Nach neun turbulenten Jahren des Aufbaus, des Erfolgs und des Widerspruchs geht Professor Hermann J. Forneck, Direktor der Pädagogischen Hochschule FHNW, versehen mit dem Dank der Trägerkantone Baselland, Basel-Stadt, Aargau und Solothurn, auf Ende des Frühlingssemesters altershalber in Pension. Wie hat er selber dieses knappe Jahrzehnt erlebt?

Herr Forneck, Sie haben die Leitung der Pädagogischen Hochschule FHNW wenige Monate nach deren Gründung im Jahr 2006 übernommen. Wie lautete der Auftrag, der Ihnen der Fachhochschulrat und die vier Trägerkantone erteilt haben?

Hermann J. Forneck: Es war ein mehrfacher Auftrag. Es galt, acht Vorgängerinstitute aus vier Kantonen zu einer einzigen Hochschule zu vereinen und 27 Studiengänge auf 7 zu reduzieren. In der neuen Hochschule stiessen acht Administrationen, Kulturen und Strukturen aufeinander, es kam zu heftigen Abgrenzungsprozessen zwischen diesen lokalen Kulturen. Zudem ging es darum, die Lehrerbildung in der Nordwestschweiz konsequent zu tertiarisieren, das heisst auf Hochschulniveau anzusiedeln. Auch dagegen gab es anfänglich grossen Widerstand. Ein Kollege sagte zu mir, als ich das Amt 2006 antrat: «Das ist ein Himmelfahrtskommando!» 

Was denken Sie, warum hat der Fachhochschulrat gerade Sie für dieses Himmelfahrtskommando ausersehen?

Ich war zuvor einerseits während 14 Jahren in der Zürcher Lehrerbildung tätig, anderseits habe ich in Deutschland eine akademische Karriere durchlaufen. Ich kannte also beide Seiten der Lehrerbildung, die praktische und die theoretische. Das war es wohl, was man suchte.

Während Ihrer gesamten Zeit als Direktor verfolgte Sie der Ruf, Sie seien zu akademisch, zu theoretisch, Ihr Verständnis von Lehrerbildung sei zu «hoch», zu wissenschaftlich. Ein ungerechtfertigter Vorwurf?

Mir war bewusst: Ich betrete vermintes Gelände. Man musste in diesem Prozess viele Menschen erst gewinnen, überzeugen und Tabus brechen, was immer Ängste und Widerstände provoziert. Aber der Auftrag galt von Anfang an nicht nur der Theorie, sondern auch der Praxis. Wir haben den berufspraktischen Anteil über alle Studiengänge gesehen erhöht. Ebenso wurden Fächer wie Handarbeit, textiles Gestalten, Hauswirtschaft etc. aufgewertet. Wir haben im sogenannt «nicht-wissenschaftlichen» Bereich vieles getan, was öffentlich nicht wahrgenommen wurde. Mit unserem Partnerschulkonzept, das die praktische Ausbildung der Studierenden an den Schulen des Verbreitungsgebietes ins Zentrum stellt, haben wir Pionierleistungen vollbracht und auch internationale Anerkennung geerntet.

Die Angriffe auf Ihre Amtsführung, vor allem vonseiten des Verbandes der Dozierenden VDNW, haben Ihnen nach unserer Beobachtung schon etwas zugesetzt.

Der VDNW vertrat und vertritt nur einen kleinen Teil der Mitarbeitenden, erweckte aber stets den Eindruck, im Namen der Mehrheit zu sprechen. Die meisten der Widerstände erwuchsen aus dem schnellen Änderungsprozess. Es gab Leute, die durch diesen Prozess ihre bevorzugte Stellung und Privilegien verloren. Insgesamt bin ich überzeugt, dass sich die PH FHNW heute auf einem guten Weg befindet. Es gibt dafür Indizien: Die Zahl der Studierenden hat sich in den neun Jahren mehr als verdoppelt. Der fachliche Ruf der Hochschule ist sehr gut. Und: Die vierkantonalen Strukturen sind eingerichtet.

