Ist Mimi eine Klassikliebhaberin? Die blauen Augen der Neunjährigen sind konzentriert ins Nirgendwo gerichtet. Mimi lauscht der Musik, denkt man – wird aber eines Besseren belehrt. Im Wohnzimmer steht mit einem Mal eine zierliche, weisshaarige Frau – und lenkt die Aufmerksamkeit der Katze, einer Heiligen Birma, auf sich.

Die unergründlichen Augen der vierbeinigen Hausgenossin ruhen unverwandt auf Luise Thut. Mimi, man kann dich so gut verstehen, möchte man sagen, doch man lässt es bleiben, weil man das vertrauensvolle Zwiegespräch zwischen Mensch und Tier nicht stören möchte.

«Lieblingskind des Herrgotts»

Selbst wenn das Wort in diesem Zusammenhang nicht fällt, ist es gleichwohl präsent: Vertrauen. Über dieses verfügt Luise Thut in verschwenderischem Mass. Überzeugungskraft, Charme, Fröhlichkeit, Hartnäckigkeit, Charisma und Bescheidenheit müssen ergänzend im selben Atemzug erwähnt werden, denn: Wie sonst hätte Luise Thut, die heute ihren 90. Geburtstag feiert, eine Aufgabe geschafft, an der andere vielleicht zerbrochen wären: die Gründung eines Hospizes in der Schweiz (siehe Box).

Die Triebfeder dazu war stets «der Glaube, dass wir unsere Ziele erreichen. Ich wusste: Da ist jemand, der dir hilft. Ich war nie allein. Oft denke ich, das Lieblingskind des Herrgotts zu sein. Und: Ich lebe mit den Schutzengeln.» In den wasserblauen Augen von Luise Thut blitzt es vergnügt auf. Nein, nein, grössenwahnsinnig solle das um Gottes willen nicht klingen. «Es ist einfach so», sagt sie und wieder kräuselt ein feines Lächeln ihre Lippen. Aber der Reihe nach.

Unsere Reise führt uns zuerst nach München, wo Luise Thut am 28. Februar 1928 geboren wird. Sie und ihr Bruder sind Kriegskinder – eine schlimme Zeit, die Luise Thut nicht ausführlich bereden möchte. Sie will schon von klein auf Kinderärztin werden, aber studieren an der Universität? «Damals waren einfach ganz andere Umstände als heute. Die ‹Buabn› waren am Zug, denn die brauchten doch nach dem Krieg eine Zukunft.»

Also begräbt sie vorerst ihren Wunsch, geht in die USA zu Verwandten, erkundigt sich dort nach einem Medizinstudium – «das aber viel zu teuer war» – und wird schliesslich Kinderbetreuerin. Nach einigen Jahren geht sie zurück nach Europa, wandert dann aber «offiziell in die USA aus».

Dort lockt eine vielversprechende Stelle bei den Scandinavian Airlines (SAS), die auf Luise Thut zugeschnitten ist: Sie betreut VIPs, was ihr sehr entgegenkommt, denn «ich habe immer schon leicht Zugang zu Menschen gefunden». Irgendwann kreuzen sich die Wege von Luise Thut und dem Swissair-Piloten Heinz Thut; es «funkt» zwischen den beiden; sie heiraten und werden 1965 in der Schweiz sesshaft – vorerst. Später kommen für einige Jahre Lebensstationen wie Bangkok und Hongkong hinzu, bevor sich das Ehepaar endgültig im Aargau niederlässt.

Ein entscheidender Anruf

Luise Thut lernt unter anderem eine Amerikanerin – Opernfreundin wie sie – kennen; man pflegt eine schöne, intensive Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen. Dann, eines Tages, ein Anruf aus den USA: «Ich habe Krebs.» Luise Thut besucht die Freundin, verbringt Tage und Wochen mit ihr; ist tief beeindruckt durch das liebevoll begleitete Sterben der unheilbar Kranken in einem amerikanischen Hospiz.

Warum gibt es kein Hospiz im Aargau? Der Gedanke, dort eine solche Institution zu errichten, lässt Luise Thut nach dem Tod ihrer Freundin nicht mehr los. Rückblickend sagt sie: «Ich bin für meine Aufgabe bereit gewesen.» Weil es in der Schweiz noch keine entsprechende Ausbildung gibt, erwirbt Luise Thut im Ausland den Titel Certified Hospice Trainer, der sie berechtigt, ein Hospiz zu führen und Mitarbeitende auszubilden.

Zudem knüpft sie unermüdlich Beziehungen wie etwa zur Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und zur britischen Hospiz-Pionierin Cicely Saunders, die zu wichtigen Wegbegleiterinnen werden. Vor allem ein Satz von Cicely Saunders hallt in Luise Thut nach: «Nicht die lebensbedrohliche Krankheit steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch, der an ihr leidet in seiner Ganzheit. Seine Würde zu erhalten, ist unser Ziel – Leben bis zuletzt begleiten, der Weg dazu.»

Sterben ist Teil des Lebens

Luise Thut sieht sich unzähligen gesellschaftlichen und politischen Hürden gegenüber – doch kapitulieren? Niemals. Mit sieben Bekannten gründet sie 1994 den Aargauer Hospizverein zur Begleitung Schwerkranker. 2005 ist es so weit: Das Hospiz an der Reuss – das erste im Kanton Aargau – wird im ehemaligen Kloster Gnadenthal in Niederwil eröffnet; 2010 zieht das Hospiz dann nach Brugg um.

Wer dort die hellen, freundlichfamiliären Räume aufsucht, wird feststellen, was Luise Thut so zusammenfasst: «Das Hospiz nimmt die Angst vor dem Tod.» Sie spricht von Liebe und Empathie und deren immenser Bedeutung in einer zunehmend materialisierten Welt. «Dass Sterben auch hierzulande nicht mehr nur als Ende des Lebens, sondern als Teil des Lebens begriffen wird», sei Luise Thuts Verdienst, hat die Publizistin Klara Obermüller einmal geschrieben.

Luise Thut selbst würde wohl bescheiden abwinken und stattdessen Cicely Saunders zitieren: «Es geht darum, den Tagen mehr Leben und nicht dem Leben mehr Tage zu geben.»