Podiumsdiskussion
Nachwuchsprobleme, Gärtchendenken, Klimasorgen: Wo der Bauwirtschaft und der Baupolitik im Aargau der Schuh drückt

Unter dem Motto «Glückliche Beziehung oder schwierige Baustelle?» gingen am zweiten Aargauer Baupolit-Talk Grossrätinnen und Grossräte aller Parteien der Frage nach, wo die grössten Herausforderungen im Zusammenspiel zwischen Bauwirtschaft und Politik liegen.

Lukas Scherrer
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Zum zweiten Mal fand im Kuk in Aarau der Baupolit-Talk statt.
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Dabei waren Grossrätinnen und Grossräte von allen Parteien vertreten.
Der Abend stand unter dem Motto «Bauwirtschaft und Politik: Glückliche Beziehung oder schwere Baustelle?»
Durchgeführt wurde der Anlass vom Baumeisterverband Aargau und der Organisation bauenaargau.
Der Anlass im Aarauer Kuk wurde mit Zertifikatspflicht durchgeführt, jeder zweite Platz im Saal blieb unbesetzt.
Martin Kummer, Präsident des Baumeisterverbands Aargau, nannte den Berufsnachwuchs, die Digitalisierung und das Klima als die drei derzeit grössten Herausforderungen in der Bauwirtschaft.
André Crelier, Präsident von bauenaargau, bei seiner Ansprache.
Colette Basler, Grossrätin und Co-Fraktionspräsidentin SP.
Jeanine Glarner, Grossrätin und Vizepräsidentin FDP-Fraktion.
Alfons P. Kaufmann, Grossrat und Fraktionspräsident Die Mitte Aargau.
Robert Obrist, Grossrat und Fraktionspräsident Grüne Aargau.
Barbara Portmann-Müller, Grossrätin und Fraktionspräsidentin Grünliberale.
Uriel Seibert, Grossrat und Fraktionspräsident EVP Aargau.
Désirée Stutz, Grossrätin und Fraktionspräsidentin SVP.
Führte durch den Abend: Moderatorin Simone Meier.

Zum zweiten Mal fand im Kuk in Aarau der Baupolit-Talk statt.

Alex Spichale

«Ohne die Politik liegt im Aargau kein Stein auf dem anderen», erklärte Martin Kummer, Präsident des Baumeisterverbands Aargau, als er die zahlreichen Gäste im Kultur- und Kongresshaus (Kuk) in Aarau begrüsste. Am Donnerstagabend fand dort zum zweiten Mal der Aargauer Baupolit-Talk statt, eine Standortbestimmung zwischen Bauwirtschaft und Politik. Und für Zweiteres hat der Verband zusammen mit der Organisation bauenaargau zweifelsohne gesorgt: Gleich sieben Grossrätinnen und Grossräte aus fast allen Parteien nahmen als Referenten an der Podiumsdiskussion teil.

Zwar mussten gleich mehrere der Aargauer Politfiguren in der Vorstellungsrunde gestehen, für eine Karriere im Bauwesen zwei linke Hände zu haben. Berührungspunkte mit der Branche haben sie aber alle. Jeanine Glarner (FDP) etwa, die als Auftraggeberin in ihrem Amt als Gemeindeammann von Möriken-Wildegg Bauvorhaben in die Wege leitet. Oder Désirée Stutz (SVP), die gemeinsam mit ihrem Mann, einem Schreiner, schon mehrere Altbauten saniert hat. Einen Bau-Experten gab es auch in der Runde: Alfons Kaufmann (Die Mitte). «Das Bauen liegt mir im Blut», erklärte der Unternehmer, der in seinem Leben mehrere Ämter in der Bauwirtschaft bekleidete und heute ein Maler- und Gipsergeschäft führt.

Appell an Bauleute: «Macht Politik! Es braucht uns.»

Moderatorin Simone Steiner nahm das Thema sogleich auf und wollte von den Referenten wissen, warum die Bauwirtschaft im Grossen Rat derart untervertreten ist. «Den Beruf, die Familie und die Politik unter einen Hut zu bringen, ist eine grosse Herausforderung», erklärte Barbara Müller-Portmann (Grünliberale). Sie selbst habe das Glück eines guten Umfelds, das ihr den Rücken stärke. Alfons Kaufmann pflichtete ihr bei, richtete aber den Appell ans Publikum: «Macht Politik! Es braucht uns.» Die Politik schaffe Abwechslung zum Unternehmen und eröffne neue Blickwinkel.

Auch Jeanine Glarner bedauert das Fehlen von Leuten aus der Bauwirtschaft im Parlament und rief Bauunternehmer auf, ihre Poliere für den Einstieg in die Politik zu motivieren. Uriel Seibert (EVP) gab zu bedenken, dass es auch Freude für die Politik brauche. «Nicht jeder muss politisch Vollgas geben», erklärte er. Man könne die Politik schliesslich auch passiv unterstützen. Er wünsche sich vor allem mehr Wertschätzung für die Politik.

Verdichtetes Bauen: Schluss mit dem «Gärtchendenken»

Vom politischen Nachwuchs aus dem Baugewerbe lenkte die Moderatorin die Diskussion auf die Themen Einsprachen, verdichtetes Bauen und Biodiversität. Die Runde war sich einig, dass sich Einsprachen bei Bauvorhaben – gerade in dicht besiedelten Regionen – kaum vermeiden liessen. «Die Bevölkerung muss mit diesem ‹Gärtchendenken› aufhören», meinte Colette Basler (SP). In der Schweiz müsse und wolle man verdichtet bauen, da brauche es einen gesunden Menschenverstand, um die beste Lösung für alle zu finden.

Trotz dem verdichteten Bauen, das in der Schweiz auf dem Vormarsch ist, gebe es innovative Ansätze, um dennoch eine Brücke zur Biodiversität zu schlagen, führte Robert Obrist (Grüne) aus. Er schwärmte etwa von vertikalen Gärten und bepflanzten Balkonen und gab sich überzeugt: «Hochhäuser müssen grüner werden.» Besonders private Gartenbesitzer seien gefordert, ergänzte Jeanine Glarner. Dass man etwa den Rasen nicht zu oft mähe oder gewisse Pflanzen nicht setze – in diesem Bereich könne durch Aufklärung noch viel getan werden.

Bauberufe müssen sich besser verkaufen

Von den Auswirkungen des gescheiterten EU-Rahmenabkommens für das Baugewerbe über den zeitweiligen Rohstoffmangel und das revidierte Beschaffungswesen endete die Diskussion schliesslich bei der Nachwuchsförderung. «Welche Hausaufgaben haben Politik, Unternehmen und Berufsverbände in diesem Bereich?», wollte die Moderatorin wissen. Uriel Seibert meinte, die Schule sei heute viel zu kopflastig. Es werde zu wenig mit den Händen gearbeitet.

Alfons Kaufmann pflichtete ihm bei und erklärte, heute würden alle nur noch von «Bachelor» und «Master» sprechen, Handwerker gälten in der Gesellschaft als weniger wert. Er glaube zwar nicht, dass Bauwirtschaftsberufe ein schlechtes Image haben, vielleicht müsse man sie aber besser verkaufen. Seibert stimmte Kaufmann zu und erklärte: «Das Baugewerbe wird völlig unterschätzt.» Man sehe nur aufeinander gelegte Steine, erkenne die ganze Komplexität dahinter aber nicht. Er ist überzeugt: «Diese Genialität der Branche muss der Gesellschaft vermittelt werden.»

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