vertraglich geregelt

Der Postauto-Skandal hat nicht nur ans Licht gebracht, dass ab 2007 in der Abgeltung des regionalen Personenverkehrs unerlaubte Gewinne in Millionenhöhe gemacht und so umgebucht worden sind, dass sie im Jahresabschluss nicht ersichtlich waren. Er hat auch auf eine andere, offenbar seit Jahren bestehende Problematik aufmerksam gemacht: Die 150 privaten Postautohalter, die im Auftrag von PostAuto Schweiz Linien selbstständig betreiben, haben es immer schwieriger.

Allein mit Postautofahrten verdiene man nicht mehr genug Geld, sagen sie etwa, oder mit dem Auftraggeber PostAuto könne man nicht mehr auf Augenhöhe diskutieren. Umso mehr ärgern sich die Fuhrhalter über die Enthüllungen der letzten Tage – zumal sie in Vertragsverhandlungen oft zu hören bekamen: Man könne leider für die erbrachten Leistungen nicht mehr zahlen, man müsse selber sparen. Eine langjährige Aargauer Postautofahrerin, die die Problematik kennt, spricht gar von «Knebelverträgen». Hat das Postauto seinen Heiligenschein längst verloren, ohne dass dies von den Fahrgästen bemerkt wurde?

Zur Sache äussern können sich die Postautounternehmer, im Postjargon PU genannt, kaum. Weil sie als Auftragsnehmer für PostAuto tätig sind, müssen sie einen im Vertrag festgeschriebenen Loyalitätsgrundsatz einhalten. Konkret: Äusserungen gegenüber der Öffentlichkeit zum Geschäftsverlauf oder der Zusammenarbeit mit PostAuto können nur erfolgen, wenn sie mit Bern abgesprochen sind. So heisst es bei den meisten Betrieben, die die AZ kontaktiert hat: Man würde gerne etwas sagen, könne aber nicht.

Unrentabel ohne Nebengeschäfte

Nur zwei Aargauer Fuhrhalter äussern sich. Der eine: Stefan Indermühle, Geschäftsführer der Indermühle Bus AG, die von Rekingen aus fünf Postautolinien zwischen Rhein, Baden und Brugg (sowie zwei RVBW-Linien) betreibt. Er betont, man fahre Linien mit langjähriger Tradition und habe deshalb auch eine sehr grosse emotionale Verbundenheit mit PostAuto.

Dennoch ist es ihm ein Anliegen, die Realität aufzuzeigen. Indermühle hält fest: «Die Abgeltungen für die Fahrleistungen eines privaten Postautounternehmers decken seit etwa fünf Jahren die Vollkosten nicht mehr.» Der Kostendruck vonseiten PostAuto Schweiz sei zwischen 2011 und 2015 dermassen erhöht worden, dass gewisse Kostenpositionen nicht mehr gedeckt seien. «Insbesondere müssen seit geraumer Zeit grosse Zeitaufwendungen für Projekte und teilweise für Fahrzeuge investiert werden, welche nicht kalkuliert sind.»

Die beinahe jährlich sinkenden Beiträge von PostAuto trügen einen wesentlichen Teil dazu bei, dass eine vernünftige längerfristige Planung nur noch sehr schwierig und eine Rentabilität ohne Nebengeschäfte oder betriebsinterne Synergien kaum mehr möglich seien.

Der zweite, der sich äussert: René Rüegg, Geschäftsleiter Twerenbold Bus AG, Rütihof. Auch er betont, man sei «stolz, als Postauto-Unternehmer Teil des öffentlichen Verkehrs zu sein und einen Beitrag an den Auftrag der Postauto Schweiz leisten zu können». Das Postauto sei ein Synonym für eine vom öV optimal erschlossene Schweiz. Dennoch sei man enttäuscht von den aufgedeckten unrechtmässigen Buchungen: «Dies umso mehr, als der Kosten- und Spardruck auf die Postauto-Unternehmer in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat.»

