Aarau

Polizei-Aktion am Bahnhof: Asylsuchende werden häufiger kontrolliert – wegen Messerattacken

Die Zahl der Auseinandersetzungen mit Messern haben bei Asylbewerbern in den letzten Jahren zugenommen. Die Kantonspolizei Aargau sieht Handlungsbedarf und setzt einen neuen Schwerpunkt.

Bahnhof Aarau, 17 Uhr, Rushhour. Menschen strömen durch den Haupteingang oder hetzen zum Bus. Bei den Veloparkplätzen stehen, etwas versteckt, mehr als ein Dutzend Polizisten. Die meisten sind Mitglieder der Gruppe «Fokus» der Kantonspolizei Aargau und stehen im Einsatz, wenn spezielle Unterstützung gefordert ist.

Doch warum am Aarauer Bahnhof? Dieser ist im Jargon der Kantonspolizei ein «Hotspot», also ein Brennpunkt, an dem hohes Risiko besteht, dass die öffentliche Ruhe und Sicherheit gestört wird. Doch die Fokus-Polizisten sind nicht nur deswegen am Bahnhof im Einsatz.

Denn laut Bernhard Graser, Mediensprecher der Kapo, entstand in den letzen drei Jahren ein neues Problem: «Wir verzeichnen eine deutliche Häufung von Auseinandersetzungen, bei denen Messer als Tatwaffen im Spiel waren. Praktisch ausnahmslos handelt es sich bei den Beteiligten um Asylbewerber, von denen die meisten aus Eritrea oder Afghanistan stammen.»

Überprüfen und sensibilisieren

Etwa 111 Fälle waren es in den letzten drei Jahren, drei endeten gar tödlich. Am Mittwoch erst wurde in einer Asylunterkunft in Gipf-Oberfrick ein Eritreer von einem Landsmann erstochen. Der Täter war der Staatsanwaltschaft wegen Drohung und Gewalt bereits bekannt. Im August letzen Jahres endete ein Streit zwischen zwei Georgiern tödlich. 2016 starb in Aarau ein Iraner nach einer Auseinandersetzung an Stichverletzungen.

«Die Kantonspolizei hat sich nun dazu entschlossen, betreffend Asylbewerbern und Messern einen Schwerpunkt zu setzen.» Man wolle eine Verhaltensänderung bewirken und vor allem die Asylsuchenden vor sich selbst schützen, sagt Graser. 

Er erklärt, wie diese Ziele umgesetzt werden sollen: «Im Rahmen von Kontrollen im öffentlichen Raum oder in ihren Unterkünften werden Asylbewerber vermehrt auf Messer und ähnliche, gefährliche Gegenstände durchsucht.» Auch arbeite man mit dem Sozialdienst zusammen, um die am meisten betroffene Personengruppe, laut Graser also Eritreer und Afghanen, zu sensibilisieren.

Bei Eritreern auf Messersuche

Bei Eritreern auf Messersuche

Am Bahnhof Aarau kontrollierte die Polizei gezielt Asylsuchende auf Stichwaffen und Drogen. Gefunden hat sie nichts.

Sackmesser wird eingezogen

Vor dem Einsatz am Aarauer Bahnhof war die Fokus-Truppe in der Asylunterkunft Casa Torfeld in Buchs. Dort wurden bei der Kontrolle acht Messer und eine Schere sichergestellt. Auch bei Kontrollen im öffentlichen Raum ziehen die Beamten alle Gegenstände ein, die sich eignen, Menschen zu verletzen – auch legale Gegenstände.

Das bedeutet, dass auch Sack- oder Küchenmesser konfisziert werden, wenn die Person nicht begründen kann, warum sie diese mitführt. «Man muss sich die Frage stellen, ob die Kontrollierten tatsächlich nur eine Wurst einschneiden und braten möchten oder potenzielle Straftaten begehen könnten», sagt Bernhard Graser. Neben Messern seien auch schon Schraubenzieher oder abgebrochene Flaschenhälse sichergestellt worden.

Hauptproblem Alkohol

Zurück zum Aarauer Bahnhof: Nach kurzer Besprechung schwärmen die Fokus-Polizisten aus. Die einen konzentrieren sich auf das Bahnhofsgebäude, die Transportpolizei auf die Perrons, andere gehen weiter in die Aarauer Altstadt und gar bis zur Zurlindeninsel.

Während mehreren Stunden werden sie nun Asylsuchende kontrollieren und nach verbotenen Gegenständen absuchen. «Wer genau kontrolliert wird, entscheidet das Bauchgefühl», sagt einer der Beamten. «Viele kennt man bereits und weiss, wer im Milieu unterwegs ist und wer nicht.» Ausserdem erkenne man am Verhalten der Personen, wer etwas zu verbergen hat. Es werden Ausweise verlangt und je nach Ermessen der Polizisten weiter «gefilzt».

Am Bahnhof verhalten sich alle Kontrollierten ruhig, was wohl an der Tageszeit liegt. «Wenn Alkohol im Spiel ist, sind viele nicht mehr so kooperativ», sagt eine Polizistin. Alkohol – laut Bernhard Graser auch der Auslöser für viele Ausseinandersetzungen, die in Messerstechereien enden. «Die Beteiligten solcher Vorfälle, meist junge Männer, stehen vielfach unter starkem Alkoholeinfluss. Das senkt die Hemmschwelle.»

Graser betont, dass man nicht schlüssig erklären könne, weshalb ausgerechnet Personen aus Eritrea und Afghanistan vermehrt zu Messern greifen. «Faktoren sind sicher die Zustände in den Heimatländern und ein anderer Bezug zur Gewalt.»

Eine weitere Rolle könnte die Statur der Personen spielen, sagt Graser. «Leute aus diesen Ländern sind in aller Regel eher schmächtig. Dadurch sind sie bei Auseinandersetzungen, zum Beispiel gegen eine Überzahl von Landsleuten, körperlich rasch unterlegen und greifen dadurch schneller zu einem Messer oder sonst Waffen.»

«Nur kontrolliert nach Klischees»

Vor dem Coop im Bahnhof steht eine Gruppe junge Erwachsener. Sie tragen rote Jacken und probieren, Spender für ein Hilfswerk zu gewinnen. Als sie mitbekommen, dass die Polizisten mehrheitlich dunkelhäutige Personen kontrollieren, schütteln sie die Köpfe. Einer sagt: «So typisch, die schauen nur nach Klischees.»

«Die Polizei hat die Aufgabe, Sicherheit zu gewährleisten», sagt Bernhard Graser zu den Vorwürfen. «Und es gibt Personen, die ein höheres Gefahrenpotenzial bergen, als andere – gerade beim Schwerpunkt Messerstechereien.»

Ziel sei nicht, die kontrollierten Personen einzuschüchtern oder blosszustellen, sondern viel mehr «Gewaltstraftaten zu verhindern.» Die Polizisten der Fokus-Gruppe waren noch bis 00:30 Uhr im Einsatz. Messer wurden keine festgestellt.

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