Gibt es auch einen Punkt, in welchem die VDNW-Kritik ins Schwarze traf? Immerhin hat der Fachhochschulrat nach der öffentlichen Kritik eine Untersuchung veranlasst.

Ja. Die administrative Belastung für viele Mitarbeitende hat das Mass des Zumutbaren aufgrund der enorm vielen Aufgaben zeitweise überschritten. Ich bedaure das sehr. Wir haben die notwendigen Korrekturen eingeleitet.

War es nicht möglich, zusätzliches Personal anzustellen? Waren die Träger nicht bereit, mehr Budget für zusätzliche Anstellungen zur Verfügung zu stellen?

Natürlich müssen wir bei knappem Budget sehr gut haushalten. Aber die Hauptgründe sind in der stetig wachsenden Zahl der Studierenden sowie in den angesprochenen Veränderungsprozessen zu suchen. Der Wechsel von lokalen Strukturen hin zu einer überlokalen Grossorganisation war und ist äusserst anspruchsvoll.

Kritik geerntet hat auch die Einführung des Professuren-Modells.

Auch dies war ein Kulturwechsel, etwas, was man bisher nicht kannte. Gearbeitet wird in Teams, die eine hohe Eigenverantwortung und einen eigenen Gestaltungsraum haben. Alle Teams sind sowohl in der Lehre wie auch in der Forschung und – ganz wichtig – in der Praxis tätig. Das Modell ist ein Garant dafür, dass die Lehre und die Praxis nicht zu kurz kommen.

Ihr Chef, FHNW-Direktionspräsident Crispino Bergamaschi, nannte Sie in einem Interview einen «Vorreiter der neuen Lehrerbildung in der Schweiz»; Sie hätten die PH in die Höchstklasse geführt. Und dann sagte er noch: «Vielleicht wollte er alles ein bisschen zu perfekt machen.»

Ich kann nur sagen: Es gibt für alles ein Zeitfenster. Das galt auch für diese Reform. Und dieses Fenster war nur kurz offen. Es galt daher, ein hohes Tempo anzuschlagen. Mit diesem Tempo habe ich vielleicht einige überfordert. Aber denken Sie an die Entwicklungen in der Zentralschweiz; dort ist die mehrkantonale Pädagogische Hochschule wieder auseinandergefallen.

Was ziehen Sie zusammenfassend für eine Bilanz über Ihre Amtszeit?

Eine solche Bilanz müssen eigentlich andere ziehen. Die schönste Anerkennung durften wir durch die ständig steigenden Studierendenzahlen ernten. Und es gab grosse Anerkennung aus der Fachwelt, gerade auch für unser Praxisschulmodell. Wir haben kürzlich einen internationalen Kongress zu diesem Thema durchgeführt. Und ich durfte hören, die PH FHNW sei zusammen mit wenigen Hochschulen in den USA, in Kanada und in den Niederlanden in der Top-Gruppe der Lehrerbildungsinstitute anzusiedeln.

Und wie hat sich die Bildungsdebatte in diesem knappen Jahrzehnt entwickelt?

Ein Thema ist immer mehr in den Vordergrund gerückt: Wir müssen es besser verstehen, mit der zunehmenden Verschiedenartigkeit unserer Kinder und Jugendlichen umzugehen, indem wir sie individuell fordern und fördern. Wir müssen einsehen: Für gute Schülerinnen und Schüler tun wir viel. Doch wir müssten unsere Anstrengungen zugunsten der leistungsschwächeren Jugendlichen deutlich steigern. Das würde sich in jeder Beziehung auszahlen, auch volkswirtschaftlich.

Nun gehen Sie in Rente. Wie werden Sie sich nun hauptsächlich betätigen?

Meine Tochter hat seinerzeit im Kindergarten auf die Frage nach dem Beruf des Vaters geantwortet: «Mein Papi ist Flicker …» Ich habe in der Tat eine andere, total unakademische Seite: mit den Händen arbeiten, reparieren, umbauen. Zu Hause wartet in dieser Hinsicht viel Arbeit auf mich. Und ich wandere sehr gern, vor allem im Zürcher und im Berner Oberland. Auch das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Ich freue mich darauf.