Morena Diaz aus Oberentfelden führt ein Leben zwischen zwei Welten. Am Morgen bringt sie Erstklässlern der Primarschule Erlinsbach Lesen und Schreiben bei. Nachmittags pflegt die 24-Jährige zu Hause ihr Instagram-Profil, wo sie sich 59'000 Personen aus der ganzen Welt präsentiert. Instagram ist mit über 700 Millionen Nutzern das zweitgrösste soziale Netzwerk der Welt, auf dem man Fotos und Videos mit Freunden und Bekannten teilen kann.

Ihr Profil zieren Fotos, die sie im Bikini am Strand zeigen. Diaz präsentiert dabei selbstbewusst ihre Rundungen und lächelt in die Kamera. Sie möchte mit ihrem freizügigen Auftritt auf Instagram ein Zeichen gegen den Schlankheitswahn setzen und all jenen Selbstvertrauen vermitteln, die glauben, nicht dem Schönheitsideal zu entsprechen.

Gemobbt, geschämt, trainiert

Diaz war aber nicht immer so selbstbewusst, wie sie sich heute auf Instagram gibt. Sie erzählt, dass sie sich als Teenagerin für ihre Rundungen geschämt habe. In der Oberstufe sei sie deswegen sogar gemobbt worden. «Als 19-Jährige entwickelte ich eine Essstörung, verfiel einem Fitnesswahn.» Auch Instagram habe seinen Beitrag dazu geleistet. «Ich habe all die ‹perfekten Körper› auf Instagram gesehen. Das hat mich zum Training motiviert.»

Morena Diaz wendet zu Hause in ihrer Wohnung in Oberentfelden bis zu zwei Stunden täglich für Instagram auf.

Morena Diaz wendet zu Hause in ihrer Wohnung in Oberentfelden bis zu zwei Stunden täglich für Instagram auf.

Die Tochter einer Italienerin und eines Spaniers krempelte ihr Leben um, trieb zwischen ein bis drei Stunden Sport pro Tag. Sie habe rasch an Gewicht verloren, erzählt sie. «Ich war total übermotiviert, wollte immer noch dünner werden.» Ihre Mutter habe erst in den gemeinsamen Sommerferien 2012 in Südfrankreich realisiert, wie ernst die Lage war. «Ich mied damals normale Restaurants, weil ich Angst hatte, dass ich nichts Fettarmes auf den Teller kriege», erinnert sie sich.

Als Diaz im Herbst 2012 ihr Studium an der Pädagogischen Hochschule begann, habe ihr die Zeit für regelmässiges Training gefehlt. Fressattacken liessen ihr Gewicht wieder in die Höhe schnellen. Zu dieser Zeit war sie bereits auf Instagram aktiv, allerdings mit einem Fitnessblog. «Das Training wurde immer mehr zu einem Zwang, weil ich meine Follower und mein Umfeld nicht enttäuschen wollte», erzählt sie. Damals hatte Diaz erst ein paar hundert Fans. Trotzdem habe sie Zuschriften von besorgten Mädchen erhalten, die sich für ihr Äusseres schämten und auch so einen Körper wollten, wie sie. «Da habe ich erstmals realisiert, dass sogenanntes Body-Shaming ein grosses Thema ist.» Das Schämen für den eigenen Körper ist gemäss Studien ein wachsendes Problem. Jede zweite Person ist mittlerweile betroffen.

Werbung auf Instagram

Die Primarlehrerin veränderte ihren Lifestyle ein weiteres Mal. Sie wollte sich nun den Sorgen der Teenager annehmen. Diaz befasste sich mit dem Phänomen Body-Shaming, verfasste Blogeinträge und lud demonstrativ Fotos von sich mit Speckröllchen hoch. «Ich merkte, dass ich meine Follower so ermutigen konnte, dass sie sich für ihren Körper niemals schämen müssen.» Ihre Fangemeinde wuchs schnell auf die mittlerweile fast 60'000 an. Dies macht Diaz auch für Firmen interessant.

Dass sie durch Kooperationen beispielsweise mit einer grossen Schuhfirma Geld verdient, möchte sie nicht in dieser Zeitung lesen. Nach neuerlichem Nachhaken betont Diaz, dass sie nur für Produkte werbe, von denen sie selbst überzeugt sei. Das zusätzliche Einkommen neben ihrem Lehrerberuf sieht sie als Entschädigung für ihren Aufwand auf Instagram. Die Primarlehrerin verbringt eins bis zwei Stunden täglich auf dem sozialen Netzwerk. Es sei nie ihre Absicht gewesen, berühmt zu werden. «Ich wollte einfach helfen.»

Als Primarlehrerin will sie ihre Botschaft auch der Klasse vermitteln, allerdings auf eine andere Art und Weise. «Ich unterrichte ungeschminkt, thematisiere mit meinen Schülern Mobbing und ermutige sie zu essen, was sie wollen», sagt sie. Denn das Thema Body-Shaming sei auch bei den ganz Jungen aktuell. Diaz hat beispielsweise schon vernommen, wie sich Sechsjährige als «zu dick» betitelten und deswegen auf ihren Znüni verzichten wollten. «Und letztes Jahr wurde ich von zwei Schülern gefragt, ob ich schwanger sei. Ich erklärte ihnen, dass meine Rundungen etwas ganz Natürliches sind», erzählt sie.

Schulleiter äussert sich nicht

Obwohl Morena Diaz auf Instagram ihren Lehrerberuf keineswegs verheimlicht, war sie vor dem Interviewtermin mit der az aufgeregt. Sie befürchtete, dass Leserinnen und Leser dieser Zeitung ihre freizügigen Fotos auf Instagram und ihre Arbeit als Primarlehrerin kritisieren könnten. Dabei sind dies ihrer Ansicht nach zwei paar Schuhe: «Auf Instagram kämpfe ich gegen Body-Shaming an, in der Schule unterrichte ich meine Klasse.» Ihre Schüler wissen bisher auch gar nicht, dass sie von einem Social-Media-Star unterrichtet werden. Instagram sei in diesem Alter noch kein Thema.

Einen medienwirksamen Auftritt hatte Diaz vor knapp drei Wochen in der SRF-Sendung «Club». Sie diskutierte an der Seite von einer Schönheitschirurgin, einem Fitness- und einem Nacktmodel über Body-Shaming. Wegen ihrem TV-Auftritt sei sie vor dem Schulstart sehr nervös gewesen, erzählt sie. Auf einem Bild auf Instagram schrieb sie am Montag nach den Sommerferien: «Was denken die Eltern wohl über meinen Online-Auftritt?» Offenbar fiel das Feedback positiv aus, Diaz fuhr unter dem gleichen Bild fort: «Wenn dann Eltern sich freuen, dass du die Lehrerin ihres Kindes bist, ist das unbezahlbar.»

Die Oberentfelderin erwähnt die positiven Rückmeldungen von Eltern und Berufskolleginnen. Support erhält Diaz auch vom Schulleiter der Erlinsbacher Primarschule. Er stehe hinter ihrem Engagement, betont sie. Selber äussern will er sich gegenüber der az nicht zum Instagram-Engagement seiner Lehrperson.