Es war die klassische Ausgangslage: Alle wollen das Weggli, den Batzen und die Tochter des Bäckers. Ob das möglich ist, darum drehte sich die Diskussion am Podium der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) zum Thema «Spannungsfeld Zuwanderung».

Konkret: Es ist schwer, an hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu kommen, die Innovationskraft zu behalten und sich gleichzeitig von der EU nicht dreinreden lassen zu wollen. Darum war am Podium von AIHK und Economiesuisse hinter partei- und wirtschaftspolitischen Voten auch Ratlosigkeit zu spüren.

Die Altlasten

Der etwas klebrige Teig, auf dem alles basiert, ist das Bevölkerungswachstum und die Angst vieler Schweizer, dass es im eigenen Land bald zu eng wird. Zu tun hat dieses Bevölkerungswachstum auch mit Einwanderern, die aus Ländern kommen, mit denen die Schweiz ein Freizügigkeitsabkommen besitzt.

George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie, hat diese Migrationsströme untersucht und referierte darüber.

Seine Kernaussagen zum Einfluss der Migration auf den Arbeitsmarkt: Es gibt keine Masseneinwanderung. Die Leute seien bloss sesshafter geworden. Das heisst, die Rückwanderung hat stark abgenommen.

Die Sesshaften sind zugleich hauptsächlich die ungelernten und älteren Ausländer. Von diesen gibt es viele, weil in den 60er- und 70er-Jahren in der Schweiz eine grosse Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften bestand.

Das habe sich verändert – nun sind gut qualifizierte Migranten gefragt. Und für die vielen ungelernten Einwanderer gibt es in der Schweiz immer weniger Jobs, weil unqualifizierte Tätigkeiten ins Ausland ausgelagert werden.

Darum sei die Arbeitslosigkeit unter Ausländern überdurchschnittlich hoch. Die hohe Arbeitslosigkeit sei darum keine Folge der Personenfreizügigkeit, betont Sheldon. «Die vielen ungelernten, arbeitslosen Ausländer sind quasi die Altlasten der Schweiz», so der Ökonom.

Sheldons Schlussbouquet: Da die Unternehmen die Zuwanderung mit ihrer Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften steuerten, müssten sie auch stärker in die Verantwortung gezogen werden für die Kosten, die diese Einwanderer verursachen.

Damit nicht alle zahlen müssen

Im Podiumsgespräch, das az-Redaktor Mathias Küng leitete, wurde schnell klar: Bei der Zuwanderung ist es unmöglich, Weggli, Batzen und Bäckerstochter zu bekommen.

FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger rühmte die Personenfreizügigkeit. «Jeden zweiten Franken im Export verdienen wir in der EU.» Die Schweiz verdanke diesem Umstand einen grossen Teil ihres Wohlstands – das sei die Sonnenseite der Personenfreizügigkeit. Nun müsse man einen Weg finden, auch mit den Schattenseiten umzugehen.

Zu Sheldons Vorschlag, die Unternehmer in die Pflicht zu nehmen, sagte Daniel Knecht, Präsident der AIHK: «Auf dem Papier ist das schön – in der Realität schwierig.» Wer könnte entscheiden, welche Menschen Kosten verursachen und welche Geld einbezahlen?, fragte Knecht.

Er erwähnte Beispiele aus anderen Ländern, in denen Kontingente an Arbeitskräften festgelegt und die Firmen diese Kontingente dann ersteigern können. «Das bräuchte eine komplette Umstellung unserer Einwanderungspolitik.»

Sheldon schlägt risikoabgestufte Versicherungsbeiträge für die Arbeitslosenversicherung vor. «Wir sehen, dass Bau- und Gastgewerbe im Vergleich zum Betrag, den sie einzahlen, zwei- bis dreifach höhere Kosten auslösen.»

SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger will die Schattenseite mit einer SVP-Initiative bekämpfen, die bald vors Volk kommt. Flückiger setzt sich aber auch dafür ein, dass hoch qualifizierte Menschen zwischen 60 und 65 Jahren wieder in den Arbeitsprozess integriert werden. «Hier liegt viel Potenzial brach.»