Kanton
Plötzlich Schichtarbeit: Wie das Coronavirus die Arbeitszeiten verschieben kann

Das Virus bremst die Wirtschaft, aber es macht auch erfinderisch. Wacker Neuson, einer der wichtigsten Baumaschinen-Händler der Schweiz mit Filiale in Birr, hat deswegen auf Schichtbetrieb umgestellt. Auch ein Modell für die Bauwirtschaft?

Sébastian Lavoyer
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Corona-Not macht erfinderisch: Benjamin Wasinger, Geschäftsleiter des Bauzulieferers Wacker Neuson Schweiz, im Betrieb in Birr.

Corona-Not macht erfinderisch: Benjamin Wasinger, Geschäftsleiter des Bauzulieferers Wacker Neuson Schweiz, im Betrieb in Birr.

Chris Iseli

Es gibt die offensichtlichen Veränderungen durch das Coronavirus. So ist zum Beispiel der Empfang der Wacker-Neuson-Filiale in Birr mit einer Plexiglasscheibe geschützt, an der Tür hängt das Plakat mit den vom Bund empfohlenen Schutzmassnahmen und die zweite Tür, die direkt daneben liegt und in die Werkstatt führt, ist seit vier Wochen geschlossen.

Niemand kommt einfach so in die Werkstatt des Bauzulieferers. Hier stehen kleine Bagger, grosse Bagger, Dumper, Stampfer und Walzen. Dicht an dicht. Hier wird geschraubt, geputzt und geflickt. Wacker Neuson ist im Bereich Baumaschinen einer der grössten Player in der Schweiz. Verkauf, Vermietung, Wartung – der Weltkonzern mit Hauptsitz in Deutschland ist mit zwölf Niederlassungen auch in der Schweiz einer der bedeutendsten Bauzulieferer.

Immer wieder wurde zuletzt von mangelhaft umgesetzten oder nicht vorhandenen Corona-Schutzmassnahmen auf dem Bau berichtet. Bei Wacker Neuson haben sie die Krise antizipiert, schon Ende Februar sass die sechsköpfige Geschäftsleitung um CEO Benjamin Wasinger zusammen für ein Brainstorming. Im Zentrum die grosse Frage: Wie begegnen wir der unsichtbaren Bedrohung?

Die Lösung – neben der offensichtlichen und vom Bund empfohlenen Massnahmen: die Umstellung auf ein Zwei-Schicht-Modell. «Natürlich löste das bei unseren Mitarbeitern anfänglich keine Freudensprünge aus – im Gegenteil», sagt Wasinger zwischen Baggern und Walze stehend. Der Geruch von Motorenöl zieht zäh in die Nase. Nebenan schraubt einer dieser Mitarbeiter an einem Bagger. Es ist Vormittag, in der Werkstatt sind bloss zwei Leute am Arbeiten, im Büro zwei weitere, einer im Homeoffice und einer unterwegs. Auf Wartung auf einer der zahlreichen Baustellen im Aargau.

Neuer Arbeitsbeginn für die einen neu schon um 5 Uhr

Seit nunmehr vier Wochen teilen sich die zwölf Wacker-Neuson-Mitarbeiter am Standort in Birr den Tag auf. Die einen beginnen morgens um 5 und arbeiten bis 12.45 Uhr, die anderen starten den Arbeitstag um 13 Uhr und sind um 20.45 Uhr fertig. Anderthalb bis zwei Wochen hätte er seitens der Angestellten ein Widerstreben gespürt, gibt Wasinger zu.

Doch der Widerstand ist weg. Wasinger sagt: «Unterdessen sind alle begeistert. Denn sie fahren am Morgen ausserhalb des Stossverkehrs auf die Baustellen und auch am Abend können sie in Ruhe arbeiten.» Zudem hätten die Mitarbeiter nun auch erkannt, dass es von Vorteil sein kann, wenn man den Morgen oder den Nachmittag für sich hat. Für persönliche Erledigungen, Einkäufe.

Das 2-Schichten-Modell kommt bei Mitarbeitern und Kunden an

Neben dem Schichtbetrieb habe man für den Hauptsitz in Zürich, wo rund 40 der insgesamt 180 Angestellten in der Schweiz arbeiten, zusätzliche Bürocontainer gemietet. Anfänglich erntete CEO Benjamin Wasinger für sein rigoroses Vorgehen Kopfschütteln. Jetzt aber ist allen klar, warum der Chef so vehement reagierte. Wasinger sagt: «Mir ging es in erster Linie um den Schutz der Mitarbeiter, eine Pflicht jeden Arbeitgebers.» Um arbeitsrechtliche Beschränkungen foutierte er sich, weil er schnell eine Lösung brauchte.

Die bisherigen Erfahrungen mit dem 2-Schicht-Modell – seitens der Mitarbeiter, aber auch der Kunden, für die man nun länger erreichbar sei – sind nun aber so gut, dass Benjamin Wasinger sich fragt, «ob das nicht auch ein Modell für den Bau wäre». Denn derzeit seien zwar drei Mitarbeiter in Quarantäne. Aber nicht, weil sie sich am Arbeitsplatz angesteckt haben, sondern weil Familienangehörige am Coronavirus erkrankt sind. Bei der Arbeit halte man überall und immer Abstand. Da besteht keine Gefahr.

Die zum Teil heftig kritisierten Zustände auf den Baustellen haben dazu geführt, dass diese im Tessin und in Genf geschlossen wurden. Wacker Neuson musste deswegen die Filiale in Genf vor­übergehend schliessen und hat 15 Mitarbeiter zu 100 Prozent in Kurzarbeit schicken müssen. Um das auch in anderen Kantonen zu verhindern, findet der Geschäftsführer des Bauzulieferers, müsste auch die Bauwirtschaft in Betracht ziehen, innovative Lösungen zu finden und neue Wege zu gehen. Weniger Leute auf einmal auf einer Baustelle vereinfacht das Abstandhalten, eine der zentralsten Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus.