Fall Rupperswil
Plauderte Kriminalpolizist Morddetails aus? «Er sagte mir, ich solle vage bleiben bei der Einvernahme»

Ein Kadermitglied der Kantonspolizei Aargau steht im Verdacht, kurz nach dem Vierfachmord geheime Details an Familienmitglieder weitergegeben zu haben. Was lange Zeit eine unbekannte Nebensache war, wurde gestern vor Gericht in Lenzburg zur Hauptsache.

Mario Fuchs
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Bei einem Brand an der Lenzhardstrasse in Rupperswil kamen vier Menschen ums Leben: Viel mehr wusste man Ende 2015 in der Öffentlichkeit noch nicht über das Tötungsdelikt.

Bei einem Brand an der Lenzhardstrasse in Rupperswil kamen vier Menschen ums Leben: Viel mehr wusste man Ende 2015 in der Öffentlichkeit noch nicht über das Tötungsdelikt.

Sandra Ardizzone

Weihnachten 2015, 25. Dezember, eine Familienfeier im Aargau. Thema Nummer eins am Tisch, wie überall in jenen Tagen: In Rupperswil starben am 21. Dezember vier Menschen bei einem Hausbrand. Man weiss zu diesem Zeitpunkt, wer die Opfer sind und dass eines von ihnen, Carla Schauer, kurz vor dem Tod Bargeldbezüge tätigte. Mehr nicht.

Doch an der Familienfeier weiss einer mehr. Stephan (Name geändert), 54, Berater, Familienvater. Die Runde mutmasst über die Täterschaft. Und kommt auf den Ex-Mann von Carla Schauer zu sprechen. Der sei durchgedreht und habe seine Familie getötet, spekulieren die einen. Stephan, der den Ex-Mann gut kennt, widerspricht, nimmt ihn in Schutz. Er sagt, das könne er sich nicht vorstellen. Denn auch als Ex-Mann schneide man seinen Angehörigen nicht die Kehle durch.

Es wird still in der Runde. Die Kehlen der Opfer wurden durchschnitten? Das Detail schockiert. Einige aus der Runde erzählen es später weiter.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
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Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Aussage gegen Aussage

Die Ermittler kommen wochenlang kaum weiter im Fall Rupperswil. Sie befragen systematisch alle Personen aus dem Umfeld der Mordopfer. Einige erwähnen dabei, sie hätten gehört, dass den Opfern die Kehlen durchgeschnitten worden seien. Die Staatsanwaltschaft horcht bei solchen Details, die nach wie vor Täterwissen und der Öffentlichkeit nicht bekannt sind, auf. Die Information muss aus Polizeikreisen stammen.

Verdächtigt wird der Dienstchef Forensik der Kantonspolizei Aargau. Gegen den erfahrenen Polizeioffizier wird ein Verfahren wegen Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung eröffnet. Stephan wird als Zeuge einvernommen. Auch seine Frau und seine Schwiegermutter werden befragt. Denn: Stephans Schwiegermutter ist die Lebenspartnerin des verdächtigten Dienstchefs. Und Stephan sagt: Ja, er habe die Information von seiner Schwiegermutter, oder eventuell von seiner Frau. Auf jeden Fall müsse sie ursprünglich vom Polizeioffizier stammen – eine andere Quelle komme für ihn nicht infrage.

Das sagt die Polizei: Der Fall ist zur Chefsache erklärt

Fiona Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Kanton Aargau, bestätigt auf Anfrage der AZ, dass ein Verfahren gegen den Offizier wegen Amtsgeheimnisverletzung laufe. Dieses wurde bis zum Ausgang des Verfahrens am Mittwoch sistiert.

Nach den Zeugenaussagen, die den Offizier belasten, dürfte es nun wieder an die Hand genommen werden. Die Staatsanwaltschaft wird dies nun prüfen. Gemäss Roland Pfister, Medienchef der Kantonspolizei Aargau, ist für die Kommunikation in diesem Fall das für die Kapo verantwortliche Departement Volkswirtschaft und Inneres von Regierungsrat Urs Hofmann zuständig.

