Baden
Pflegepersonal am Anschlag: Spitäler verletzen Arbeitsgesetz

Betroffene berichten von unhaltbaren Zuständen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Nach Auskunft von Pflegern hält sich das Kantonsspital Baden (KSB) nicht immer ans Arbeitsgesetz. Grund dafür ist in erster Linie der Personalmangel.

Dominic Kobelt
Drucken
Teilen
Das Pflegepersonal erhebt Vorwürfe gegen das Kantonsspital Baden. (Symbolbild)

Das Pflegepersonal erhebt Vorwürfe gegen das Kantonsspital Baden. (Symbolbild)

Keystone

«Wir dürfen maximal 100 Überstunden ins neue Jahr nehmen – was darüber ist, wird ersatzlos gestrichen», erzählt Laura*, diplomierte Pflegefachfrau in einer psychiatrischen Einrichtung in Bern. Durchschnittlich hätte das Pflegepersonal mehr als 80 Überstunden. Für deren Abbau ist jeder selber verantwortlich. «Es gibt aber fast keine Möglichkeit, freizunehmen.» Auch die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen kämen oft zu kurz, sagt Laura. Viele Angestellte würden nach kurzer Zeit wieder künden.

Auch Angela*, die noch in Ausbildung ist und in einem Pflegeheim in der Region Baden/Brugg arbeitet, sagt, sie habe wenig Freizeit und müsse häufig auf Abruf bereitstehen. Sie arbeite oft bis zu einer Stunde länger als die vereinbarten 8,5 Stunden und die Zeit für die Ausbildung käme zu kurz: «Ich fühle mich als billige Arbeitskraft.»

Auch grössere Institutionen wie das Kantonsspital Baden (KSB) halten sich nicht immer an das Gesetz: Nach sieben Arbeitstagen sind 83 Stunden Freizeit vorgeschrieben. Das werde im KSB nicht eingehalten, berichten Angestellte. Üblich seien drei Freitage nach einer 7-Tage-Schicht (72 Stunden). Also sieben Nachtschichten, beispielsweise bis am Dienstagmorgen, 7.15 Uhr, und am Freitagmorgen geht es weiter. Rund zweimal pro Monat müsse sie 7-Tage-Schichten übernehmen, so Jasmin*, die im KSB arbeitet.

Erlaubt, aber sehr anstrengend seien Spätschichten und am nächsten Tag Frühdienst: «Zwar sind zwischen den Schichten 7 Stunden Pause, aber wenn man noch nach Hause fahren und duschen muss, bleibt wenig Zeit für Ruhe.» Manchmal belaste einem der Job emotional und gehe an die Substanz. «Da kann man nicht einfach ins Bett lie-
gen und einschlafen.» Ramona* wiederum, ebenfalls am KSB tätig, erzählt:
«An strengen Tagen kommt man kaum zum Essen.»

Dem Personalleiter des KSB, Viktor Berger, sind keine «systematischen oder flächendeckenden» Verstösse gegen das Arbeitsgesetz bekannt. «In einzelnen Fällen, zum Beispiel bei einem Notfall, kann das natürlich vorkommen.» Er habe aber beispielsweise nie eine Meldung erhalten, dass nach einer 7-Tage-Schicht die 83 Stunden Freizeit nicht eingehalten wurden. Zu den Pausen sagt er: «Wir zwingen die Angestellten quasi zur Pause, weil am Mittag eine halbe Stunde unbezahlt ist. Arbeitet jemand trotzdem, muss er das dem Vorgesetzten melden und die Zeit wird gutgeschrieben.»

Die Industrie- und Gewerbeaufsicht des Kantons Aargau besucht zurzeit alle Spitäler des Kantons. Der Leiter der Aufsicht, Thomas Hartmann, räumt ein: «Es sind Situationen festgestellt worden, in welchen die arbeitsgesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten werden. Bei diesen Fällen sind jedoch keine systematischen Verstösse zu erkennen.» Verzeigungen sein bislang keine ausgesprochen worden: «Wir setzen im laufenden Vorgehen auf nachhaltige Lösungen anstelle von Strafen.»

Ein weiteres Problem: Weil nicht genügend Pflegefachfrauen vorhanden sind, übernehmen Pflegeassistentinnen ihre Aufgaben. Tamara* arbeitet seit rund 30 Jahren als Pflegefachfrau, momentan auf der Nachtwache in einem Alters- und Pflegeheim im Kanton Bern: «Es werden Personen auf Posten eingesetzt, für die sie gar keine Ausbildung haben.» Auch die Löhne seien sehr unterschiedlich und es herrsche keine Transparenz. Wenn man das kritisiere, regierten die Vorgesetzten zum Teil ungehalten, «zum Teil vertrösten sie auf später».

Beat Ringger, Zentralsekretär der Gewerkschaft VPOD, kennt das Problem. «Das Gesundheitswesen ist sehr personalintensiv.» Es lasse sich hier weniger einfach sparen als in der Wirtschaft: «Einem Patienten können sie das Essen nicht einfach doppelt so schnell eingeben.»

Da mit dem neuen System der Fallpauschalen der Anreiz bestehe, möglichst viele Operationen durchzuführen, seien die Pflegeangestellten nur ein Kostenfaktor. «Es gibt zu wenig Personal, aber vieles wird durch die Pflegenden aufgefangen – die Berufsethik ist extrem hoch.»

Der VPOD fordert, dass in den Pflegeberufen eine Urlaubskompensation eingeführt wird: Alle drei Jahre sollen drei Monate Urlaub am Stück die Belastungen kompensieren. Verschärft das die Situation nicht noch zusätzlich? «Wenn die Leute dadurch 20 Prozent länger im Beruf bleiben würden, hätte man das schon mehr als kompensiert», sagt Ringger.

Namen von der Redaktion geändert

Aktuelle Nachrichten