Ökumenische Wegbegleitung

Pilotprojekt der Landeskirchen um die Welt menschlicher zu gestalten

Sie sind gespannt auf das Pilotprojekt Wegbegleitung (von links): Iris Bäriswyl Igbeta, Sozialarbeiterin, und Beatrice Bieri, Sozialdiakonin. Marc Reinhard

Sie sind gespannt auf das Pilotprojekt Wegbegleitung (von links): Iris Bäriswyl Igbeta, Sozialarbeiterin, und Beatrice Bieri, Sozialdiakonin. Marc Reinhard

Zwei Landeskirchen starten das ökumenische Pilotprojekt Wegbegleitung für Menschen in schwierigen Situationen. Beteiligt sind die Reformierten Kirchgemeinden in Mellingen und Leutwil sowie die Katholischen Kirchgemeinden in Brugg und Schöftland.

Der bevorstehende Umzug steht wie ein Mount Everest vor einem Menschen. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Trauer um einen geliebten Menschen wiegen derart schwer, dass die Bewältigung ans Lebendige gehender Situationen alleine nicht zu schaffen ist. Wer denkt da insgeheim nicht: Wie schön wäre doch eine temporäre Begleitung. Wäre?

Die Möglichkeits- wird ab Juni zur Gegenwartsform. Ab dann bieten die Reformierte Landeskirche Aargau und Caritas Aargau (im Auftrag der katholischen Landeskirche) nämlich eine Wegbegleitung an. Am Pilotprojekt beteiligt sind die Reformierten Kirchgemeinden in Mellingen und Leutwil sowie die Katholischen Kirchgemeinden in Brugg und Schöftland.

Anteilnahme, Zuhören, Rat und Tat

Ist Wegbegleitung eine Neuheit? «Nein», sagt Iris Bäriswyl Igbeta, Sozialarbeiterin der römisch-katholischen Kirche in Brugg. «Eine solche gibt es bereits seit etlicher Zeit in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Wir wollten im Aargau schon lange eine Wegbegleitung, und zwar eine ökumenische.» Was vermag eine Wegbegleitung überhaupt? Sie begleitet Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein Stück weit mit Anteilnahme, Zuhören, Gesprächen, Rat und Tat oder auch schon mal mit Spaziergängen.

Welche Situation als schwierig empfunden wird, definiert selbstverständlich jeder Mensch anders. Ein Umzug – freiwillig oder unfreiwillig – kann für den einen weit belastender sein als für einen anderen. Arbeitslosigkeit kann einen Menschen entmutigen; der Verlust eines geliebten Menschen kann ihn im Innersten treffen; eine Krankheit kann ihn aus der Bahn werfen.

Wie auch immerdie einzelnen Situationen sind: Die, notabene kostenlose, Wegbegleitung ist da – vielmehr ihre freiwilligen Helferinnen und Helfer, die Beatrice Bieri als «verlängerten Arm der Kirche, der zu allen reicht» bezeichnet. Die Sozialdiakonin ist als Leiterin Vermittlungsstelle Wegbegleitung Brugg mit einem 20-Prozent-Pensum für zunächst zwei Jahre angestellt worden. Bei Beatrice Bieri laufen die organisatorischen Fäden zusammen. Sie ist Ansprechpartnerin von Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern und koordiniert zugleich deren Einsätze. Wie sieht das konkret aus? «Meldet sich jemand bei mir, sitzen wir zu dritt beisammen und besprechen, was der Hilfesuchende möchte. Schliesslich wird ein Vertrag für eine beschränkte Zeit abgeschlossen. Eine Begrenzung ist auch für Hilfesuchende gut», sagt Beatrice Bieri.

Ab Juni in Praxis umgesetzt

Wie lange eine Wegbegleitung dauern kann, ist nicht absehbar, weil noch keine Erfahrungswerte vorliegen. «Pro Woche begleiten wir einen Hilfesuchenden im Maximum einen halben Tag», merkt Beatrice Bieri an und fügt hinzu: «Die Wegbegleitung bietet weder Therapien noch fachliche Beratung an.» Zeichnet sich ab, dass fachliche Hilfe notwendig ist, verweist Beatrice Bieri auf entsprechende Institutionen.

Noch ist die WegbegleitungTheorie – ab Juni ist sie Praxis. Etwas Lampenfieber im Hinblick darauf dürfen die Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter somit getrost haben. In Brugg haben sich dafür zehn Frauen und ein Mann ganz unterschiedlichen Alters gemeldet – erfreulich viele, wie Beatrice Bieri und Iris Bäriswyl feststellen, obgleich sie die Absenz von Männern bedauern. «Zu grosse berufliche Belastungen?», mutmassen sie, «dabei wäre die Mitwirkung von Männern so wichtig.» Wissen die beiden Frauen, weshalb sich die elf Menschen für das Pilotprojekt gemeldet haben? «Sie gewinnen Einblick in andere Lebenswelten und helfen mit, unsere Welt etwas menschlicher zu gestalten», sagen Beatrice Bieri und Iris Bäriswyl. Beide erwähnen einen weiteren, ausschlaggebenden Punkt: «Heute lieben Menschen soziale Aufträge mit einem ganz klar definierten, zeitlichen Einsatz.»

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