Reportage
Plötzlich mitten drin im Asylwesen – mit dem Nachtdienst auf Patrouille

Jahrelang hat Daniel Reis sich um die grossen und kleinen Sorgen der Densbürer gekümmert. Jetzt arbeitet der ehemalige Gemeindeschreiber für den Kanton. Genauer: Er besucht Nacht für Nacht die Asylheime und schaut zum Rechten. Das hat sein Weltbild nicht erschüttert.

Sabine Kuster
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Kinda (6) und Jana (7) aus Syriens sitzen in einem Raum des Restaurant Bahnhof in Leuggern. Sie haben sich ihre Fingernägel bemalt und kichern, als Reis eintritt.

Kinda (6) und Jana (7) aus Syriens sitzen in einem Raum des Restaurant Bahnhof in Leuggern. Sie haben sich ihre Fingernägel bemalt und kichern, als Reis eintritt.

Sabine Kuster

Daniel Reis hat es gern, wenn etwas passiert. «Wenn etwas läuft», sagt er, «ist es ein guter Tag.» Es ist 18.15 Uhr, Daniel Reis steht vor der Asylunterkunft in Holderbank. Jetzt ist er es also tatsächlich geworden: Der ehemalige Gemeindeschreiber von Densbüren ist Mitarbeiter im Nachtdienst der Aargauer Asylunterkünfte.

Vor drei Jahren war es, Daniel Reis war 54 Jahre alt, da beschloss er, nicht bis zur Pensionierung in seinem Büro im Densbürer Gemeindehaus zu arbeiten. «Ich wollte eine tagfertige Arbeit, keine Pendenzen mehr», sagt Reis, «wenn ich jetzt abends aufhöre, bin ich fertig mit der Arbeit. Wie ein Coiffeur.»

Aber wieder etwas mit Menschen musste es sein. Dabei merkt man nicht sofort, das Reis die Menschen mag. Freundlich ist er immer, aber so zurückhaltend, dass man ihn nur langsam kennen lernt und erst nach einer Weile nicht mehr denkt, er sei ein unnahbarer Typ. Einen knackigen Spruch für die Zeitung hat die Journalistin ihm nie entlocken können, als er noch Gemeindeschreiber war. Aber als er kündigte, fragte sie, ob er sie dann mal mitnehme auf eine Tour an seiner neuen, ungewöhnlichen Arbeitsstelle. Man werde sehen, erwiderte er.

Schimmel weg in Holderbank

Jetzt, wo es soweit ist, droht das Unternehmen schon in der ersten Asylunterkunft zu scheitern. Nicht etwa weil es die berühmt-berüchtigte Unterkunft in Holderbank mit den abgewiesenen Asylbewerbern ist. Nein, es ist alles friedlich an diesem frühen Donnerstagabend. «Hallo Chef, alles ok!», ruft einer von weitem. Die Männer, die die Schweiz nicht verlassen wollen, sitzen auf Plastikstühlen im Kreis. Eine Feierabendrunde, würde man denken, wüsste man es nicht besser.

Gearbeitet haben diese Männer hier schon länger nicht mehr. Dürfen sie auch nicht. Ausser kochen und putzen. Einer will Reis und seinem Chef Beat Hohl, mit dem er heute unterwegs auf Patrouille ist, zeigen, wie gut er geputzt hatte. Von Schimmel, über den das Newsportal «Watson» im April berichtete, ist in der Dusche nichts mehr zu sehen, die Küche ist aufgeräumt und der Mann will unbedingt noch den spriessenden Mais im Garten zeigen. Er tut es mit etwas zu viel Vehemenz. «Vielleicht», sagt Beat Hohl später, «war er betrunken.»

