Im Polizeikommando in Aarau holt der Chef die az-Journalisten persönlich am Empfang ab und führt sie in sein Eckbüro im vierten Stock. Auf dem Pult liegen stapelweise Organigramme mit kleinen Fotos drauf – derzeit Leupolds Bett- und Wochenendlektüre: Sein Ziel ist es, die Namen aller seiner 700 Mitarbeitenden auswendig zu lernen. Was dazu führt, dass der eine oder andere Polizist erschrickt, wenn der oberste Chef bei der ersten Begegnung den Namen bereits kennt.

Herr Leupold, wie geht es Ihnen im neuen Polizei-Outfit?

Michael Leupold: Sehr gut! Obwohl ich das Gefühl hatte, ich sei figurmässig ein Problemfall, nachdem mich zwei Frauen beim Uniformlieferanten eine Stunde lang vermessen hatten. Die Uniform ist also massgeschneidert. Inzwischen fühle ich mich wohl darin. Sie ist auch praktisch: Ich muss am Morgen nicht überlegen, was ich anziehe.

Sie tragen eine Waffe. Können Sie schiessen?

Das habe ich im Militär gelernt. Bei der Polizei geht das ein bisschen anders. Unsere Instruktoren bringen mich jetzt auf Kurs. Ich trainiere eineinhalb Stunden pro Woche: schiessen, aber auch Selbstverteidigung und Fesselungstechnik.

Gehen Sie denn an die Front?

Kürzlich war ich an einem Ordnungsdienst-Einsatz beim Aarauer Fussballstadion Brügglifeld. Wer eine Waffe trägt, muss auch damit umgehen können und darf nicht nur die Theorie kennen.

Waren Sie schon mit Blaulicht unterwegs?

Bis jetzt noch nicht. Aber auch das wird kommen, wenn ich als Pikettoffizier im Einsatz bin. Im Normalfall jedoch muss ja nicht der Kommandant als Erster vor Ort sein.

Sie sind ein Quereinsteiger. Kann ein Dr. iur. ein guter Polizist sein?

Ich glaube schon. Es ist ja nicht so, dass man mit einem juristischen Abschluss den gesunden Menschenverstand abgibt. Die meisten Polizeikommandanten sind übrigens Quereinsteiger.

Manche staunten, dass der Direktor des Bundesamts für Justiz in seinen Kanton zurückgeht und dort als Polizeichef eine Lohneinbusse von rund 70 000 Franken pro Jahr in Kauf nimmt.

Geld ist nicht alles (lacht).

War es die Gelegenheit, sich von SP-Bundesrätin Sommaruga zu verabschieden, die politisch ganz anders denkt als Christoph Blocher, der Sie geholt hatte?

Das meinen die Journalisten – aber ich muss Sie enttäuschen. Ich hatte mit Frau Sommaruga von A bis Z ein gutes Einvernehmen. Ohnehin würde Ihre Logik viel besser aufgehen, wenn Sie statt Frau Sommaruga meine vorherige Chefin, Frau Widmer-Schlumpf, nähmen: Sie wäre ja die Antithese zu Herrn Blocher. Zudem wäre ich ja nun in die nächste «rote Küche» geflüchtet – zu SP-Regierungsrat Urs Hofmann.

Werden Sie als Aargauer Polizeikommandant pensioniert?

Davon gehe ich aus ...

... das sagte auch Ihr Vorgänger Stephan Reinhardt, der nach vier Jahren unter unschönen Umständen zurücktreten musste ...

... darum habe ich ja jetzt die Chance erhalten, dieses Amt doch noch zu übernehmen. Es hat mich schon früher gereizt. Als Kommandant Léon Borer in Pension ging, war ich erst seit zwei Jahren in Bern. Jetzt passte es perfekt. Als Direktor eines Bundesamtes konnte ich nicht mehr aufsteigen. Und Politiker will ich nicht werden, obwohl ich seit 1986 FDP-
Mitglied bin. Also, warum nicht in den Aargau zurückkehren und dieses Amt übernehmen?

Ihrem Vorgänger wurde ein altes Verkehrsdelikt zum Verhängnis, das er nicht offengelegt hatte. Sind Sie besonders gut durchleuchtet worden?

Mir ist einfach aufgefallen, dass ich einen Auszug über allfällige Administrativmassnahmen im Strassenverkehr vorlegen musste.

Und was steht da drin?

Der Auszug ist leer.

Seit Anfang Monat sind Sie im Amt und gleich mit grosser Unzufriedenheit konfrontiert: Viele Polizisten sind unglücklich über die neue Strafprozessordnung, die den Staatsanwälten mehr Einfluss gibt und ihnen weniger.

Dahinter stecken rechtspolitische Entscheide, die ich als Direktor des Bundesamts für Justiz hautnah miterlebt habe. Dass die Staatsanwälte eine wichtigere Rolle spielen, ist für uns Polizisten auch eine Entlastung.

Bei Ihren Leuten tönt es anders.

Wir alle hätten ja Unterschriften für ein Referendum sammeln können. Jedes neue System muss sich doch zuerst einspielen. Dafür, dass die Umstellung 2011 passierte, funktioniert die Zusammenarbeit gut. Dort, wo es noch Reibungsflächen gibt, braucht es Verbesserungen, zum Beispiel bei den Einvernahmen, die vom den Fall führenden Staatsanwalt an den Polizisten delegiert werden. Ich treffe mich deshalb nun einmal pro Monat mit dem leitenden Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht. Wir kennen uns schon lange, haben früher schon zusammengearbeitet. Das gute Einvernehmen zwischen den obersten Chefs der Staatsanwaltschaft und der Kantonspolizei soll in beide Organisationen ausstrahlen. Wir werden das in den Griff bekommen.