Einer, der die Problematik auch aus seiner täglichen Arbeit kennt und sich frei äussern darf, ist Stefan Huwyler. Der Freiämter ist beim Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag zuständig für den Bereich Personentransport.

Stefan Huwyler, Nutzfahrzeugverband Astag: «Ohne Synergien mit einem Garagen- oder Carbetrieb ist es heute sehr schwierig, noch rentabel zu funktionieren.»

Stefan Huwyler, Nutzfahrzeugverband Astag: «Ohne Synergien mit einem Garagen- oder Carbetrieb ist es heute sehr schwierig, noch rentabel zu funktionieren.»

Zur Verfügung gestellt

Huwyler sagt: «Wir haben wiederholt festgestellt, dass es immer schwieriger wurde, das partnerschaftliche Verhältnis mit PostAuto aufrechtzuerhalten. Was früher auf Augenhöhe war, wurde immer mehr zu einem Diktat.» Einen Teuerungsausgleich habe es «seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben», und auch sonst seien die Ansätze minimiert worden. «Unter dem Strich bleibt immer weniger», bilanziert Huwyler, «ohne Synergien mit einem Garagen- oder Carbetrieb ist es heute sehr schwierig, noch rentabel zu funktionieren.»

Viele Postautohalter sähen sich leider darin bestätigt, «dass nicht immer sauber gearbeitet oder kommuniziert wurde». Das hinterlasse ein merkwürdiges Gefühl. Die finanziellen Rahmenbedingungen hätten dazu geführt, dass einzelne Betriebe umgesattelt hätten, ihre Postautolinien wurden von anderen Subunternehmern oder der Post selber übernommen.

Ein Beispiel ist der Betrieb von Toni Küng in Beinwil im Freiamt. Ihm kündigte die Post per Ende 2015, die Strecken wurden von der Kuhn A+R AG in Merenschwand übernommen. Küng wollte auf Anfrage der AZ nichts zu den Hintergründen sagen. Nachvollziehbar: Er fährt heute nebst eigener Autogarage für Kuhn Postauto, untersteht deshalb weiterhin der vertraglichen Quasi-Schweigepflicht.

Kritisieren ja, Kündigen nein

Trotz der angespannten Lage ist für die meisten Fuhrhalter klar: Aufgrund der Abhängigkeit, aber auch mit viel Goodwill und Berufsstolz ist es vorerst für die grossen Betriebe keine Option, die Zusammenarbeit mit PostAuto zu beenden. Stefan Indermühle zählt seine Gründe auf: «Da ist einmal das grundlegende Bedürfnis und das Interesse an Personenbeförderungsleistungen, da sind regionale und lokale Verankerungen und da ist sicher auch ein gewisser Stolz, für die Marke PostAuto zu fahren.»

Zudem könnten viele Betriebe von ihrer Substanz leben: abgeschriebene Immobilien, Eigenleistungen im Unterhalt, sehr tiefe Mieten. Sein Fazit: «PostAuto Schweiz profitiert von tiefen Kostenstrukturen und dem uneigennützigen Einsatz der Unternehmer.»

Bei René Rüegg von Twerenbold Bus tönt es ähnlich: «Wir sehen unser Engagement als Postautounternehmer in der Tradition unserer Firmengeschichte als Transportunternehmen.» Man erwarte aber, dass PostAuto ihre Lehren ziehe: «Dazu gehört, dass Postauto Schweiz künftig mit den Postautounternehmern eine Zusammenarbeit zu fairen Bedingungen unterhält und pflegt.»

Der Nutzfahrzeugverband Astag wird aktiv. Man will Struktur und Strategie von PostAuto prüfen – Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller hatte dies am Freitag angekündigt. Man habe dies mehrfach anzustossen versucht, sei aber bislang immer abgeblitzt, sagt Stefan Huwyler von der Astag. Die Affäre könnte den Fuhrhaltern helfen.

Allen scheint klar: Das Postautosystem funktioniert dezentral, die Post ist angewiesen auf die Unternehmer, die sich vor Ort auskennen. Huwyler: «Aber dann soll man sie auch angemessen entschädigen.»