Die Asylunterkunft in Holderbank
17 Bilder
Schimmelnder Vorhang, Algen-Befall an den Wänden: Die Duschen in der Asylunterkunft Holderbank
Heftiger Algen- und Schimmel-Befall an der Decke der Dusche
Dusche, Toiletten, Waschraum: Blick in die sanitären Anlagen in Holderbank
Schimmel birgt gesundheitliche Risiken: Die Bewohner sind einem erhöhten Risiko für Atemwegsinfektionen und Asthma ausgesetzt
Auch an der Decke der zweiten Dusche sieht es nicht besser aus
Zwei schimmelnde Duschen sind für 38 Männer gedacht
Der Waschraum für 38 Männer: kaputter Spiegel, fehlende Seife
Ein Pissoir und drei Toiletten für 38 Menschen: Es riecht nach Urin und Algen
Küchenutensilien gibt es wenige: Vielen vorhandenen Pfannen fehlen Henkel und Griffe
Geschirr für 38 Menschen gibt es nicht
Die Wände im ganzen Haus sind verschmiert
Die Küchenlampe wird nicht repariert
Die Männer von Holderbank zeigen bereitwillig alle ihre Zimmer
In diesem Zimmer schlafen sechs Männer: Für Privatsphäre sorgen einzig die Leintücher über den Kajütenbetten
Die Elektrizität ist unorganisiert
Aussenansicht: Die Asylunterkunft an der Hauptstrasse in Holderbank

Die Asylunterkunft in Holderbank

watson.ch

Aber das ist es nicht, weshalb die Journalistin fast umgedreht wäre. Es ist, weil Daniel Reis sagt, dass er auf keinen Fall mit Foto in die Zeitung möchte. Um ihn gehe es doch nicht, sagt er. Die Journalistin seufzt und weiss einen Moment lang wirklich nicht, worum es hier geht. Darum, dass ein Gemeindeschreiber aus einem Dorf mit 700 Einwohnern und einer Handvoll Asylbewerbern nun plötzlich Teil des heiss diskutierten Asylwesens ist? Oder darum, dass einer mit 54 Jahren sozusagen dank den Asylbewerbern noch eine neue Stelle gefunden hat?

Es geht wohl um beides. Für die einen sind die Asylbewerber nur jene dunklen Burschen, die am Bahnhof herumlungern. Für andere sind es Nachbarn. Für Reis sind die Asylbewerber sein Job. Mit 54 Jahren noch mal wechseln zu können, sei nicht selbstverständlich, findet er. Und als die Journalistin später versucht, ihm ein politisches Statement über das Asylwesen zu entlocken, gibt er zu bedenken: «Ich verdiene Geld damit.»

Und nein, seit der den neuen Job mache, stimme er nicht anders ab als vorher. «Die Asylbewerber verursachen schon mehr Sozialausgaben», sagt er, «und das Geld wächst auch für mich nicht auf den Bäumen. Aber ich als Otto Normalverbraucher vermisse nichts. Trotz der Flüchtlinge.» Aber die Politik dürfe bei seiner Arbeit keine Rolle spielen. Das Ziel ist Ruhe für die Anwohner.

Reis willigt schliesslich zu einem Foto von der Seite her ein. Wir steigen ins Auto und fahren zur nächsten Asylunterkunft.

Perfekt habe er alles geputzt, beteuert dieser Mann in Holderbank dem Nachtdienst-Betreuer des Kantonalen Sozialdienstes. Aber Daniel Reis kontrolliert nicht die Sauberkeit, sondern ob sich zum Beispiel ein Fremdschläfer hier aufhält.

Perfekt habe er alles geputzt, beteuert dieser Mann in Holderbank dem Nachtdienst-Betreuer des Kantonalen Sozialdienstes. Aber Daniel Reis kontrolliert nicht die Sauberkeit, sondern ob sich zum Beispiel ein Fremdschläfer hier aufhält.

Sabine Kuster

Teig kneten oder nichts tun

In Windisch steht eine Baracke voller junger Eritreer. Sie sitzen gelangweilt in der Abendsonne. Täuscht es, oder grummelt einer trotzig etwas, als Reis und Hohl die Frage stellen, wie noch oft an diesem Abend: «Alles gut?» Drinnen schaut ein Eritreer Leichtathletik am Fernsehen. Ein anderer knetet Brot, ein dritter lernt Deutsch. Reis versucht kurz zu helfen. «Manche lernen Deutsch, andere interessiert das gar nicht», sagte er.

