Pflegeinitiative
Eine Pflegefachfrau berichtet: «Manchmal trinke ich nicht so viel, damit ich nicht so oft auf die Toilette muss»

Bei der Delegiertenversammlung von ArbeitAargau berichtete Pflegefachfrau Stephanie Hasler aus ihrem Berufsleben. Eindrücklich schilderte sie, unter welchen Bedingungen sie sich um Neugeborene kümmert und warum sie für die Annahme der Pflegeinitiative kämpft.

Dominic Kobelt
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Bei der Delegiertenversammlung berichtete Pflegefachfrau Stephanie Hasler aus ihrem Berufsleben.

Bei der Delegiertenversammlung berichtete Pflegefachfrau Stephanie Hasler aus ihrem Berufsleben.

Dominic Kobelt

Aarau gehört zu den neun Spitälern der Schweiz, in denen auch extrem frühgeborene Kinder nach 24 Schwangerschaftswochen oder 16 Wochen vor dem Geburtstermin medizinisch versorgt werden können. Dass die Arbeit auf der Neonatologie anspruchsvoll und zeitweilen auch stressig und anstrengend ist, versteht sich von selbst. Trotzdem löste das, was Stephanie Hasler den Delegierten von ArbeitAargau aus ihrem Alltag erzählte, bei manchem ein ungläubiges Kopfschütteln aus, andere schluckten leer.

«Je schneller man sein will, desto mehr Fehler passieren», erklärte Hasler. Zudem sei Zeit zum Zuhören manchmal genau so wichtig wie Adrenalin bei einer Reanimation – und diese fehle leider ganz oft. Am Telefon hätte sie schon den Gesprächspartner mit den Worten vertrösten müssen:

«Entschuldigen Sie, ich komme gleich zurück, ich muss ein Baby stimulieren, bis es wieder richtig atmet.»

Als Pflegefachfrau mache sie alles, damit es den Patientinnen und Patienten gut gehe. «Ich habe aber oft zu wenig Zeit für die Eltern.» Am meisten würden aber das Personal leiden. «Manchmal trinke ich extra nicht so viel, damit ich nicht so oft auf die Toilette muss», berichtet Hasler. «Ständig wird man angefragt, ob man den Dienst abtauschen könne. Und Überzeit wird mit Pikettdienst abgebaut - dann bin ich zwar zuhause, aber weit weg kann ich doch nicht, weil ich bei einem Notfall zur Stelle sein muss.»

Warum der Personalmangel? Obwohl es Interessentinnen und Interessenten gebe, würden viele nach kurze Zeit wieder aufhören. «Nicht, weil ihnen der Beruf nicht gefällt, sondern wegen der Arbeitsbedingungen», ist Hasler überzeugt. Deshalb sei es nötig, dass die Pflegeinitiative angenommen werde, der Gegenvorschlag würde zu wenig bewirken. «Wir möchten nicht reklamieren, aber sensibilisieren», stellt sie klar.

SVP-Nationalrat gab den ersten Anstoss

Claudia Hofmann, Vorstandsmitglied bei ArbeitAargau, warb für ein Ja zur Pflegeinitiative.

Claudia Hofmann, Vorstandsmitglied bei ArbeitAargau, warb für ein Ja zur Pflegeinitiative.

Dominic Kobelt / Aargauer Zeitung

Claudia Hofmann, Vorstandsmitglied bei ArbeitAargau, erklärte den Delegierten die Initiative im Detail. Einen ersten Anstoss gab Alt Nationalrat Rudolf Joser, der 2011 die parlamentarische Initiative «Gesetzliche Anerkennung der Verantwortung der Pflege» eingereicht hatte. Mit verantwortlich dafür ist wohl seine Frau, die lange Zeit als Pflegefachfrau gearbeitet hat. «Als diese abgelehnt wurde, war das der Startschuss für den Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK für eine Volksinitiative», erklärt Hofmann.

«Es sind die grössten Schuhe, die sich der SBK je angezogen hat.»

Dass es in der Schweiz mehr Pflegepersonal braucht, ist weitestgehend unbestritten. Hofmann unterstrich dies dennoch mit eindrücklichen Zahlen: Laut Prognosen fehlen bis 2030 etwa 65'000 Pflegende. Die Schweiz bildet nicht einmal die Hälfte des hier benötigten Pflegepersonals selber aus. Und 46% hören mit ihrer Arbeit noch während des Erwerbslebens wieder auf - «oft, weil sie einfach nicht mehr können», sagt Hofmann. Deshalb genüge die Ausbildungsoffensive, die im Gegenvorschlag vorgesehen ist, nicht, auch die Arbeitsbedingungen müssten verbessert werden. «Das Parlament hat bei der Ausarbeitung des Gegenvorschlags versagt», erklärt auch Nationalrätin und ArbeitAargau-Präsidentin Irène Kälin.

Arbeiten in amerikanischen Verhältnissen

Obwohl in der Diskussion viele betonten, eine gute Pflege dürfe auch etwas kosten, und man könne sich dies in der Schweiz leisten, brachte Hofmann auch finanzielle Aspekte ins Spiel, die für die Pflegeinitiative sprechen: «Eine Studie hat gezeigt, dass weniger Komplikationen auftreten, wenn genügen Personal vorhanden ist.» Zudem führe dies insgesamt zu kürzeren Aufenthaltsdauern. Auch wenn der Spitex und den Pflegeheimen mehr diplomiertes Personal zur Verfügung stünde, könnten Kosten gesenkt werden, weil es zu weniger Spitaleintritten komme.

Was im momentanen System falsch läuft, erklärte Hofmann mit einem Beispiel: «Eine Spitexorganisation hat die Mitarbeiterin des Monats jeweils aufgrund der abrechenbaren Leistungen gekürt – was die Krankenkasse nicht bezahlt, zählt nicht.» Der Wert, mit einem Senior eine Tasse Tee zu trinken, gehe dabei völlig unter. «Das sind amerikanische Verhältnisse.»

Und auch ein Delegierter, brachte seinen Frust zum Ausdruck: «Ich arbeite in einem Pflegeheim, und wir arbeiten defizitorientiert - wenn wir ein hohes Defizit haben, gibt es mehr Geld. Dieses System ist doch krank.»

Einstimmig für die Pflegeinitiative

Die Delegierten sagten einstimmig Ja zur Pflegeinitiative.

Die Delegierten sagten einstimmig Ja zur Pflegeinitiative.

Dominic Kobelt

Die Abstimmung war dann erwartungsgemäss eine kurze Sache: Einstimmig befürworten die Delegierten von AarbeitAargau die Pflegeinitiative. Auch über die restlichen Traktanden herrschte Einstimmigkeit: Die Statuten wurden dahingehend geändert, dass es künftig keine Kommissionen mehr gibt, dafür Projektgruppen, die sich zeitlich begrenzt mit Themen auseinandersetzen. In den Vorstand wurde Daria Frick als Nachfolgerin für Dariyusch Pour Mohsen gewählt.

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