Was sagen Sie denn einem 50-jährigen Polizisten, der einen 30-jährigen Staatsanwalt vor die Nase gesetzt bekommt?

Der Staatsanwalt ist ja nicht der Vorgesetzte des Polizisten. Was wir aber pflegen, ist ein organisierter Austausch zwischen Abteilungsleitern der Polizei und regionalen leitenden Staatsanwälten. Neu angestellte Staatsanwälte sollen zum Beispiel Stages machen können bei uns – damit auch der 30-jährige Staatsanwalt merkt, dass ein erfahrener polizeilicher Sachbearbeiter für ihn Gold wert ist. Staatsanwaltschaft und Polizei sollen gegenseitig von den Erfahrungen und Kompetenzen der anderen Organisation profitieren können, um einen Fall möglichst schnell gemeinsam zu lösen.

Eine Besonderheit im Aargau ist das Nebeneinander von Kantons- und Regionalpolizei. Wie finden sie das?

Die Diskussion um die Einheitspolizei kommt und geht. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Wenn sich Kantonspolizisten wie im Kanton Bern um Parkplatzmissstände in Gemeinden und um die Zustellung von Zahlungsbefehlen kümmern müssen, ist das auch nicht ideal.

Dafür heisst es: Die guten Polizisten gehen zur Kantonspolizei, der Rest kann sich um das Lokale kümmern.

Schauen Sie, für mich ist die Aargauer Polizeiorganisation eine politische Rahmenbedingung, wie das Wetter eine meteorologische ist.

Sprechen wir über die Sicherheit im Kanton Aargau. Wo gibt es Handlungsbedarf?

Ich will eine reaktionsschnelle Polizei, die rasch wechselnden Lagen und neuen Phänomenen begegnen kann.

Täuscht der Eindruck, oder gibt es tatsächlich viele Geschwindigkeitskontrollen im Aargau?

Der Kontrolldruck ist wichtig. Wir legen unser Augenmerk allerdings nicht auf die Bagatellfälle, sondern auf die schweren Verkehrsregelverletzungen, also zum Beispiel Tempoexzesse. Das spricht sich rum und hat eine abschreckende Wirkung.

Das Gesetz wurde jüngst verschärft. Was halten Sie von «Via sicura»?

Raser, die mit 200 km/h auf der Autobahn unterwegs sind oder mit 130 km/h über den Bözberg fahren, muss man aus dem Verkehr ziehen: Ausweis weg, Auto weg – und fertig. Autofahren ist Charaktersache, und wer nicht reif dafür ist, muss von der Strasse.

Muss ein Polizist eigentlich ein gewisses Bussen-Soll erfüllen?

Nicht in Frankenbeträgen, aber es gibt selbstverständlich Leistungskennzahlen. Diese orientieren sich an unseren Zielen und Prioritäten punkto Verkehr, Sicherheit und Kriminalität und werden auf die einzelnen Organisationseinheiten runtergebrochen.

Also doch ein Bussen-Soll. Ist das der Grund, warum der Fahrer eines getunten BMW viel häufiger kontrolliert wird als der Fahrer eines unauffälligen VW Golf?

Das stimmt nicht! Unsere Polizisten kontrollieren selbstverständlich verdächtige Fahrzeuge. Aber auch unauffällige Wagen werden überprüft. Ich selber wurde gerade letzthin am Sonntagabend in Aarau kontrolliert. Ich sass in einem zwölfjährigen Volvo-Kombi mit Kindersitzen.

Und, wurden Sie erkannt?

Nein. Am Schluss sagte ich dem Polizisten, ich sei dann der neue Chef ...

Was kann die Polizei dazu beitragen, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung rund um Asylunterkünfte zu verbessern?

Unsere Aktion «Crime Stop» hat das subjektive Sicherheitsbefinden bereits erhöht. Sie zielt aber nicht nur auf kriminelle Asylbewerber, sondern auch auf Kriminaltouristen. Beim Kampf gegen bandenmässige Kriminalität über mehrere Kantone hinweg müssen wir einen Schwerpunkt legen. Dafür muss auch die Koordination mit anderen Polizeikorps verbessert werden.

Heute sind die Banden also besser organisiert als die Polizei?

Sie nützen unsere zahlreichen Hochleistungsstrassen aus. Und natürlich sind sie zuerst einmal im Vorteil, wenn sie getarnt irgendwo zuschlagen und dann sofort verschwinden.

In Bern wurden gewaltbereite Demonstranten an den Internet-Pranger gestellt. Werden Sie das auch im Aargau tun?

Bei einer Öffentlichkeitsfahndung kommt man nicht um das Internet herum. Der Steckbrief ist überholt. Allerdings sollte man das Instrument nicht zu oft einsetzen, weil es sich abnutzt. Zudem stellt sich die Frage nach dem Persönlichkeitsschutz. Dieser darf bei Personen, die bei illegalen Demonstrationen massive Gewalt anwenden, allerdings nicht zu stark gewichtet werden.

Dann könnten Sie ja die Fotos der Chaoten vom «Nächtlichen Tanzvergnügen» in Aarau ins Netz stellen.

Zu diesem konkreten Fall äussere ich mich nicht.

Zum Schluss leiten wir Ihnen einen Wunsch weiter: Ihr Polizeipsychologe Horst Hablitz zeigte sich in der az besorgt über fehlende Wertschätzung im Polizeikorps.

Mangelnde Empathie hat mir noch niemand vorgeworfen. Nach aussen wirke ich wohl etwas distanziert, ich bin auch eher eine introvertierte Person. Wer mich kennt, weiss, dass man mit mir gut zusammenarbeiten kann.