Die zweite Patrouille ruft an. Sie übernehmen jetzt die Leitung. Sollte die Polizei wegen einem Zwischenfall anrufen, ginge der Anruf zuerst zu ihnen. Die zweite Patrouille ist bis 4 Uhr morgens unterwegs zu den Asylunterkünften im Kanton, Reis und Hohl nur bis 2 Uhr.
Man arbeitet mit der Polizei zusammen: Gibt es Probleme, schaut oft der Nachtdienst zuerst zum Rechten, versucht einen Streit zu schlichten oder fährt einen Kranken ins Spital. Die Mitarbeiter sind Helfer und Kontrolleure in einem. Elf Personen arbeiten im Nachtdienst, alles gestandene Männer über 40. Wie Reis. «Neben ihm könnte die Welt untergehen, er bliebe ruhig», wird Beat Hohl später beim Nachtessen im Gasthof Schlüssel in Bad Zurzach sagen.

Gedrückte Stimmung

Aber wir sind erst in Brugg im Jägerstübli. Eines der zahlreichen Restaurants im Aargau, das nun eine Asylunterkunft ist. Hier wohnen Männer aus Sri Lanka. Es ist die dritte Unterkunft und hier – wie schon in Holderbank und Windisch ist die Stimmung seltsam gedrückt für einen lauen Sommerabend. Erst in Leuggern wechselt die Szene. Nicht wegen der Aare, die idyllisch vor dem Restaurant Bahnhof vorbeizieht und hinter der Brücke in den Rhein mündet. Sondern wegen der Kinder, die hier wohnen. Kinda (6) und Jana (7) aus Syrien zum Beispiel, die sofort auf Deutsch zu erzählen beginnen.

Im Betreuerbüro, das wie in allen anderen Unterkünften nachts nicht besetzt ist, liegt ein Backstein. Bevor die Unterkunft eröffnet wurde, flog dieser Stein durchs Fenster. Seither hat sich die Lage in Leuggern beruhigt. «Bei einem brennenden Thema sind wir live dabei», sagt Beat Hohl. Das gefällt ihm. Hohl war früher Grenzkontrolleur bei der Kantonspolizei. Seit dreieinhalb Jahren ist er im Nachtdienst und seit kurzem der Leiter. «Alle sind am Fachsimpeln, aber nur wenige, wissen, wie es wirklich ist. Wir an der Front haben zuweilen eine andere Sicht der Dinge als diejenigen, die entscheiden müssen.» Er nervt sich nicht. Das liege halt in der Natur der Sache, sagt er.

Auch später beim Znacht in Bad Zurzach lassen sich die «Experten» vernehmen. Die Serviertochter trägt schwarz-rot-gold. Deutschland spielt gegen Frankreich im Halbfinal der Fussball-EM – und kaum ist angepfiffen, beginnen die Gäste zu kommentieren und auszurufen. «Es wissen es schon wieder alle besser», grinst Hohl. «Sollen sie es doch besser machen», sagt Reis.

Team zwei ruft an. In der Casa Torfeld in Buchs ist ein Mädchen in der Dusche ausgerutscht und hat starke Schmerzen. Zu weit weg für beide Patrouillen, um innert nützlicher Frist dort zu sein. Das Mädchen wird durch die Securitas und zusammen mit einer Begleitperson ins Spital zur genaueren Untersuchung gebracht. Reis und Hohl bleiben noch einen Moment sitzen. Dann steigen sie wieder ins Auto, es ist 21.30 Uhr.

Treppensteigen in Rekingen

Wir fahren am Grenzübergang in Bad Zurzach vorbei. Kein Verkehr. Niemand will jetzt rüber nach Deutschland. Niemand in die Schweiz.

