Würenlos hat einen offiziellen Übernamen. Nein, nicht «Fressbalken», wie sie im Volksmund genannt wird. Werbetechnisch optimaler nennt man sich «Die Wohlfühlbrücke». Dieser Bezeichnung Reverenz erweist an diesem Augustdienstag die Aargauer Kantonspolizei.

Wer von ihren Vertretern in gelben Leuchtgilets an der Tankstelle in Fahrtrichtung Bern angehalten wird, muss für einmal keine Kontrolle des Fahrtenschreibers befürchten, sondern wird zu Kaffee, Gipfeli und Sandwich eingeladen.

Um 5 Uhr haben Polizeimitarbeiter vor dem Eingang der Raststätte die spezielle «Box» aufgebaut, in der statt Reifen Worte gewechselt werden: ein militärgrünes Zelt mit Festbänken und ein blauer Polizei-Pavillon mit Informationstheke.

Jetzt, kurz nach 10 Uhr, steht die Gefreite Simone Knechtli neben der Zapfsäule und weist mit ausgestrecktem Arm den Lenker eines deutschen Lasters an, anzuhalten. «Guten Tag, Knechtli, Kantonspolizei Aargau!», ruft sie mit gestrecktem Hals ins heruntergelassene Kabinenfenster hinauf.

Der Fahrer ist ganz erstaunt, als er begreift, dass die Polizistin gar nichts von ihm will, ausser, dass er, wenn er denn Lust und kurz Zeit habe, auf einen Gratis-Kaffee und einen Schwatz ins Zelt hinaufgehe. Man beantworte ihm gerne offene Fragen, falls er denn solche habe. «Sie können alles fragen!»

«Die meisten haben Freude», sagt Simone Knechtli. Die Chauffeure fänden die Aktion schön – geschätzte zwei Drittel gingen auf das Angebot ein. Einige hätten halt Zeitdruck und müssten pünktlich irgendwo auf- oder abladen: «Das ist natürlich verständlich.»

Lieber miteinander

Natürlich waren die Aargauer Kantonpolizisten nicht die Ersten, die auf die Idee kamen, die Abgabe von Informationen mit Kaffee und Gipfeli anzureichern – doch waren sie 2001 die Ersten, die dies in der Schweiz mit Lastwagenchauffeuren auf der Autobahn ausprobierten. Die Resonanz war so gut, dass manches Korps aus einem anderen Kanton das Konzept inzwischen in Würenlos begutachten kam und anschliessend kopierte.

Wachtmeister mit besonderer Verantwortung, Lothar Tröndle, der den «Boxenstopp» seit Jahren organisiert, sagt: «So viel Fachwissen an einem Ort gibt es sonst nirgends.» Nebst den Aargauer Polizisten geben auch die Kollegen aus Deutschland sowie Vertreter der Berufsverbände Les Routiers Suisses und Astag Auskunft.

Häufigstes Thema: die Arbeits -und Ruhezeitverordnung. Christoph Wilhelm, beim Nutzfahrzeugverband Astag im Mittelland für Bildung, Sicherheit und Technik zuständig, sagt: «Die Zeiten, in denen man einfach in einen Lastwagen sitzen und abfahren konnte, sind definitiv vorbei.»

Austauschen bei Kaffee und Sandwiches: Aktion Boxenstopp in Würenlos.

Austauschen bei Kaffee und Sandwiches: Aktion Boxenstopp in Würenlos.

Weiterbildungen seien für die Berufsfahrer so ständige Begleiter geworden wie der Stau, so habe sich auch das Berufsimage verbessert. Die gemeinsame Aktion sei Ausdruck davon – man wolle «Verständnis schaffen» und «miteinander statt gegeneinander arbeiten».

Bezeichnend: Das «Verständnis» ist an diesem Boxenstopp vermutlich das meistverwendete Wort – auf allen Seiten. Erklärt ein Chauffeur einem Polizisten sein Problem, gibt es zuerst Verständnis, und erst dann wird darauf hingewiesen, wie er es beim nächsten Mal ganz korrekt machen könnte.

Geschmeidig bleiben

Selbstverständlich schaue man genau hin, wenn man kontrolliere, erklärt der Wachtmeister mit besonderen Aufgaben Christoph Huser. «Der Kontrolldruck von Bern und auch von der EU her nimmt ja zu», aber kontrolliert würden die Chauffeure eben «von Leuten, die Fachwissen mitbringen», so könne man «auf Augenhöhe diskutieren». Es gebe keine Probleme mit den Chauffeuren: «Sie sind eine angenehme Kundschaft.»

Dass die Toleranz ein bewusst eingesetztes Mittel im Umgang mit Lastwagenfahrern ist, bestätigt auch Major Ruedi Scherer, Chef der Mobilen Einsatzpolizei. Er sagt: «Wir sind keine sture Kontrollbehörde.» Man setze auf die Eigenverantwortung der Fahrer. Grobe Verstösse würden immer geahndet – aber wenn einer die erlaubte Fahrzeit wegen eines Staus um 15 Minuten überschritten habe, mache man kein Büro auf.

«Vom Arbeitgeber hat er den Druck, überall rechtzeitig anzukommen, und von uns her den Druck, alle Vorschriften einzuhalten. Aber der Chauffeur ist kein Roboter, er ist immer noch vom Verkehr abhängig.» Gerade beim «Boxenstopp» gehe es darum, «die andere Seite» kennen zu lernen. Das fördere – genau: «das gegenseitige Verständnis».

An einen der Festtische setzt sich Roman Inderbitzin, in der Hand einen Becher Kaffee. Der Solothurner fährt gerade für Schenker-Storen von Obfelden nach Schönenwerd, sagt, er habe schon von der Aktion gehört, sei heute aber zufällig vorbeigekommen.

Was macht den Chauffeuren denn heute noch das Leben schwer, wenn es die Polizei nicht mehr ist? «Hach», sagt er, «was einem das Leben schwer macht, beginnt immer im Kopf.» Wo es Stau gebe, das wisse man ja inzwischen, und könne entsprechend planen. «Und wenn man doch mal steht, muss man halt etwas umorganisieren.» Das Wichtigste sei doch, immer «geschmeidig zu bleiben im Kopf».

Es tönt nach einem Motto, das auch dann hilft, wenn mal grad keine «Wohlfühlbrücke» in der Nähe sein sollte.