Pflegekinder
Pflegemutter sagt: «Mein Lohn sind funkelnde Kinderaugen»

Seit 18 Jahren pflegt die aus Deutschland stammende Ines Hähling Kinder – und dies trotz grosser Entbehrungen. Zurzeit leben - neben ihrer leiblichen Tochter - zwei Mädchen und ein Jugendlicher bei ihr in Orhmarsingen.

Martin Rupf
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Ines Hähling (l.) und ihre 14-jährige Tochter Heide (r.) spielen im Zimmer zusammen mit den drei Pflegekindern. chris iseli

Ines Hähling (l.) und ihre 14-jährige Tochter Heide (r.) spielen im Zimmer zusammen mit den drei Pflegekindern. chris iseli

Laut Schätzungen leben in der Schweiz rund 12000 Pflegekinder. Drei davon in Othmarsingen bei Ines Hähling. Die 43-jährige Deutsche ist letzten Sommer zusammen mit ihrer 14-jährigen Tochter und dem 17-jährigen Pflegesohn Patrick* zu ihrem Partner in die Schweiz gezogen. Schon nach wenigen Wochen erfuhr die Familie Zuwachs, als die beiden Pflegetöchter Alisia* (1 Jahr) und Nina* (2 Jahre) zur Familie stiessen.

Und so erstaunt es denn auch nicht, dass es bei Ines Hähling zu Hause nach Kindern aussieht. Hier ein Spielzeug, dort eine Zeichnung und da ein Stofftier. Ines Hähling aber will so gar nicht dem Klischee einer bemutternden Frau entsprechen, in deren Leben es nichts anderes als Kinder gibt. Ruhig und
doch bestimmt schickt sie die Kinder aufs Spielzimmer, damit sie ihre Geschichte ungestört erzählen kann.

Für eigene Kinder völlig normal

Aufgewachsen in Dresden, bekam sie mit 23 ihr erstes Kind. «Ich wollte schon als Teenager fünf Kinder haben.» Umso grösser sei dann der Schock gewesen, als ihr Ärzte nach der Geburt ihres ersten Kindes beschieden, sie dürfe aus gesundheitlichen Gründen keine weiteren Kinder mehr zu Welt bringen. «Weil sich herausstellte, dass es sehr schwer ist, ein Kind zu adoptieren, wenn man bereits ein Kind hat, entschied ich mich, ein Kind zur Pflege aufzunehmen – das war im Alter von 25 Jahren.»

Seither habe sie rund zwei Dutzend Kinder gepflegt und entgegen dem Rat der Ärzte noch die heute 14-jährige Tochter Heide zur Welt gebracht. «Für meine Kinder waren Pflegekinder immer das Normalste; sie kannten ja nichts anderes.»

Kontakt mit leiblichen Eltern

Sie habe den Pflegekindern immer klargemacht, dass sie nur ihre Pflegemutter sei. Die leibliche Mutter bleibe für die Pflegekinder die «Mami». Für die älteren Pflegekinder sei sie die «Mutti»; für die kleineren Pflegekinder die «Nanny». «Denn das Ziel einer Pflegeplatzierung ist es immer, dass die Kinder eines Tages wieder zu ihren richtigen Eltern zurückehren können», sagt Hähling. Dazu gehöre insbesondere, dass sie keine Konkurrenz zu den leiblichen Eltern darstellen dürfe. «Die Eltern von Alisia und Nina kommen einmal pro Woche vorbei und gehen mit den Kindern spazieren.» Die Begegnungen seien jeweils eher kühl. Dies umso mehr, als der leibliche Vater – er stammt aus einem anderen Kulturkreis – überhaupt nicht verstehen könne, weshalb er sich nicht mehr um seine eigenen Kinder kümmern dürfe.

Auch wenn Hähling den Kindern deutlich macht, dass sie «nur» die Pflegemutter ist, hindert sie das nicht daran, den Kindern alle nur erdenkliche Liebe, Fürsorge und Geborgenheit zukommen zu lassen. «Diese kleinen Geschöpfe nehme ich oft mit ganz traurigen Augen in Empfang.» Sie wolle diesen Kindern helfen, wieder lachen zu können und an Selbstvertrauen zu gewinnen. «Wenn diese traurigen Kinderaugen wieder funkeln, ist das der grösste Lohn.»

Der Wunsch nach Anerkennung

Es ist faktisch auch der einzige Lohn. «Reich wird man als Pflegefamilie nicht», sagt Hähling. Trotz der Zahlungen der Fachstelle würden sie eher noch drauflegen. Kommt hinzu, dass die ausgebildete Krankenschwester auf eine Erwerbstätigkeit verzichtet. Und auch sonst nehmen sie und ihr Lebenspartner einiges auf sich. «Mit vier Kindern liegen Ferien nicht drin. Immerhin bietet die Fachstelle einen Entlastungsdienst an Wochenenden an.» Doch viel mehr als finanzielle Unterstützung wünscht sich Hähling eine grössere Anerkennung für das Engagement, das sie und andere Pflegeeltern leisten würden. Hähling hält aber fest: «Die Betreuung durch die Fachstelle in Baden ist sehr gut, ebenso wie die Supervision.»

Und wie geht sie damit um, wenn sie die Kinder wieder abgeben muss? «Über all die Jahre habe ich gelernt loszulassen.» Sie sage sich dann jeweils: «Schön, dass ich dich ein Stück auf deinem Lebensweg begleiten durfte.» Ob sie denn noch Kontakt mit ehemaligen Pflegekindern pflege? «Nein, ich möchte das Kind nicht mehr mit der Pflegesituation konfrontieren.» Auch überhaupt keine Neugierde? «Nein, ich hoffe einfach, es geht meinen einstigen Pflegekindern heute bei ihren Eltern gut.»

*Namen von der Redaktion geändert.

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