Umnutzung

Praxis statt Predigt: Was aus Aargauer Kirchen wird

Bohren statt Beten: Zahnarzt Frank Jablonski fand an der Reuss eine Praxis, eine neue Heimat und den Glauben an eine bessere Zukunft.

Bohren statt Beten: Zahnarzt Frank Jablonski fand an der Reuss eine Praxis, eine neue Heimat und den Glauben an eine bessere Zukunft.

Im Aargau sind in den letzten Jahren gegen 20 Kirchen abgerissen oder umgenutzt worden. Sie sind heute das Zuhause von Familien, Museum oder Zahnarztpraxis. Gegen die Umnutzungen gibt es Widerstand – auch aktuell wieder.

Thomas Lüscher arbeitet und wohnt mit seiner Familie in einer ehemals evangelisch-methodistischen Kirche. Jürg Jablonski und Cornelia Heukrodt-Matthies betreiben in Bremgarten in einer Kapelle ihre Zahnarztpraxis. In Menziken hat in der Chrischona-Kapelle das Tabak- und Zigarrenmuseum aargauSüd sein Zuhause gefunden. In anderen Bethäusern wurde eine Kindertagesstätte eingerichtet (Reinach), eine Videothek eröffnet (ebenfalls Reinach), eine WG für Jungschärler gegründet (Rupperswil). Wiederum andere Kapellen wurden abgebrochen und dienen so dem Fortbestand einer Gemeinschaft indirekt: Sie machten Platz für Mehrfamilienhäuser, die jetzt durch Mietzinse Geld in die Kirchenkasse fliessen lassen.

Eine einzigartige Datenbank der Universität Bern zeigt: In den letzten Jahren wurden in der ganzen Schweiz über 200 Kirchen umgenutzt oder abgerissen. Im Aargau dürften es gegen die 20 sein – die genaue Zahl herauszufinden, ist bei der Vielzahl der vertretenen kirchlichen Gemeinschaften nicht möglich. Klar ist: Weil die meisten Kirchen tendenziell weniger Mitglieder haben, brauchen sie weniger Versammlungsorte. Doch die Strategien, wie man mit nicht mehr benötigten Kirchenbauten umgeht, unterscheiden sich von Gemeinde zu Gemeinde.

Die Kirche im Dorf

Eine einzigartige Datenbank der Universität Bern zeigt: In den letzten 25 Jahren wurden in der Schweiz über 200 Kirchen umgenutzt oder abgerissen. Der Aargau ist darin mit vierzehn Objekten vertreten, wobei die Datenbank nicht vollständig ist, wie deren Initiant, Kunsthistoriker Johannes Stückelberger, betont. Bei zwölf der vierzehn Beispiele aus dem Aargau handelt es sich um kleinere Kapellen von Gemeinschaften wie den Methodisten, den Neuapostolen und der Chrischonagemeinde. Zwei Objekte sind reformierte Kirchen, deren Umnutzung zur Diskussion steht, aber noch nicht realisiert ist. Auf die Frage, wie er die Situation im Aargau beurteilt, sagt Stückelberger, der in Unterkulm aufgewachsen ist: «Dass im Aargau die landeskirchlichen Kirchen von der Umnutzungsproblematik bislang weniger betroffen sind, hängt sicher damit zusammen, dass es ihnen in diesem Landkanton vergleichsweise noch gut geht. In Städten wie Basel oder Genf sieht dies anders aus.» Dass unter den Aargauer Beispielen so viele Kapellen von Gemeinschaften sind, erstaunt Stückelberger nicht: «Gemeinschaften sind flexibler im Umgang mit ihren Immobilien. Kleine Kapellen lassen sich ausserdem leichter umnutzen als grosse Kirchen, auch nimmt die Öffentlichkeit von deren Verkauf oder Abriss oft kaum Notiz.» Das sei bei den öffentlichen landeskirchlichen Kirchen anders, wie die Beispiele von Turgi und Villmergen zeigen würden. Dass in diesen Gemeinden der Widerstand gegen den Abriss der reformierten Kirchen relativ breit abgestützt sei, deute darauf hin, dass es auch Kirchenfernen oft wichtig sei, dass die Kirche im Dorf bleibe. Auch wenn sie die darin stattfindenden Anlässe nicht mehr besuchen würden, sei ihnen doch ein Anliegen, dass es den Ort noch gebe.

Erkennt Stückelberger bei den rund 200 Kirchen, Klöstern und Kapellen in der Datenbank Muster oder Tendenzen? «Klöster werden nach dem Auszug der Klostergemeinschaften zum grössten Teil profanen Nutzungen zugeführt. Bei landeskirchlichen Kirchen ist man mit der Profanierung zurückhaltender.» Eine Möglichkeit der Umnutzung sei, sie an andere Glaubensgemeinschaften zu verkaufen oder zu vermieten, etwa an Orthodoxe. Weitere Optionen seien sogenannte Mischnutzungen oder Zusammennutzungen. Abrisse bildeten die Ausnahme.

Katholiken verschont

Luc Humbel, Kirchenratspräsident der römisch-katholischen Kirche im Aargau, sagt: «Das Thema ist für uns nicht so virulent.» Man habe relativ stagnierende Mitgliederzahlen. Es gebe durchaus Veränderungen, etwa mit der neuen Organisationsform der Pastoralräume. «Der Charakter der sakralen Bauten wird dadurch teilweise geändert, aber nicht ihr Bestimmungszweck.» Unter den im Aargau umgenutzten Kirchen ist denn auch keine einzige katholische. Humbel bestätigt: «Mir ist kein Fall bekannt. Wir haben nicht zu viele Gebäude.» Man beobachte das Thema aber, um dereinst nicht überrascht zu werden.

Frank Worbs, Sprecher der reformierten Landeskirche Aargau, sagt, Turgi und Villmergen seien die einzigen zwei reformierten Kirchen, bei denen das Thema aktuell sei. Beide diskutieren Pläne eines Abbruchs und Neubaus respektive einer Umnutzung – und in beiden gibt es Widerstand. Worbs: «Wenn es um die Kirche im eigenen Dorf geht, wird die Diskussion sehr schnell emotional. Auch im positiven Sinn.» Auch viele Leute, die nicht oder nicht regelmässig den Gottesdienst besuchten, würden an «ihrer» Kirche hängen. Gerade im Landkanton Aargau sei die Verbundenheit mit der Kirche im Ort vielerorts nach wie vor gross. Und die Kirchen würden längst nicht nur am Sonntag genutzt, sondern auch unter der Woche und von zahlreichen Vereinen.

Für Kunsthistoriker Johannes Stückelberger ist eines klar: «Man sollte Kirchen nicht leichtfertig aus der Hand geben. Wer weiss, was in 50 Jahren ist?»

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