Mehrstöckige, alte Reihenhäuser direkt am Fluss. Alt und etwas verlottert, aber nicht ohne Charme. Rund 120 Asylbewerber wohnen hier in Rekingen, Männer aus verschiedenen Ländern. Die vielen Treppen sind das heutige Fitnessprogramm für Reis und Hohl. Eine Woche später wird der Gemeinderat von Rekingen seinen Bürgern empfehlen, anerkannten Flüchtlingen keine Wohnung zu vermieten, damit sie nicht längerfristig im Dorf bleiben. Die Sozialkosten könnten Rekingen das Genick brechen, fürchtet der Gemeinderat.

«Everything fine, don’t worry», sagt ein alter Mann. Alles sei in Ordnung. Er zerlegt in einer der kleinen Wohnungen ein halbes Huhn. Wieder knetet einer Brotteig. Ein anderer möchte eine Tablette gegen Kopfweh. Eine Gruppe spielt mit Schweizer Jasskarten. Die meisten schauen den EM-Halbfinal. «Deutschland soll gewinnen», finden die einen. «Frankreich», die anderen. An einer Tür stehen ein paar deutsche Wörter gekritzelt: «Was hast du gesägt, kein gesägt.»

So unterschiedlich sind sie nicht

Früher hat Daniel Reis die Formalitäten geregelt, wenn ein Densbürer heiraten wollte oder wenn einer starb. Er schrieb Protokolle und führte das Archiv. Jetzt fährt er nachts gut 100 Kilometer Auto und schaut pro Tour in rund 15 von total 70 Asylunterkünften im Kanton zum Rechten.

«Etwas Neues habe ich über die Menschen in meinem neuen Job nicht gelernt», sagt Reis. «in gewissen Situationen reagieren wir alle gleich.» Er ist zufrieden mit der neuen Arbeit, findet, im Kleinen könne er immer noch etwas bewegen. «Aber klar, das Asylproblem habe ich deswegen nicht gelöst.»

Im Betreuerzimmer hängt ein Plakat des Internationalen Roten Kreuzes. Fotos von Menschen, darunter steht, wen sie suchen: «I am looking for my mother. I am looking for my son.» Der Krieg ist weit weg hier in Rekingen in dieser Sommernacht. Grillen zirpen. Welches sind Wirtschaftsflüchlinge, welche kommen aus grösserer Not? «Naja», sagt Hohl. «Ich würde bei Krieg jedenfalls zuerst Mütter und Kinder in Sicherheit bringen. Nicht die jungen Männer.»

Früher Jugoslawen, jetzt Syrer

Es ist 22:45 Uhr. Das Auto holpert, wir fahren entlang des Waldes runter zur Aare in Untersiggenthal. Das alte Arbeiterwohnhaus war das erste Asylheim, in dem in den 90er-Jahren ein Nachtdienst eingeführt wurde, weil es so abgelegen steht. Damals wohnten Asylbewerber aus Jugoslawien hier. Nun sind es Familien aus Eritrea und Syrien. Die Frauen putzen die Flure, jetzt wo die Kinder nicht mehr herumrennen. Eines weint, das Schulzimmer ist leer. «Es geht so», sagt eine junge Frau ohne zu lächeln auf Reis’ Standard-Frage.

Kurz vor Mitternacht beim Asylheim in Fislisbach. Auch hier knetet jemand Brotteig. Junge Männer sitzen gut gelaunt in einer Runde beim späten Znacht. «Es läuft gut hier, seit einige Störenfriede weg sind», sagt Hohl. Wir stehen unter einer Strassenlaterne. Die Fislisbacher schlafen. Es ist eine gute Nacht im Asylwesen, alles bleibt ruhig auch in Birr und Wohlen, wo Reis und Hohl noch vorbeigehen werden. Sie werden nicht daran erinnert, dass die halbe Welt gleich nebenan wohnt. Nun ja, vielleicht nicht die halbe Welt – nur jene, auf die hier keiner gewartet hat.

Daniel Reis und Beat Hohl hätten es lieber weniger ruhig gehabt, hätten lieber etwas bewegt. Im Kleinen. Aber heute halt nicht. War da noch was? Ja, ein Zitat von Reis: «Irgendeinmal geht diese Zeit mit den vielen Asylbewerbern vorbei. Es verändert sich alles immer wieder. Ich weiss bloss nicht wann.»