Zukunftsszenario

Politologe: Weil Aargau ein Zentrum fehlt, könnte er wieder erobert werden

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Der bekannte Politologe Claude Longchamp skizziert eine Grossstadt mit 100000 Einwohnern im Aargau. Dem Kanton fehle nämlich ein Zentrum – und das könne ihn wieder auseinanderreissen.

Zu behaupten, das Publikum sei zahlreich zum Referat von Claude Longchamp erschienen, wäre übertrieben. Der Schnee und die schlechten Strassenverhältnisse hätten zu einigen Abmeldungen geführt, sagte Nik Brändli, Präsident der «IG zur Stärkung der Zentren Aarau und Baden» zu den rund 20 Zuschauern im Naturama in Aarau.

Die IG hatte den renommierten Politikwissenschafter eingeladen, um die Frage zu beantworten, ob der Aargau ein grosses Zentrum brauche. Longchamp kündigte einen «historisch-politischen Rundumschlag» an: Wolle man die aktuelle Situation des Aargaus verstehen, müsse man seine Geschichte kennen.

Grossstädtisches Element fehlt

Zwölf Thesen zur politischen Kultur des Aargaus hatte SP-Mitglied Longchamp mitgebracht. Er trug sie vor, in atemberaubend schnellem Tempo, aber doch mit der Detailtreue des Historikers und der Präzision des Politikanalysten. Dass sich im 11. Jahrhundert im Aargau kein regional führender Adel und keine dominierende Handelsherrschaft gebildet habe, hätte zur dezentralen Gemeindestruktur geführt. Eine Klöster- und Städtegründungswelle habe diese noch verstärkt – «das Städtewesen in der Region war im Mittelalter leicht chaotisch», meinte Longchamp. «Auf kleinstem Gebiet hat es enorm viele Machtzentren gegeben.» Im 15. Jahrhundert habe sich im Aargau eine Untertanenkultur entwickelt, deren Nachwirkungen auch heute noch spürbar seien.

Longchamps Fazit: «Was dem Aargau fehlt, ist ein grossstädtisches Element, das ihn zusammenhält.» Baden orientiere sich in Richtung Zürich, und die Region zwischen Lenzburg und Rothrist gehöre nirgendwo wirklich dazu. «Von aussen gesehen muss man sagen: Die Situation im Aargau ist relativ dramatisch. Was Napoleon zusammengeflickt hat, kann wieder auseinandergerissen werden, wenn dem Kanton ein Zentrum fehlt.» Es stelle sich darum die Frage, ob der Aargau überhaupt zukunftsfähig sei, oder ob sich die Geschichte wiederhole und der Kanton wieder zur Peripherie wird – zu Untertanengebiet.

Longchamp entwarf drei mögliche Zukunftsszenarien für den Aargau: Die erste Möglichkeit wäre, zwei Kernstädte mit rund 50000 Einwohnern anzustreben, wie dies der Regierungsrat wolle. «Unwahrscheinlich» sei es, dass dies geschehe, meinte Longchamp. Zu viele Fusionen wären nötig. «Das Problem ist, dass sich zwei Drittel der Aargauer in ihrer Gemeinde sehr wohl fühlen und dort emotional verwurzelt sind. Da ist die Veränderungsbereitschaft gering.» Wichtig seien den Aargauern zudem tiefe Steuern und gute Primarschulen – wo es diese bereits gebe, hätten Fusionen wenig Chancen. «Steuersenkungen und ein verbessertes Kulturangebot sind die Formel, die man braucht, um Gemeindefusionen zu erreichen», so Longchamp.

Sein zweites Szenario hält Longchamp für eher wahrscheinlich: Entweder Baden oder Aarau schafft es, zur kantonalen Kernstadt mit über 75000 Einwohnern zu werden.

Eine Stadt von Baden bis Aarau

Longchamp bezeichnet jedoch sein drittes Szenario als «die angemessenste Form»: Aarau und Baden schliessen sich mit anderen Gemeinden zu einer «Superstadt» zusammen, einem Städtekranz mit über 100000 Einwohnern. Der Aargau müsste also näher zusammenrücken. Doch ist das eine gangbare Lösung, trotz der historischen Differenzen? Im Gespräch mit der Aargauer Zeitung meint Longchamp, dass dieser Ansatz «rein von der Geschichte her nicht denkbar» sei.

Jedoch: «Die Einwohner der beiden Regionen haben zwar unterschiedliche Wurzeln, aber vergleichbare Lebensweisen.» Wichtig sei vor allem, dass der Ernst der Lage erkannt werde und man handle, solange der Kanton Aargau noch eine Zukunft habe.

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