Dessen Sprecher Samuel Helbling erklärt auf Anfrage: «Ich kann bestätigen, dass im Zusammenhang mit den Ermittlungen im Mordfall Rupperswil ein Strafverfahren läuft gegen ein Kadermitglied der Kantonspolizei wegen des Verdachts auf eine mögliche Amtsgeheimnisverletzung.» Weiter äussere man sich nicht zum laufenden Verfahren. (rio)

Doch Frau und Schwiegermutter sagen aus, das könne nicht sein. Sie wüssten nicht, dass den Opfern die Kehlen durchgeschnitten worden seien – und schon gar nicht hätten sie so etwas herumerzählt.

Aufgrund dieser Zeugenaussagen eröffnet die Staatsanwaltschaft jetzt – inzwischen ist es April 2016 – auch ein Verfahren gegen Stephan. Der Vorwurf: falsches Zeugnis. Es ist einer der wichtigsten Rechtsgrundsätze in einem Strafverfahren. Wer als Zeuge aussagt, muss die Wahrheit sagen. In Artikel 307 des Strafgesetzbuchs steht dazu: «Wer falsch aussagt, einen falschen Befund oder ein falsches Gutachten abgibt oder falsch übersetzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.»

Das Verfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung gegen den Polizeioffizier wird im Gegenzug sistiert. Mit anderen Worten: Die Staatsanwaltschaft glaubt eher, dass Stephan den Polizeioffizier zu Unrecht beschuldigt, Insiderwissen ausgeplaudert zu haben.

Angeklagter: «100 Prozent sicher»

Zwei Jahre später, gestern Mittwoch, kommt der Fall in Lenzburg vor das Bezirksgericht. Stephan sagt: «Ich bin schon erstaunt über diese Anklage. Ich habe vor zwei Jahren die Wahrheit gesagt.» Er sei sich zu 100 Prozent sicher, dass er die Information von seiner Schwiegermutter oder seiner Frau gehabt habe. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach, diesmal als Einzelrichter im Einsatz, hakt nach: Ob er andere Quellen als den Polizeioffizier ausschliesse? «Ja», sagt Stephan. Er habe keinen Grund, den Dienstchef «in die Pfanne zu hauen». Im Gegenteil: Der Streit darum, wer wen zu Unrecht beschuldige, habe seine Familie zerstört: Stephan ist nicht mehr mit seiner Frau zusammen, nach den Einvernahmen 2016 zog sie in eine eigene Wohnung.

Zeuge belastet Offizier ebenfalls

Die Schwester und der Sohn des Beschuldigten sind als Zeugen geladen. Sie belasteten den Dienstchef Forensik ebenfalls – obschon Gerichtspräsident Aeschbach die Zeugen mehrfach explizit darauf hinweist, dass sie sich mit einer Falschaussage strafbar machen könnten. Die Zeugen erklären, dies sei ihnen bewusst. Stephans Sohn, 23, belastet den Offizier gar zusätzlich. Er erzählt, man habe immer ein gutes Verhältnis zueinander gehabt, «bis zu dieser Sache».

Der Offizier habe ihn eines Abends an seinen Wohnort gebeten. Sie seien zu zweit spazieren gegangen. «Er sagte mir, falls ich einvernommen werden sollte, solle ich vage bleiben und bei Sachen, die jemanden belasten könnten, sagen, ich wisse es nicht mehr. So gerate ich selber nicht in Schwierigkeiten.» Das habe ihn verunsichert, und er habe nachgefragt, wo er zum Beispiel vage bleiben müsse. «Er sagte, wenn es etwa darum gehe, dass man einen halben Fingerabdruck am Tatort gefunden habe oder wie brutal die Kehlen durchschnitten worden seien.» Gerichtspräsident Aeschbach sagt: «Das ist dicke Post. Sie beschuldigten den Offizier damit der Amtsgeheimnisverletzung. Ist Ihnen das bewusst?» – «Ja. Das ist es mir.»

Aeschbach spricht Stephan in dubio pro reo vom Vorwurf des falschen Zeugnisses frei. Die Aussagen Stephans und der Zeugen seien glaubhaft. Es gebe auch keine Anzeichen einer Verschwörung: Niemand habe etwas davon, den Offizier zu diskreditieren. Gleichzeitig betonte Aeschbach, dass für alle Beteiligten, insbesondere den Offizier, die Unschuldsvermutung gelte.

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