Herr Winzenried, Kommandanten von Schweizer Regionalpolizeien schlagen Alarm, weil die Gewalt gegen Polizisten eine neue Dimension angenommen habe. Können Sie dem als Kommandant der Aargauer Kantonspolizei zustimmen?

Urs Winzenried: Natürlich kommt es auch im Aargau zu Fällen von Gewalt und Drohungen gegen Polizisten. Solche Übergriffe stellen auch keine Kavaliersdelikte dar, sondern sind strafrechtlich relevante Vergehen, die geahndet werden müssen. Die Situation ist allerdings nicht alarmierend, sodass nun unverzüglich Massnahmen notwendig wären.

Ihre Berufskollegen beklagen sich aber, Polizisten würden nicht mehr ernst genommen.

Polizisten werden durchaus sehr ernst genommen, ihre Arbeit wird in der breiten Bevölkerung auch geschätzt. Unsere Polizisten sind zudem angehalten, effektive Übergriffe konsequent zur Anzeige zu bringen, was sie in der Regel auch tun. Fallzahlen der letzten Jahre zeigen, dass Anzeigen wegen Gewalt gegen Polizisten stabil geblieben sind oder eher sogar leicht abgenommen haben.

Wie viele Übergriffe gibt es denn jährlich auf Aargauer Polizisten?

Im vergangenen Jahr erfolgten rund 80 Anzeigen von Polizisten. Bei weit über 100 000 polizeilichen Kontakten mit Bürgern pro Jahr entspricht dies einer Prozentzahl von unter 0,1 Prozent! Natürlich ist jeder einzelne Übergriff einer zu viel, aber wir haben es hier nicht mit einem Phänomen zu tun, welches in jüngster Zeit in vermehrtem Masse aufgetreten wäre. Nun von einer Situation zu sprechen, die ausser Rand und Band geraten ist, wäre falsch.

Warum ist Ihrer Meinung nach die Gewalt gegen Beamte nicht höher, als diese Fallzahlen belegen?

Ich bin überzeugt davon, dass sich das konsequente Einschreiten unserer Polizisten herumgesprochen hat. Wir haben die Gewaltproblematik im Aargau gut im Griff. Allenfalls profitieren wir auch ein wenig davon, dass der Aargau in vielen Regionen noch immer eher ländliche Verhältnisse hat. Ausserdem legen wir bei der Ausbildung unserer Leute grossen Wert auf die sogenannte Drei-D-Strategie, die jeder Polizist bei jedem Einsatz zu beachten hat. Die Polizei sucht in erster Linie den Dialog, versucht dann die Situation zu deeskalieren und schreitet dann, wenn zwingend, zum verhältnismässigen Durchgreifen. Damit machen wir gute Erfahrungen und können die Autorität wahren.

Mit welchen gesellschaftlichen Gruppen hat die Polizei an der Front denn besonders Mühe? Man hört tagtäglich von delinquenten Asylbewerbern.

Asylbewerber sind in Bezug auf ihre Gewaltbereitschaft nicht signifikant anders als alle anderen Menschen. Aufgrund des Auftrags kommt es zwangsläufig zu mehr Kontakten mit Asylbewerbern. Natürlich können sie auch aggressiv oder provozierend auftreten. Aber Gewalt gegen Polizisten kann man keiner bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zuordnen. So leben auch junge sogenannte Fussballfans oder bestandene Autofahrer bei Kontrollen immer wieder ihre Aggressionen aus.

Was braucht es denn in unserer Gesellschaft, damit den Polizisten wieder mehr Respekt gezollt wird?

Ich habe nicht den Eindruck, dass der Respekt fehlt. Wichtig ist meines Erachtens aber, dass die Polizei ihren gebührenden Respekt immer wieder einfordert und sich diesen verdient. Es sind ja aber nicht nur Polizisten Autoritätspersonen, auch Lehrer haben Autorität verdient. Respekt und Achtung der Mitmenschen gegenüber beginnt schon im Elternhaus.

Verstehen Sie, wenn Polizisten bei Ernsteinsätzen ihre Beherrschung verlieren und überreagieren?

In menschlicher Hinsicht verstehe ich, dass es unseren Polizisten nicht immer leicht fällt, ruhig zu bleiben. Ich habe Verständnis, wenn es unseren Leuten in einigen Momenten unter den Nägeln brennt. Aber als Kommandant will ich festhalten, dass polizeiliche Überreaktionen, die zum Glück äusserst selten vorkommen, in keiner Art geduldet werden. Unsere Polizisten sind denn auch hervorragend geschult, sodass sie vorbildlich reagieren. Es ist eine grosse Herausforderung und eine Schwierigkeit unseres Berufes, die Verhältnismässigkeit zu wahren. Jedem Bürger muss es aber klar sein, dass es die Polizei nicht zulassen kann, wenn Massnahmen, die wir vollziehen, nicht beachtet werden. Es kommt gelegentlich zu Fällen, bei denen der Straffällige, etwa im Rahmen einer Festnahme, die Polizisten angreift. Oftmals ist in solchen Fällen auch Alkohol im Spiel und der Betroffene bedauert später in nüchternem Zustand sein Verhalten.

Sie dürfen als einer der erfahrensten Polizisten der Schweiz auf stolze 34 Jahre Berufserfahrung blicken. Stand es um die Autorität der Polizisten früher besser als heute?

Übergriffe gegen Polizisten hat es schon immer gegeben. Ich glaube nicht, dass die Autorität in den letzten Jahrzehnten gelitten hat. Ich behaupte, man hat früher lediglich weniger über Übergriffe in den Medien gelesen und folglich auch weniger darüber gesprochen.

Hatten Sie auch schon Übergriffe gegen Ihre Person erlebt?

Ich bin glücklicherweise persönlich noch nie angegriffen worden, was aber sicher auch damit zusammenhängt, dass ich erst zu einem Zeitpunkt am Ereignisort eintreffe, in denen die gefährlichen Situationen längst gebannt sind. Ich bemühe mich aber, hin und wieder an die Front zu gehen. Ich bin letztmals beim Fussballspiel zwischen Aarau und St. Gallen sowie bei den Tanzdemos, die im vergangenen Herbst stattfanden, ausgerückt. Bei diesen Einsätzen konnte ich feststellen, dass die Polizei mit Augenmass auftritt und sich Polizisten ihren Respekt vorbildlich verschaffen.